Von Christian Schwägerl
31. März 2006 Fünfzehn Millionen Menschen in Deutschland sind älter als 65 Jahre. Von ihnen werden nur rund 225.000 in den Statistiken als Ausländer geführt. Zwölf Millionen Menschen sind Kinder und Jugendliche unter fünfzehn Jahren. Unter ihnen sind eine Million offizielle Ausländer, jeder zehnte hat, wie es heißt, einen Migrationshintergrund.
Als die Staatsministerin für Integration, Maria Böhmer, jüngst im Innenausschuß des Bundestags Zahlen des Demographen Herwig Birg präsentierte, denen zufolge der jüngere Teil der Großstadtbevölkerung, Menschen unter vierzig Jahren, schon 2010 zur Hälfte aus Einwandererfamilien bestehen werde, sagte ein entgeisterter Parlamentarier: Aber das ist ja schon in vier Jahren!
Wir brauchen sie
Nun dämmert es: Diese Kinder und Jugendlichen bestimmen einen wesentlichen Teil der Gegenwart und einen noch wesentlicheren Teil der Zukunft. Die Formel von den Einwandererkindern wird nicht mehr ethnisch gemeint sein, sondern soziologisch - und vor allem ökonomisch. Längst wissen die Hüter der Sozialkassen und des Bruttosozialprodukts: Wir brauchen sie. Und ein solcher brutaler Utilitarismus ist das Beste, was diesen Jugendlichen widerfahren kann. Viele von ihren Eltern konnten ihre eigene Einkapslung so perfekt betreiben, weil niemand ihnen ins Gesicht gesagt hat, daß sie nach zwanzig Jahren in Deutschland verdammt schlecht Deutsch sprechen und jetzt ohne Stütze leben müssen. Ihre älteren Geschwister bekamen das Schild verloren umgehängt, bevor jemand gesucht hatte.
Die Humankapitallogik kommt platt und grausam daher, aber noch grausamer geht es in den Sonderzonen zu, in denen sie außer Kraft gesetzt wurde, wozu in vielen Bundesländern Hauptschulen gehören. Schon bald wird sich aber der Ausbildungsmarkt drehen, werden Jugendliche und Politiker die Unternehmer nicht mehr um Stellen für Lehrlinge anbetteln müssen, sondern umgekehrt. Wenn der Geburtenrückgang nach den Schulen auch auf dem Arbeitsmarkt durchschlägt, werden junge Menschen händeringend gesucht, werden Talentsucher an die Hauptschulen geschickt, nicht für RTL-Rappershows und Vorabendserien im Migrantenmilieu, sondern für die Schreinerei, den Schuhladen, die Werkzeugfabrik und das Biotechnologieunternehmen von nebenan. Doch wer wird zu finden sein?
Eine extrem häßliche Fratze
Die Berliner Rütli-Oberschule hat dem Problem nun eine extrem häßliche Fratze gegeben. Der Staat, in Person der Lehrer, kapituliert vor einer primitiven Gegenkultur, die sich mit islamischen Versatzstücken präsentiert, vor dem Anti-Ehrgeiz von Jugendlichen, die sich mit negativen Schlagzeilen über ihre Gangs und ihr Stadtviertel brüsten und die in der Art der Intifadakinder zum Pflasterstein greifen, sobald ein Kameramann auftaucht. Die letzten deutschen Mitschüler fangen an, ihr Kauderwelsch zu imitieren, um nicht aufzufallen oder um zu gefallen.
Wenn diese Kinder jetzt fünfzehn Jahre alt sind, verkörpern sie fünfzehn Jahre, in denen eine ganz besondere Form der Staatsverschuldung aufgehäuft wurde, das Aufmerksamkeitsdefizit. Von rechts ignoriert und von links unter multikulturellen Naturschutz gestellt, wuchsen sie in eine absurde Parallelwelt hinein. In einer Berliner Tageszeitung steht, was ein Rütli-Schüler beim Besuch eines ganz normalen Unternehmens, fünfundvierzig U-Bahn-Minuten entfernt, in Spandau, gesagt haben soll: Sind wir verreist? Offenkundig ja.
Unmögliche Sozialtechnologie
Dieses Defizit kann man nicht auf einmal begleichen, dennoch spricht nichts gegen phantasievolle Sofortmaßnahmen. Voreilig erscheint da Berlins Schulsenator Böger, der es ablehnt, Krisenschulen zu schließen und ihre Schüler auf Schulen im restlichen Stadtgebiet zu verteilen, wo sie nicht damit beschäftigt sind, die Sekundärprobleme ihrer Einkapselung zu bewältigen, sondern wo sie die Augen öffnen müssen für die deutsche Wirklichkeit des Jahres 2006, schon weil niemand Arabisch versteht.
Dieses Busing hat in Amerika nicht funktioniert, weil die Zehlendörfer Amerikas ihre Kinder nicht in die Neuköllns Amerikas schicken wollten, es gilt als Symbol einer unmöglichen Sozialtechnologie. Wo die Heimat aber nur Negativ-Erlebnisse und Selbstbezug ermöglicht, wie in Teilen von Neukölln, Kreuzberg, Wedding und in bestimmten Gegenden anderer Großstädten, wäre es einen Versuch wert, zwei, drei Rütli-Schulen aufzuteilen und zu sehen, welche Aha-Erlebnissen die Jugendlichen von so exotischen Orten wie Spandau nach Hause mitbringen.
Phantastische Beispiele
Es gibt phantastische Beispiele von Hauptschulen, die sich aus eigener Kraft dem Sumpf gezogen haben, in dem die Rütli-Schule steckt. Harte Regeln, deren Einhaltung zwei Lehrer pro Klasse durchsetzen, Deutsch allein als Umgangssprache, Zielvereinbarungen mit den Eltern. Nichts wäre falscher als das Stereotyp, Einwandererkinder, die Hauptschulen besuchen, seien dumm, gewalttätig, ziellos.
Die Hertie-Stiftung hat eine ganze Kartei von Jugendlichen, die es weit gebracht haben, die mit ein bißchen Hilfe von außen über das heimatferne, bildungsfeindliche Elternhaus hinausgewachsen sind. So könnte die demographische Entdeckung der nächsten Jahre aussehen. Der Integrationsbeauftragten Böhmer wurde am Freitag beim Ortstermin von den Lehrern der Rütli-Schule gesagt, es hätten sich viele Lehrer mit den gleichen Problemen bei ihnen gemeldet. Als sie wieder ging, trat ein Mädchen auf sie zu und sagte: Wir schaffen das schon. Das klingt nur kitschig.
Text: F.A.Z., 01.04.2006, Nr. 78 / Seite 35
Bildmaterial: AP
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