Von Reiner Burger
14. Mai 2008 Der Streit über die weltberühmteste noch nicht gebaute Flussquerung, die Dresdner Waldschlösschenbrücke, hat schon lange das Format einer internationalen Groteske. Wo sonst gibt es eine Brücke, über die direkte Demokratie und Völkerrecht so grandios in Konflikt geraten wären wie im Dresdner Elbtal. Die lange Reihe der Merkwürdigkeiten fängt schon damit an, dass die Gutachter, die die Unesco vor einigen Jahren nach Dresden schickte, um zu ermessen, ob das Elbtal für den Titel Welterbe in Frage komme, nichts gegen den Bau einer Brücke am Waldschlösschen einzuwenden hatten. Obwohl das Elbtal gerade dort besonders breit ist und obwohl der Blick auf Stadt, Landschaft und Fluss von dort besonders schön ist.
Merkwürdig auch, dass die von der Unesco bestellten Gutachter in ihrer Expertise die Brücke falsch verorteten: flussabwärts statt flussaufwärts. Aber auch ohne diesen Fehler hätte das Welterbe-Komitee vermutlich nicht anders entschieden. Diesen Schluss lässt zumindest die Tatsache zu, dass die fälschlich eingezeichnete Brücke gefährlich nahe am weltberühmten Canaletto-Blick stehen würde und damit das Welterbe vielleicht sogar noch heftiger gefährden würde als die Waldschlösschenbrücke.
Trotzdem machte das Komitee das Dresdner Elbtal zur Welterbestätte. Später stimmten dann in einem städtischen Bürgerentscheid zwei Drittel der Wähler für den Bau der Brücke. Merkwürdig, dass die Unesco erst danach ihr Unbehagen über den Bau artikulierte und das Welterbe-Komitee Dresden schließlich 2006 auf seine Rote Liste setzte.
Falsche und richtige Fragen
Die Causa Waldschlösschenbrücke ist für die Unesco ziemlich peinlich. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass sowohl das Welterbe-Komitee als auch das Welterbe-Zentrum in Paris deshalb so heftig auf die Pauke schlagen, um von eigenen Unstimmigkeiten und Unzulänglichkeiten abzulenken. Nun hat der Direktor des Welterbe-Zentrums, der Architekt Francesco Bandarin, der Sächsischen Zeitung ein forsches Interview gegeben, das vor dem Hintergrund der verworrenen Waldschlösschenbrücke-Geschichte nur weitere Fragen aufwirft.
Gut, es gab einen Bürgerentscheid, räumt Bandarin ein. Doch der habe die falsche Frage gestellt und den Menschen die richtige Sachlage nicht verdeutlicht. Die richtige Frage wäre gewesen: Wollen Sie eine Brücke, auch wenn diese die Einzigartigkeit der Landschaft zerstört und den Verlust des Welterbetitels nach sich ziehen würde? Doch wer hätte auf diese Frage kommen sollen, nachdem die von der Unesco bestellten Gutachter den geplanten Standort ausführlich sowohl vom Ufer als auch vom Fluss in Augenschein genommen und nichts gegen die Brücke einzuwenden hatten?
Unbeachtete Optionen für andere Brücken
Bandarin sieht Schuld und Verantwortung dennoch in Dresden. Schließlich habe die Stadt nach langer Vorbereitung den Antrag gestellt, als Kulturlandschaft Welterbe zu werden. Dresden habe damit die Verpflichtung übernommen, die Landschaft zu schützen. Aber wenn Sie die Landschaft schützen wollen, planen Sie doch keine Brücke! Doch warum wurde das Dresdener Elbtal dann seinerzeit in der neu geschaffenen Kategorie sich weiterentwickelnde Kulturlandschaft zum Welterbe ernannt? Und warum durften in oder in der Nähe von anderen Welterbestätten Brücken gebaut werden?
Merkwürdig ist schließlich, dass sich die Unesco nicht nur nicht an der falsch verorteten Waldschlösschenbrücke gestoßen hat. Bis heute unbeanstandet und öffentlich unbeachtet blieben Optionen für fünf weitere Brücken, die Dresden seinerzeit vorsorglich bekanntgab. Hat die Unesco diese Optionen übersehen?
Eine Geschmacksdebatte
Auf die Äußerungen Bandarins hat der scheidende Ministerpräsident Georg Milbradt seinerseits mit einem Interview in der Sächsischen Zeitung reagiert. Dass das Welterbe-Komitee der Unesco glaube, eine Brücke am Waldschlösschen zerstöre die Landschaft irreversibel, könne er nicht nachvollziehen. Bei Licht betrachtet, führe die Unesco nichts anderes als eine Geschmacksdebatte. Immer wenn es um einen möglichen Kompromiss gegangen sei, habe es keine verbindlichen Aussagen gegeben.
Mein Eindruck ist, die Auffassungen der Unesco sind wie ein Fisch, der einem ständig durch die Hände gleitet, meint Milbradt, der schon vor einigen Monaten den Welterbetitel als verzichtbar bezeichnet hatte und dafür von Brückengegnern heftig kritisiert worden war. Ich würde es heute anders formulieren: Wenn es darum geht, sich einerseits zwischen einer demokratischen Entscheidung und dem Willen der Bürger einer Stadt und andererseits dem Weltkulturerbetitel zu entscheiden, dann werde ich immer auf der Seite des Bürgerwillens stehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
