09. August 2005 Nach den islamistischen Anschlägen in London ist in deutschen Medien wieder einmal die ganze Palette gebildeter und doch auch dummdreister Worthülsen mobilisiert worden: von neuen Assassinen ist die Rede, von religiös-politischem Wahn oder sogar von Terror als Selbstzweck. Das erklärt nichts, und darauf kommen vielleicht auch nur Menschen, die insgeheim ihre eigene Bildung und ihr Schreiben als Selbstzweck betrachten.
Die Kommuniques zu den Attentaten werden nicht im Volltext in lateinischen Buchstaben und europäischen Sprachen veröffentlicht und - wie es doch in einer demokratischen Welt der Fall sein müßte - in großen gesellschaftlichen Debatten analysiert. Wir hätten es vielleicht lieber, wenn Al Qaida - wie bis zum Jahre 2002 - ihre Schläge stumm gegen uns führen würde. Eine öffentliche Debatte im westlichen Stil über den Terrorismus, das wird jetzt immer wieder gern betont, muß selbstverständlich auch die muslimischen Bewohner Europas erfassen - doch wie soll das gehen, wenn es diese Debatte auf der christlich-agnostischen Seite gar nicht gibt?
Unerkannt, unbeachtet, ungestört, stets unter dem Schirm der Pseudotoleranz und der Gettobildung, können wütende, vitale und altruistisch hoch gestimmte junge Männer weiterhin von grausamen Dunkelmännern und Traumvätern auf den Pfad der terroristischen Initiation geführt werden. Noch hält man sich in Deutschland, wo die Hamburg-Harburger Clique um Mohammed Atta heranreifte, durch Schröders Nein zum Irakkrieg für ein unwichtiges Ziel im Krieg der Terroristen gegen den Westen. Geschützt werden bei uns seltsamerweise vor allem publizitätsträchtige symbolische Ziele, so hat Innenminister Otto Schily es erst kürzlich wieder verkündet, Ziele, wie sie Al Qaida bei ihren Frontalangriffen im Westen niemals ins Visier genommen hat.
Laienhafte Analysten
Armut und Überbevölkerung führen zu Verzweiflung, aber auch die jungen Eliten in arabischen Ländern hat eine tiefe Unruhe erfaßt - in derart dürren und widersprüchlichen Worten wird das zugrundeliegende Problem in den einschlägigen Publikationen der letzten Wochen abgehandelt, oder besser: abgetan. Intensiv widmet man sich jedoch den technischen Problemen des islamistischen Terrors - seiner Logistik, seinen Hauptakteuren, der Spekulation über Befehlsstrukturen und Entscheidungsprozesse, den Möglichkeiten der militärischen Eindämmung.
Die Vermutungen über das Innenleben der islamistischen Basis münden meist in vage Netzwerk-Vokabeln, ausgearbeitet von laienhaften Analysten, welche die elementare sozialwissenschaftliche und ethnologische Literatur über Netzwerkphänomene nicht zu kennen scheinen. Die Anziehungskraft dieser Bewegung ist groß, so daß sogar ihr terroristischer Arm längst schon einige eingeborene deutsche Konvertiten erfaßt hat. Der Blick auf die islamische Jugend bleibt uns verstellt, auf das Charisma und die Kraft dieser weltweiten Strömung und Stimmung, die als eine ihrer Ausformungen immer wieder terroristische Züge entwickeln kann, aber nicht zwingend entwickeln muß.
Der frontale Angriff
Es ist darum kein Wunder, daß nicht nur die Bewohner Englands, sondern auch Deutschlands höchst erstaunt waren, als der Anschlag vom 7. Juli 2005 alle Illusionen in Rauch aufgehen ließ, die wir seit dem Attentat auf das Bahnsystem von Madrid im letzten Jahr schon wieder aufgebaut hatten: daß die Netzwerkstruktur der Basis brüchig geworden sei, daß die Anschlagstrategie sich in die arabischen Länder, nach Palästina und in den Irak verlagert habe, daß der internationale Fahndungsdruck und die Stimme der muslimischen Vernunft dem Ganzen nach und nach ein Ende machen würden.
Vergessen waren die Analysen, die man vom Strickmuster der Anschläge hatte machen können, frontale Schläge mit möglichst vielen Opfern in den Zentren der Kreuzzügler des irakischen Krieges (Manhattan, Madrid) einerseits, andererseits als Reinigung verstandene Puppe in der Puppe - Strategien gegen nichtislamische Zentren in Gebieten überwiegend muslimischer Bevölkerung (Djerba, Bali, Riad, Casablanca, Istanbul). Auch daß der Krieg im Irak der Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten von Al Qaida ist, hatte man schon wieder verdrängt. Zu den Kriegszielen der Terroristen gehört, irgendein unbewachtes Gebiet der Erde als materielle Basis zu nehmen - man kann davon ausgehen, daß Bin Ladin und sein persönliches Umfeld sich schon wieder in irgendsoeiner Enklave aufhalten, in der man in aller Ruhe die Basis gegen die amerikanische Übermacht regenerieren will. In der Zwischenzeit ist wieder der frontale Angriff angesagt, der Al Qaida auf den Märkten des Terrors höchste Reputation eingebracht hat.
Der Franchise-Terror
Wenige Wochen nach der Verwundung des lokalen irakischen Warlords der Basis, Abu Musab al Zarqawi, und nur einen Tag nachdem er sich in einer desperaten Erklärung endgültig gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit gewandt und ihr weitere verheerende Anschläge der Reinigung angedroht hatte, nahm irgendein anderer Zweig von Al Qaida die mit den Anschlägen in Madrid vorerst beendete Strategie des totalen Krieges gegen Zentren des Westens wieder auf. Lesen wir diese Ereignisse im Zusammenhang, kann man fast schon optimistisch werden, was die Lage im Irak angeht, allen frenetischen Anschlägen der letzten Tage zum Trotz.
Vielleicht muß man ohnehin den Amerikanern und vor allem den Briten manche Abbitte leisten. Al Qaida hat den wirklichen Krieg im Irak verloren, sie sucht nach einer neuen geographischen Basis und muß neue Reserven aufbauen. Also werden wieder junge Spinner und alte Geheimdienstler zu Trupps zusammengespannt, die im Westen für Angst und Schrecken sorgen sollen. Joseph Croitoru hat in einer tiefgründigen Studie über Selbstmordattentäter gezeigt, wie Technologen des Kamikaze und religiöse Führer sich dieser jungen Verwirrten annehmen und wie sie in einer Mischung aus Segen und Befehl, Heilsversprechen und massiver Finanzierung, Franchising und Sponsorschaft die Angriffe auslösen. All diese Aufklärungsarbeit war vergebens - und wer nicht hören will, muß fühlen.
Eine charismatische Macht
Die islamistische Basis ist fast schon gezwungen, sich regelmäßig bei der Basisbevölkerung der europäischen Staaten in Erinnerung zu bringen. Struktur und Prozeß von Al Qaida - und das ist eben mehr als ein loses Netzwerk und weniger als eine Armee oder Firma, sondern eine patronale charismatische Macht, wie wir sie nur aus dem europäischen Königtum und seinen charismatischen Bewegungen kennen oder allenfalls noch aus der Geschichte der NSDAP - diese Al Qaida wird dafür sorgen, daß es noch lange Zeit so weitergeht.
Wie ein Angelpunkt steht zwischen dem Anschlag in Madrid im Jahre 2004 und dem Anschlag in London im Jahre 2005 die Videobotschaft, die Bin Ladin im Winter 2004 zu den Wahlen in den Vereinigten Staaten abgegeben hat - sozusagen anstelle eines Anschlages, und wir wissen bis heute nicht, ob aus einer Position der Stärke oder aus einer Position der Schwäche heraus. Für einen Moment ließ Bin Ladin hier aufflackern, wo auch die Moderationsmöglichkeiten selbst dieser extremen Form des Terrorismus liegen könnten, in einer Art Dialog, bei dem der Terrorfürst zur medialen Schaufigur konvertiert, die im Stile der Spaßterroristen des mexikanischen subcomandante Marcos an der internationalen politischen Debatte teilnimmt - wie so viele andere symbolische Gestalten, der Papst etwa oder Fidel Castro. Zumindest wurde aber hier ein Einflußpotential der Basis sichtbar, das zielbewußt vor Wahlen zum Einsatz kommt, das sollten wir uns merken.
Was Merkel erwartet
Wir sind mit ihnen verstrickt, medial und durch die Zeit der Auffütterung dieser Strömung des bewaffneten Islamismus mit westlichen Geldern. Über Tausende kaum durchschaubarer Drähte sind wir mit ihnen verbunden, sie mäandern zwischen westlichem und arabischem Establishment, zwischen den Einwanderern und den Eingeborenen Europas. Sie lesen unsere Zeitungen und sehen unser Fernsehen, wir veröffentlichen nicht einmal ihre Kommuniques. Längst bilden Europa, der Mittelmeerraum und der Nahe und Mittlere Osten ein großes System der politischen und wirtschaftlichen Aktion. Bewaffnete Unternehmer, so nennen Ethnologen die Mafiosi Siziliens, sind immer dann dabei, wenn bestimmte Zonen im System aufgrund ihrer geographischen Lage, ihrer Unterentwicklung oder auf der Basis rassistischer Stanzen abgewertet werden. Der deutsche Terrorismus der RAF ist dabei völlig vergessen. Damals schon führten viele Wurzeln und Wanderungen in den Nahen Osten.
Mancher heutige Exponent der bundesdeutschen Politik hat einst in klammheimlicher Freude mit den deutschen Terroristen der siebziger und achtziger Jahre gezittert, manch anderer hat in der sozialistischen Internationale dunkle Geschäfte mit nordafrikanischen Diktatoren getrieben und mit italienischen Mafiosi wie Bettino Craxi in seinem tunesischen Exil. Aber auch die dichte Klüngelei freidemokratischer und christdemokratischer Kreise mit arabischen Unternehmern und Militärs läßt für die Zukunft unheimliche Schlüsse zu. Noch gilt Kohls Ehrenwort, bei dem es ja um amerikanische wie auch um saudische Geldquellen zu gehen scheint. Noch hat niemand im Umfeld des vormaligen Riesenstaatsmanns Möllemann aus dem Nähkästchen geplaudert. Der seinerzeitige Vorsitzende der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, Träger vieler Geschäftsgeheimnisse, global player auf medialen und Finanzmärkten, ist aus der deutschen Politik und aus dem politischen Gedächtnis der Deutschen getilgt. Er strauchelte über den bizarren Versuch, direkt vor der letzten Bundestagswahl Antiisraelismus und Antisemitismus für Deutsche wieder normal erscheinen zu lassen. Er war der Verbündete, den islamistische Extremisten sich in Deutschland wünschen würden.
Wenn die unheilige Allianz aus sozialdemokratischen und grünen Friedensfreunden auf der einen Seite und schwarzgelben Dunkelmännern mit Nahostkontakt auf der anderen zerbricht, wird Al Qaida vielleicht auch hier bei uns zu frontalen Erziehungsmaßnahmen übergehen. In Madrid haben sie schon einmal großen Erfolg gehabt vor einer Wahl. Wer weiß, wer Möllemanns antisemitisches Wahlpamphlet im Jahre 2003 finanziert hat? Vor der Wahl - wieder stehen wir präzise an diesem Punkt. Wie würde dieses immunisierte und verwöhnte Land auf einen Frontalangriff reagieren, unter welchen Umständen kann die durch amerikanische re-education, Föderalismus, Parteiherrschaft und kollektive Korruption geprägte Harmonie zerbrechen?
Bevor sie noch die Macht ergriffen hat, steht die amerikafreundliche Angela Merkel vielleicht bald unter der größten Belastungsprobe, die man sich für sie denken kann.
Thomas Hauschild lehrt Ethnologie und Sozialanthropologie an der Universität Tübingen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 24
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