23. März 2008 John R. Searle, 1932 geboren, ist Professor für Philosophie an der University of California in Berkeley. Seine Forschungsgebiete sind die Sprachphilosophie, die Philosophie des Geistes und Bewusstseinsforschung; seine Hauptwerke: Sprechakte“, Intentionalität. Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes“ und Geist, Sprache und Gesellschaft“.
Seit zweitausend Jahren beschäftigt uns Menschen die Frage des freien Willens. Seit Thomas Hobbes und David Hume hielt man sie für ausreichend beantwortet. Neuerdings kommen Zweifel auf. Sie sind einer der Kritiker von Hobbes und Hume. Warum?
Die meisten professionellen Philosophen sind der Ansicht, dass Hobbes und Hume die Frage nach dem freien Willen korrekt beantwortet haben. Die Antwort hieß Kompatibilismus.
Was genau meinten Hobbes und Hume damit?
Dass Determinismus und freier Wille miteinander vereinbar sind. Denn wer sagt: Ich habe aus freiem Willen gehandelt, sagt nicht: Ich habe ohne jegliche Ursachen gehandelt. Er sagt nur: Ich habe ohne bestimmte Arten von Ursachen gehandelt. Niemand hat mich gezwungen, für den demokratischen Kandidaten zu stimmen, niemand hat mir eine Waffe an die Schläfe gesetzt, ich handelte nicht unter dem Einfluss von Drogen oder unter Hypnose. In diesem Sinne spricht man von Kompatibilismus; William James nannte es soft determinism“, weichen Determinismus. Alle unsere Handlungen sind bestimmt, doch manche unserer Handlungen sind frei in dem Sinne, dass sie durch eigene innere und nicht durch äußere Ursachen bestimmt sind.
Und was ist falsch am Kompatibilismus?
Ich glaube, dass der Kompatibilismus schlichtweg danebenliegt. Ja, es gibt in der Tat eine Vorstellung von Freiheit. Es ist total okay zu sagen: Ich habe das aus freiem Willen getan“, selbst wenn meine Handlung komplett bestimmt war. Wenn Leute durch die Straßen marschieren und brüllen Freedom now!“, meinen sie, dass sich die Regierung aus ihrem Leben raushalten soll, nicht dass sie kausalen Determinismus verneinen. Das jedoch ist philosophisch völlig uninteressant. Der Sinn, in dem es philosophisch interessant wird, ist unabhängig vom Kompatibilismus. Dabei geht es um die Frage: Ist es der Fall, dass für alle meine Handlungen die vorausgegangenen Ursachen meiner Handlung ausreichend waren, um die Handlung zu bestimmen, oder gibt es Handlungen, deren vorausgegangene Ursachen nicht ausreichend waren, um sie zu bestimmen? Das ist die Bedeutung von freiem Willen, die ich interessant finde. Ich also weise Kompatibilismus zurück.
Doch warum treibt uns das jetzt um? Warum beschäftigen wir uns seit etwa zehn Jahren mit der Frage, ob freier Wille am Ende nur eine Illusion, eine Täuschung ist?
So neu ist das Gerede vom freien Willen nicht. Die Wittgenstein-Schülerin Elizabeth Anscombe hat mir vor vielen Jahren erzählt, dass auch Ludwig Wittgenstein in einer Unterhaltung klagte: I hate free willy talk.“ Die Leidenschaft freilich, mit der seit zehn Jahren über freien Willen gestritten wird, verdanken wir der Neurobiologie und der Vorstellung, die stets wachsende Kenntnis vom menschlichen Gehirn könnte uns helfen, die Frage nach dem freien Willen zu beantworten. Manche Forscher in Deutschland und auch in den Vereinigten Staaten meinen, dass die neurobiologische Forschung uns mehr und mehr Hinweise dafür liefert, dass der Determinismus wahr ist.
Also keine Freiheit der Handlung?
Alle unsere angeblich freien Handlungen sind vollständig bestimmt von kausalen Prozessen im Gehirn.
Dass Sie sich entschieden haben, Philosoph zu werden und nicht, sagen wir, Jurist, war keine freie Entscheidung?
Das wirft die tiefe Frage auf: Warum haben wir dieses Problem überhaupt? Warum machen wir so ein Geschrei um den freien Willen? Die Antwort lautet: Wir sind zwar an kausale Erklärungen für alles gewöhnt, aber wir alle haben auch die Erfahrung der freien Wahl. Im Zuge der freien Wahl können wir nur unter der Voraussetzung handeln, dass uns echte Alternativen offenstehen. Wir können unser freiwilliges Entscheidungsverhalten gar nicht verstehen, wenn wir freien Willen in meinem Sinne nicht voraussetzen.
In Ihrem Sinne heißt was?
Dass die Handlung nicht bestimmt ist von ausreichenden kausalen Bedingungen. Ich habe dafür noch keinen Begriff, ich sage, wir nehmen eine Lücke wahr zwischen den Gründen für unsere Handlung und unserer tatsächlichen Entscheidung – und eine weitere Lücke zwischen der Entscheidung und der tatsächlichen Ausführung der Handlung.
Diese Lücke bedeutet also, dass die Idee der Alternative uns offensteht?
Ja, aber das wirft die Frage auf: Könnte das nicht alles eine Täuschung sein? Die Antwort ist: Ja, könnte sein. Die Hirnforschung könnte herausfinden, dass freier Wille ganz und gar eine Täuschung ist. Aber, und das ist interessant und unterscheidet ihn von anderen Illusionen: Wir können nicht handeln, wenn wir nicht Freiheit voraussetzen. Denken Sie doch einfach an eine alltägliche Entscheidungsfindung. Im Restaurant bietet Ihnen der Kellner die Wahl zwischen Kalb und Rind an. Da werden Sie doch nicht antworten: He, ich bin Determinist, ich warte jetzt mal ab, wie ich mich entscheide.“ Die Verweigerung einer freien Entscheidung funktioniert nur, wenn ich die Freiheit zur Verweigerung voraussetze. Wenn man sich weigert, seinen freien Willen einzusetzen, macht das nur Sinn, wenn man seinen freien Willen in der Verweigerung zum Ausdruck brachte.
Also doch freier Wille?
Das zeigt nicht, dass wir freien Willen haben, es beweist nur, dass freier Wille sich sehr von anderen Täuschungen unterscheidet. Ich kann Lebensentscheidungen treffen unter der Annahme, dass optische Täuschungen tatsächlich Täuschungen sind. Aber ich kann meine Lebensentscheidungen nur treffen unter der Voraussetzung, dass sie tatsächlich meine Entscheidungen sind; dass ich frei entscheide, was ich tun will.
Warum beunruhigt uns der Umstand, dass es vielleicht keinen freien Willen gibt?
Nun, wir können uns unser Leben nicht mehr erklären, wenn wir die Voraussetzung von Freiheit aufgeben müssen. Wir müssen alles neu denken, und auch das ergibt nur Sinn unter der Annahme unserer Freiheit. Wenn wir herausfinden, dass alle unsere wohlüberlegten Entscheidungen und alle unsere Anstrengungen, zu besseren Entscheidungen zu kommen, und alle unsere Anstrengungen, unsere Kinder zu intelligenteren Entscheidungen zu führen, nur Epiphänomene waren und nichts als Schaum auf dem Weg, auf dem eine Maschine die tatsächlichen Entscheidungen unabhängig von all dem getroffen hat. Alles, was wir taten, machte dann keinerlei Unterschied. Das ist so verstörend an der ganzen Frage des freien Willens.
Verstörend, weil wir dann zurück in Ödipus’ Situation sind: Wir können weglaufen, aber es hilft nichts.
Ja, alles ist Schicksal. Wenn sich herausstellen sollte, dass der Determinismus vollständig wahr ist, dass all unsere Handlungen schon ins Geschichtsbuch aus der Zeit des Urknalls geschrieben worden sind, wenn alles, auch ob ich meinen rechten Arm oder meine linke Hand hebe, vor dreizehn Milliarden Jahren festgeschrieben wurde, dann hat uns die Evolution den größten Streich gespielt.
Warum die Evolution?
Weil die Evolution uns das Gehirn beschert hat, das uns in die Lage versetzt, Entscheidungen unter der Voraussetzung freien Willens zu treffen. Wir können eben nur freiwillige Entscheidungen treffen, vorausgesetzt, dass wir uns anders hätten entscheiden können. Sollte sich herausstellen, dass das eine massive Täuschung ist, dann ist das der größte Witz der Geschichte. All unsere Bemühungen, all unser Moralisieren, unsere Schuldgefühle – alles eine Menge heißer Luft, denn wir hätten sowieso nichts ändern können.
Dann gibt es auch keine Verantwortung, denn dann kann jeder sagen: Es war mein limbisches System, das mich dies oder jenes tun ließ. Welche Hirnforschung würde das Problem lösen oder das Argument befriedigend beantworten können?
Wir wissen nicht genug darüber, wie das Gehirn wirklich funktioniert. Was die Frage in der einen oder anderen Richtung allerdings beantworten würde, wäre, wenn wir herausfänden, dass das Gehirn ein einfaches, deterministisches System ist und wie jede andere Maschinerie funktioniert, wie der Motor eines Autos. Dann müssten wir sagen, der Determinismus ist wahr, denn unser Gehirn ist der Ort all unserer bewussten Denkprozesse und all unserer Entscheidungsfindungen.
Was, wenn es nicht so wäre?
Was, wenn Bewusstsein ein Element des Indeterminismus ins System einspeiste? Wir haben immer noch zu wenig Ahnung davon, wie das Gehirn Bewusstsein produziert, um eine Vorstellung zu haben, wie das wohl wäre. Also habe ich nachgeschaut, wo wir ziemlich sicher sind, dass es in der Natur Indeterminismus gibt. Sicher sind wir da nur auf dem quantenmechanischen Niveau. Doch kein Neurobiologe von Rang hält die quantenmechanische Erklärung für bedenkenswert.
Was wäre, wenn das Hirn wie das Herz, die Niere oder die Lunge tatsächlich komplett deterministisch funktionieren würde?
Das wäre der größte Wechsel, der je in unserem Denken stattgefunden hat. Dass niemand je verantwortlich ist für das, was er tut, dass alles komplett vorbestimmt ist durch vorausgegangene hinreichende Ursachen. Gerade daher rührt allerdings auch die Attraktivität des Kompatibilismus: Wir können scheinbar den Kuchen haben und ihn gleichzeitig aufessen. Klar, alles ist determiniert, aber man kann immer noch Leute beschuldigen, weil vielleicht ihr Handeln durch bestimmte Arten von inneren Ursachen determiniert war. Selbst wenn Hitlers Verhalten bestimmt war, kann man ihn immer noch moralisch zur Verantwortung ziehen, weil er von inneren Ursachen determiniert wurde. Ich habe das immer sehr unbefriedigend gefunden, aber das macht den Kompatibilismus eben so anziehend. Er lässt uns weiterhin das Vokabular moralischer Verantwortung benutzen und gleichzeitig verneinen, was wir normalerweise als Voraussetzung empfinden, nämlich die Möglichkeit von Alternativen.
Wie lösen Sie das Dilemma für sich selbst?
Die meisten Philosophen akzeptieren heute irgendeine Form von Kompatibilismus: Ja, natürlich sind wir determiniert, ja, natürlich sind einige unserer Handlungen frei. Wieso sind sie frei? Nun, sie werden durch innere psychologische Ursachen bestimmt und nicht durch äußere Umstände. Sobald sich jedoch klare Alternativen eröffnen, wird gar nicht mehr zwischen inneren und äußeren Ursachen unterschieden. Wie etwa in der Aussage: Ja, ich habe in der letzten Wahl für den demokratischen Kandidaten gestimmt, aber ich hätte leicht auch für den republikanischen stimmen können. Es war meine Entscheidung, meine Entscheidung war nicht determiniert.“ Wie ich es für mich löse? Ich denke, wir können nicht handeln ohne die Voraussetzung eines freien Willens. Da halte ich es mit Kant. Wir können nicht die Überzeugung des Determinismus leben, selbst wenn wir abstrakt davon überzeugt sind.
Haben Sie denn Erwartungen an die Neurobiologie?
Für mich ist die interessante Frage: Wie produziert das Gehirn Bewusstsein? Funktioniert das in einer Weise, die tatsächlich eine kausale Lücke erlaubt: zum einen zwischen meinen Gründen, mich zu entscheiden, und meiner Entscheidung, zum andern zwischen der Entscheidung und der Einleitung meiner Handlung. Wir erleben diese Lücke zwar, die Frage ist aber: Entspricht dieser Erfahrung eine Lücke in der Realität? Das ist für mich die ungelöste Frage der neurobiologischen Forschung.
Das Gespräch führte Christine Brinck
Buchtitel: Auf Deutsch erschien von John R. Searle zuletzt im Suhrkamp-Verlag Geist: Eine Einführung (2006).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: University of California
