17. Januar 2006 Wer hätte gedacht, daß ein ordentlicher Politiker wie Günther Oettinger, CDU, Chef im Ländle, je die poetische Energie eines Marcel Proust freisetzen könnte? Daß ein Geruch, ein zufällig aufgeschnappter, uns zurückbringt in ein Früher, diese Erfahrung hat Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit in unser aller Namen aufgeschrieben. Nun kommt da ein Statement von Oettinger - und wir fühlen uns mit Proustscher Automatik sogleich ins immer schon verloren gewesene Paradies unserer Kindheit versetzt.
Was genau ist geschehen? Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat Oettinger dem Spiegel gesagt, die Schulglocke sollte in Zukunft doch eine halbe oder ganze Stunde später zum Unterricht läuten. Statt acht Uhr also halb neun oder neun. Kinder würden häufig früher aus dem Haus müssen als ihre Eltern. Wo dies anders sei, könnten die Schüler doch schon vor dem Unterricht in den Schulen betreut werden - eine halbe Stunde Betreuung sollte kein unlösbares organisatorisches Problem sein, so Oettinger.
Unsere unausgeschlafene Kindheit
Schulbeginn eine halbe oder ganze Stunde später - die Phonetik dieses einen kleinen Halbsätzchens reicht hin, um uns aufzuscheuchen aus dem faulen Frieden, den wir als Erwachsene irgendwann einmal mit unserer unfidelen, unleidlichen, weil chronisch unausgeschlafenen Kindheit geschlossen hatten. Mit einem Mal sind wir wieder mittendrin in der immer unverstanden gebliebenen Plötzlichkeit und Hektik der ersten Morgenstunde, diesem ewigen Mach voran, der Bus wartet nicht!, das uns beim allmorgendlichen Herausstolpern aus dem Haus in den Ohren klang. Damals war er das verchromte Standbild vor den rot geränderten Augen: der rotblau rollende, von den örtlichen Verkehrsbetrieben gecharterte Reisebus, der uns vom Land in die Schule brachte, dieser Bus, der nicht wartete, nie.
Bald war dies die Leistung, um die es in der Kindheit überhaupt nur gehen konnte: zu nachtschlafener Zeit mit offenem Schuh und vergessenem Buch diesen rotblauen Bus gerade noch zu bekommen. Oettinger sagt eine halbe oder ganze Stunde später - und uns ist, als würden wir in den kultusministeriell fehlgesteuerten Biorhythmus versetzt, die wortlose Tasse Tee als Symbol fürs morgendlich verdüstere Familienleben anschauend, gehetzte Blicke zur Küchenuhr werfend, zu dieser batteriebetriebenen Kindheitsbombe, tick, tack, die stets hochzugehen drohte, während sie sich taktlos in die flaue Morgenseele hineintickte. Kinderseelen wie wir wußten immer nur das eine: Gegen die Küchenuhr hat die innere Uhr keine Chance. Doch wie anders sah die Welt aus, wenn donnerstags die erste Stunde eine Freistunde war, die Schule erst kurz vor neun begann! Wäre die Kindheit ein Donnerstag gewesen, sie wäre zu meistern gewesen!
Fehlstart ins Leben
Der tägliche, den Tag vergiftende Fehlstart zum Bus - bei wie vielen sorgt er bis heute dafür, daß bald die ganze Schulzeit, ja die ganze Kindheit als Fehlstart ins Leben wahrgenommen wird! Die triste Grunderfahrung einer deutschen Schulkindheit (in Frankreich und Amerika etwa fährt man schon längst auf Oettingers Gleisen) sieht jenseits aller sozialen Schichtung doch so aus: Man kommt zu spät zu etwas, was einen zu früh erwartet hat. Ist es dieses antizyklische Lebensgefühl, das wir der kommenden Generation weitergeben möchten - das Gefühl, im Dämmerzustand neben einem Leben zu stehen, das es heute hellwacher denn je zu meistern gilt? Wie soll ein Kind, noch dazu mit dem Vorlauf einer Busreise vom Land, um acht Uhr morgens aufgelegt sein, einen Aufsatz zu schreiben, den Optativ herzusagen oder mit dem Geodreieck die Notenwelt zu vermessen? Wer seine Kinder zu früh weckt, kann keine aufgeweckten Kinder erwarten.
Das war lange vor Oettinger schon immer das Credo einer aufgeweckten Wissenschaft. So befaßt sich das noch junge Fach der Chronobiologie mit unserer inneren Uhr und den Problemen der Tagesrhytymik. Und eines ihrer Ergebnisse lautet: Von der Geburt bis zum zwanzigsten Lebensjahr werden wir tendenziell immer mehr zu Spätaufstehern. Unsere Schüler werden heute praktisch mitten in der subjektiven Nacht unterrichtet, erklärt Till Roenneberg, Leiter der Arbeitsgruppe Chronobiologie am Institut für Medizinische Psychologie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.
Für eine bessere Jugend
Auch die moderne Schlafforschung hat die Grenzen der wissenschaftlichen Objektivierbarkeit inzwischen weit in die Subjektivität des kindlichen Schläfers vorgeschoben. Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg, kürzlich als Schlafmediziner des Jahres mit dem Somnus 2005 ausgezeichnet, unterstützt Oettinger ebenso vehement wie die Landeselternschaft.
Stehen wir heute vor dem zarten Triebe einer Kulturrevolution, wenn die Kabinette Bayerns und Baden-Württembergs nun erklären, sich Ende Januar mit Oettingers ausgeschlafener Unterrichtsverspätung befassen zu wollen? Sollten diese Länder die Vorreiter für eine bessere Jugend werden, für eine bessere als jene, die wir selbst verdämmert haben? Auf der Suche nach der verlorenen Zeit möchten wir aus unseren Schlafzimmern in die Klassen- und Kabinettssäle Deutschlands rufen: Ach bitte, nur eine halbe Stunde noch!
Text: F.A.Z., 17.01.2006, Nr. 14 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
Ruf mich an! Die ARD schaltet um aufs ![]()
Stadtsparkasse: Wie Nordrhein-Westfalens Städte ihren Haushalt konsolidieren
Musikhochamt mit Porzellanklang: der ideale Entwurf von HG Merz für die Lindenopernsanierung
Freiheit braucht soziale Fürsorge: die amerikanische Gesundheitsreform
Rezension: Thomas Gsellas Warte nur, balde dichtest du auch!