Von Niklas Maak, Peking
08. Mai 2008 Als wir in Peking ankamen, lag ein seltsames Licht über der Stadt, und die Silhouetten der Hochhäuser verschwanden in einem graubraunen Dunst. Heute sei die Sicht leider nicht gut, erklärte die Dolmetscherin, es sei aber nicht so, dass dieses apokalyptische Halblicht immer gleich auf die Luftverschmutzung zurückgeführt werden könne, wie das, sagte sie, die westlichen Medien gern darstellten; oft handele es sich nur um Sandstürme aus der mongolischen Steppe. Während sie das sagte, tauchte aus dem Dunst der neue Doppelturm des chinesischen Fernsehsenders CCTV auf.
Es ist schon viel über diesen Bau, den Rem Koolhaas gemeinsam mit dem 37-jährigen deutschen Architekten Ole Scheeren entwarf, geschrieben worden: über die architekturgeschichtliche Bedeutung seiner spektakulären Form, über das Problem, Symbole für Propagandasender zu bauen; aber noch war kaum einer im Gebäude selbst - wobei es ganz hilfreich ist, sich erst mal den Bau anzuschauen, bevor man den ideologischen Überbau diskutiert.
Unter jedem Bauarbeiterhelm eine Geschichte des neuen Chinas
Also ein Besuch auf der Baustelle. Der Rohbau ist seit kurzem fertig, jetzt wird die Fassade verkleidet. Es ist Sonntag, aber es wird gearbeitet, ein verrosteter Bus setzt die Bauarbeiter ab. Koolhaas ist noch nicht da, eine Mitarbeiterin lässt uns auf die Baustelle, man sieht, zwischen Stahlträgern und Kränen, Hunderte von gelben Bauarbeiterhelmen, und unter jedem verbirgt sich eine Geschichte des neuen Chinas.
Da ist Bai Ling Ju. Sie sei, erzählt sie der Dolmetscherin, mit ihrem Mann gekommen, der als Stahlarbeiter sein Geld verdient. Sie und ihr Mann hatten als Schweinebauern gearbeitet, in Sichuan, im Osten des tibetischen Hochplateaus am Oberlauf des Jangtse, aber die Tiere brachten gerade so viel Geld, dass sie davon leben konnten, nicht genug, um der Tochter ein Studium zu bezahlen. Deswegen arbeiten sie jetzt hier, für rund 1000 Yuan, etwa 100 Euro im Monat - das ist etwas mehr, als man auf dem Land, aber immer noch deutlich weniger, als ein Hotelangestellter verdient.
Opfer der Umwälzungsprozesse, abgerutscht ins neue Elend
Es gibt viele solcher Geschichten auf Pekings Großbaustellen, und viele enden nicht gut. Erst vor kurzem kam auf der Baustelle von Herzog & de Meuron ein ungelernter Arbeiter ums Leben, der Geld für die Hochzeit seines Sohnes verdienen wollte; als seine Frau kam, um seine Habseligkeiten abzuholen, hatten sie ihn schon eingeäschert; wie oft auf Pekings Großbaustellen so etwas passiert, weiß keiner, und auch diese Geschichte kam nur durch einen Zufall heraus.
Die Menschen, die man hier trifft, gehören nicht zum strahlenden neuen China, sie sind oft Opfer der Umwälzungsprozesse, einige sogar abgerutscht aus der Mittelschicht ins neue Elend. Shang Gin Feng zum Beispiel kommt aus Nanjing, er hatte eine kleine Spielzeug-Manufaktur, exportierte sogar, sagt er, nach Kuweit, aber dann kam von dort plötzlich kein Geld mehr: Der Abnehmer war verschwunden, die Ware auch, er ging pleite. Seit 2005 ist er hier, auf diesem Bau, vor dem er, wie er sagt, am Anfang etwas Angst hatte; es gingen Gerüchte um unter den Arbeitern, diese in komplexen Computerprozessen berechnete Form könne gar nicht halten.
Eine Ikone des Bewusstseinsindustriezeitalters
Zwei Türme, und auf 160 Metern Höhe ein winkelförmiger Querriegel, der so lang ist wie ein Straßenblock in Berlin; 237 Meter Gesamthöhe, 475.000 Quadratmeter Nutzfläche, Arbeitsplätze für zehntausend Menschen, die hier, vom kommenden Jahr an, für 250 Fernsehsender der CCTV-Gruppe Nachrichten, Serien und Shows produzieren sollen - und die Außenform hat gute Chancen, als Ikone des Bewusstseinsindustriezeitalters in die Architekturgeschichte einzugehen.
Am Nachmittag trifft der japanische Architekt Toyo Ito ein; man erkennt ihn schon von weitem an seinem blütenweißen Anzug. Toyo Ito ist einer der bedeutendsten japanischen Architekten, er hatte am Wettbewerb für CCTV teilgenommen, hatte einen Turm entworfen und den Entwurf seiner Frau gezeigt, einer japanischen TV-Journalistin, die diesen Turm unpraktisch fand; woraufhin Ito, so erzählt er es, eine breite, flache Scheibe entwarf und gegen Koolhaas verlor. Weil Ito eher mittelmäßig Englisch spricht, begleitet ihn Hironori Matsubara, ein japanischer Architekt, der in Peking lebt und für ihn übersetzt. Ito also lächelt in die Runde, zupft an seinem Kragen (verwirrenderweise ist eine Hälfte des Kragens braun, die andere gelb, ein japanisches Designerhemd) und sagt etwas auf Japanisch, Matsubara nickt in Richtung von Koolhaas und sagt: Mister Ito says, it is a wonderful and violent building. Die versammelte Gesellschaft schaute erstaunt: Was meint Ito denn bitte mit violent: gewaltig? Gewalttätig?
Ein abenteuerlicher manieristischer Effekt
Dabei trifft violent die Sache insofern ganz gut, als schon die Fassade dieses Turms kein heiteres, geordnetes Nach-oben-Sausen verkörpert, wie es noch die Speedlines der Längsprofile klassischer Hochhäuser taten. Beim CCTV Tower laufen die Träger so wild wie Adern an einem gespannten Muskel über die Außenhaut, und die unglaublichen Kräfte, die den Schwebebalken über den Türmen ermöglichen, zeichnen sich in der Fassade ab. Wir mussten die Statiker erst davon überzeugen, diese Kräfte auch zu zeigen, statt sie zu verstecken, sagt Ole Scheeren. Jetzt knicken Träger ab, laufen ins Nichts, das Ganze erinnert an Darwins Artenstammbäume mit ihren plötzlich endenden Ärmchen. Die Kräfte werden in einem Muster sichtbar, das wie ein manieristisches Techno-Ornament wirkt und trotzdem reinstes form follows function ist - denn das chaotische Gitterwerk, das in den Augen der Anhänger rationalistischer Vereinfachungsgesten unschön wirr und pre-crashed aussieht, hat eine sehr rationale Funktion: Es verstärkt den Bau so, dass er selbst bei einem Erdbeben nicht umstürzen kann.
Im Prinzip ist das CCTV-Hochhaus eine mehrfach geknickte Vierkantröhre, die zu einer Endlosschleife gefaltet ist. Zwei schräg stehende Türme tragen einen Winkel, der wie ein abenteuerlicher Felsvorsprung über der Stadt schwebt. Der hat eine urbanistische Funktion - denn während normalerweise das öffentliche Leben auf dem Boden bleibt und sich in die Vertikale nur privater Raum stapelt, gibt es hier, im Wolkenbügel auf 160 Metern Höhe, statt einer Chefetage den größten öffentlichen Platz, der je auf einem Hochhaus errichtet wurde. Durch Glasbullaugen im Boden schaut man in die Tiefe, und wenn man am Eck des schwebenden L über der Stadt steht, sieht man weit neben sich den Turm, der einen trägt - ein abenteuerlicher manieristischer Effekt.
Die obere Ebene gehört allen, an der Spitze ist Platz für jeden
Der Turm ist monströs - in dem Sinn, dass er keinen erkennbaren Maßstab und keine definitive Form hat, keine gleichförmigen Fensterreihen, an denen man Etagen abzählen könnte. Sobald man sich um ihn herumbewegt, scheint er seine Form und Größe zu ändern: Mal ragt er so bedrohlich wie ein gigantisches, aufgerissenes Vipernmaul über die alten, kleineren Gebäude hinaus; mal sieht er nach einem friedlich auf dem Kopf stehenden L aus. Zwei Wege führen, schleifenförmig, durch den CCTV Tower - einer für die Angestellten und einer für die Öffentlichkeit. Besucher können mit dem Fahrstuhl in die Höhe fahren, Studios besichtigen, sehen, wie Fernsehen produziert wird - für China ein Novum.
Koolhaas' und Scheerens Bau ist die Antithese zum klassischen Hochhaus und zu dem sozialen Organisationsmodell, das sich in ihm abbildet. Im klassischen Hochhaus, wie es gegenüber dem CCTV Tower gerade die Amerikaner Skidmore, Owings und Merrill wieder gebaut haben, gibt es einen klaren Anfang - das Straßenniveau - und ein klares Ziel - die Spitze -, und die Besiedlung dieser Türme (ganz unten der Pförtner, ganz oben die Chefetage) machte die räumliche zur Metapher der sozialen Situation. Diese hierarchische Metaphysik ist mit dem Modell CCTV abgeschafft. Allenfalls zitiert der Bau zum letzten Mal eine sozialistische Utopie: Die obere Ebene gehört allen, an der Spitze ist Platz für jeden. Wenn das Hochhaus der klassischen Moderne ein gebautes Bild des zielgerichteten Aufstiegs war, ist der CCTV-Turm sein Gegenteil: das Bild eines fließenden Kreislaufes, einer medialen Sisyphosmaschine, durch die Menschen und Informationen im Endlosloop gepumpt werden.
Die gebaute Metapher einer offenen Gesellschaft? Vorsicht!
Man sollte allerdings vorsichtig damit sein, den Loop gleich als gebaute Metapher einer offenen Gesellschaft zu verkaufen. Immerhin ist CCTV ein staatlich kontrollierter Sender in einem Land, das alles andere als demokratisch ist - Koolhaas wurde scharf angegriffen dafür, dass er der Propagandazentrale bloß eine dekorative Hülle verpasse. Die Kritik trifft auch andere - Norman Foster, der China mit dem Flughafenterminal 3 eine neue Eingangstür gebaut hat, ebenso wie Herzog & de Meuron, die das Olympiastadion entwarfen, dessen Trägergeflecht trotz seiner gigantischen Ausmaße so leicht wirkt, als hätten es die Architekten mit dem Laserpointer in den Raum gezeichnet. Es geht naturgemäß immer heiß her bei solchen Diskussionen, bei einer Eröffnung der Boers-Li-Galerie am Wochenende fragten die dort versammelten, nicht unbedingt systemtreuen Pekinger Künstler, ob man keine Probleme hätte, wenn Koolhaas diesen Turm in den Vereinigten Staaten baute, für ein Land, das Bilder aus dem Irak ebenso manipuliere wie CCTV die Bilder aus Tibet.
Es gibt zur Frage der Moral zwei grundsätzliche Ansichten: Wenn man der Meinung ist, dass China sich an einem Punkt wie Deutschland 1936 befinde, wäre es unverantwortlich, hier zu bauen. Wenn man der Ansicht ist, dass China trotz aller Rückschläge prinzipiell auf einem Weg zur Demokratisierung sei und dass man in diesem Prozess die Reformkräfte unterstützen müsse, auch die, die unter anderem die Diversifizierung des zentralistischen CCTV in eine nicht mehr überschaubare Menge an Spartensendern vorantreiben: dann erscheinen die Loops im CCTV Tower plötzlich als Förderbänder für den langen Marsch durch die Institutionen, an deren Ende zumindest theoretisch eine Demokratisierung des Senders stehen könnte.
Der Druck wird aus der materiellen auf die symbolische Ebene verlagert
Ob das so kommt, kann niemand sagen. Die Frage ist erst mal, was ein Boykott westlicher Architekten gegen chinesische Auftraggeber bewirken würde. Von nationalistischen chinesischen Kräften wurde die Vergabe der drei großen Prestigeprojekte Flughafen, Stadion und CCTV an nicht-chinesische Architekten ohnehin heftig als ästhetischer Rekolonialisierungsakt kritisiert; ein Boykott käme ihrem Projekt einer rein nationalen chinesischen Selbstbildproduktion sehr entgegen.
Etwas absurd ist die Lautstärke, in der gefordert wird, die unmoralische Lieferung gebauter Bilder an China einzustellen, zumindest dann, wenn man sich die wirtschaftliche Verflechtung des Westens mit China anschaut: Einen Wirtschaftsboykott gegen China kann man sich offensichtlich nicht mehr leisten, das Land hat genügend Binnenkaufkraft, um auch ohne den Westen weiterzuwachsen. Also wird der Druck aus der materiellen auf die symbolische Ebene verlagert und ästhetisches containment verlangt, wo echte Sanktionen zur Beschleunigung politischer Reformen nicht mehr möglich sind.
Vielleicht auch Denkmal des babylonischen Größenwahns einer Diktatur
Vielleicht überschätzen in der Moraldiskussion beide Seiten die unmittelbare politische Wirkung architektonischer Signetbauten: Ist ein gutes Gebäude wirklich systemstabilisierend; wäre es wirklich so, dass, hätte statt Koolhaas ein chinesischer Architekt den Turm gebaut, die Welt sich angewidert abwenden würde und dass dank Koolhaas' spektakulärem Bau die Meinung von CCTV zur Bürgerrechtsfrage eher akzeptieren wird?
Das Gebäude, das wissen wir jetzt schon, wird zu einem Symbol werden. Wofür, hängt davon ab, wie sich China in den nächsten zwanzig Jahren entwickelt. Wenn die Reformer sich durchsetzen, könnte Koolhaas' Bau als Symbol für einen Anfang stehen. Sollte die Gegenseite gewinnen oder China im ökologischen und sozialen Chaos versinken, könnte die Mammutschleife aber auch zum Denkmal des babylonischen Größenwahns einer Diktatur werden. Chinas politische Zukunft liegt nicht in den Händen von Rem Koolhaas. Aber sie wird auch ihn betreffen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS
