Bayreuther Visionen: Peter Jonas

Entschuldigung, das ist doch kein Sommerstaatstheater!

Von Peter Jonas

Hat gleich elf gute Wünsche für Bayreuth: Sir Peter Jonas, ehemaliger Intendant der bayerischen Staatsoper

Hat gleich elf gute Wünsche für Bayreuth: Sir Peter Jonas, ehemaliger Intendant der bayerischen Staatsoper

05. Juni 2008 Sie wollen wissen, was ich in Bayreuth tun würde, wenn ich der liebe Gott wäre? Bitte schön, ich habe elf Punkte auf meiner Wunschliste:

Kurz vorab: Wenn Richard Wagner noch leben würde, würde er sicher sofort aus der Sache aussteigen. Aber ich bin auch der Meinung, dass Bayreuth nicht abgeschafft werden soll. Schon aus sentimentalen Gründen. Als junger Student war ich von Musik besessen, wenn auch zunächst nicht unbedingt von der Oper. Mein Schlüssel zur Oper war Wagner: Erst habe ich in Covent Garden den „Fliegenden Holländer“ gesehen, dann kam „Walküre“, dann der ganze „Ring“, und das war mein Eintritt in die Welt der Oper. Später bin ich mit Freunden nach Bayreuth gepilgert, wo wir im Wald campierten und uns nach dem Motto „Beg, borrow or steal“ Karten ergatterten. Das waren meine ersten großen Opernerlebnisse. In den letzten zehn Jahren habe ich Bayreuth dann alleingelassen, weil es mir zu langweilig war.

“Die Eröffnungszeremonie ist das Peinlichste, was es gibt“

"Die Eröffnungszeremonie ist das Peinlichste, was es gibt"

Hier also meine elf Punkte:

1.) Ich habe Klaus Zehelein einmal gefragt, was für ihn das Erfreulichste an seiner Zeit als Intendant am Staatstheater Stuttgart war, und er antwortete mir: „Die Tatsache, dass ich es geschafft habe, das Forum Neues Musiktheater zu etablieren.“ Wenn man überlegt, was Wagner wohl jetzt in Bayreuth machen würde, dann wäre so etwas wohl das Erste gewesen. Der ursprüngliche Sinn von Bayreuth war, wie es der vielzitierte Satz von Wagner bezeugt, Neues zu schaffen. Wenn es also wirklich ein Festspiel ist, das in Bayreuth stattfindet, und nicht ein Sommerstaatstheater, dann muss es sich irgendwie um die Prinzipien Richard Wagners als Künstler drehen: nicht um seinen politischen Quatsch oder um seine seltsame Persönlichkeit, sondern um Wagner, den schaffenden Künstler. Der war damit beschäftigt, wie man Oper reformieren oder neu formieren kann. Das geht durch alle seine Stücke. Er hätte auch gesagt: Wir machen meine Stücke in Bayreuth, und wir machen neue Stücke.

Bayreuth ist perfekt für so etwas. Es hat nicht diesen Schickimicki- und Schwarzgeldwäschereiaspekt von Salzburg. Es hat eine gewisse fränkische Bescheidenheit. Hier könnte man ein Forum Neue Musik etablieren. Ich würde dort alle zusammenbringen: Schriftsteller, junge und etablierte Komponisten, Interpreten, Künstler aller Disziplinen und musikalische Geister. Und dann würde ich wirklich das Verhältnis von Musik und Text neu erforschen wollen. Wenn man eine Denkpause haben könnte, könnte man vielleicht nach zwei Jahren die Früchte dessen zeigen, was man erarbeitet hat. Ich würde auch ein bisschen streng sein: Man könnte eine Art Kolonie aufbauen von etwa hundert Leuten, die alle, vielleicht schon im Mai, nach Bayreuth kommen sollten, um ihre Erkundungen zu beginnen. So etwas gibt es überhaupt nicht in Deutschland. Und es wäre genau das, was Bayreuth braucht.

2.) Alle meckern wir über die mangelnde Sängerkunst. Nun ist es eine Tatsache, dass das Leben für Sänger heute viel schwieriger ist als früher. Was wir heute auf unseren iPods oder CDs oder DVDs hören, ist durch die Technik so perfekt gemacht, dass die Sänger richtige Probleme haben, ihren Beruf auf der Bühne ohne riesige Krisen, Doping, jahrelange Zwangspausen oder Nervenzusammenbrüche auszuüben. Ich glaube, Bayreuth wäre auch perfekt als eine Sängerkunstakademie. Es reicht nicht zu sagen: Kommen Sie und verbringen Sie Ihren Sommer in Bayreuth im Chor. Man müsste auch richtig gute Lehrer und Repetitoren nach Bayreuth bringen, um die Sänger dort intensiv zu coachen und zu hätscheln.

3.) Als Barenboim mit Kupfer in Bayreuth den „Ring“ gemacht hat, kam er mit drei jungen Assistenten. Wissen Sie, wer sie waren? Antonio Pappano, heute: Musikdirektor des Royal Opera House an Covent Garden, Christian Thielemann, heute: Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker, und John Fiore, heute: Musikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Was für ein Jahrgang! Was musikalische Kunst und Disziplin angeht und was Regisseure angeht, sollte man versuchen, solche Glücksgriffe zu institutionalisieren: das heißt, man muss sich darum bemühen, die musikalischen Talente und die Regiestars von morgen zu finden. Das geht nicht, indem man einfach nur aus einem Stapel von Bewerbungen die besten heraussucht. Stattdessen müssen diese Leute aktiv gesucht, angesprochen und nach Bayreuth eingeladen werden. Dort werden sie dann auch in der Sängerakademie und im Forum Neue Musik eingesetzt, so dass man sagen kann, wenn jemand ein „Graduierter“ von Bayreuth ist, dann ist das jemand, der mit den höchsten Qualitätserfahrungen in den Beruf eintritt.

4.) Bayreuths Probleme mit dem Publikum der Zukunft sind die, die es überall gibt. Was soll man tun? Die Konkurrenz ist stark, es gibt so vieles, was interessant ist. Für junge, sensible Leute von heute ist Oper nur eine von tausend anderen verlockenden Angeboten. Daher finde ich, wir sollten die fünf vordersten Reihen, in denen bislang immer nur die Prominenz sitzt, reservieren für Leute unter fünfundzwanzig Jahren und sie für nur zehn Euro verkaufen. Die Kostendifferenz müsste von einem Sponsor getragen werden. Das etablierte Publikum wäre zunächst sicher empört darüber, dass vor ihnen auf den besseren Plätzen Leute in Jeans sitzen. Ihnen kann ich nur entgegnen: Entschuldigung, Bayreuth ist kein Social Club für den etablierten deutschen Mittelstand. Bayreuth sollte für alle existieren. Ich weiß nicht, ob es funktionieren würde, aber man muss es versuchen, auch um die ewig gleichen Applaus-Rituale zu durchbrechen: Die Sänger kommen, und es gibt Bravos ohne Ende, und dann kommt der Regisseur und bekommt Tausende von Buhs, egal, wie es war. Diese Leute würden zumindest anders reagieren.

5.) Zum Repertoire: Warum wird „Die Feen“ nicht gespielt, warum wird „Rienzi“ nicht gespielt? Ich wäre sogar begeistert, das „Liebesverbot“, von einem eigensinnigen Regisseur inszeniert, auf dem Plan zu sehen. Was soll daran schlimm sein?

6.) Ich würde noch weiter gehen und sagen, wir ergänzen das ganze Wagner-Repertoire auch um die Orchesterwerke. Wir engagieren - vielleicht nur alle zwei, drei Jahre - die besten Dirigenten der Welt, rekrutieren eine maßgeschneiderte, handverlesene Tanzkompanie für den Sommer und einen herausragenden Choreographen: einen William Forsythe, einen Mats Ek oder sogar einen Heinz Spoerli. Und dann nehmen wir diese orchestralen Arrangements aus Wagner-Opern, die sich alle Wagner-Fans zu Hause mit ihren Martinis ständig anhören, und machen Ballett dazu. Zu ketzerisch? Warum? Das ist auch Musikdrama. Diese Leute, große Theaterprofis, können Grenzen aufsprengen und ein neues Wagner-Erlebnis möglich machen. Ein experimentelles Tanzzentrum in Bayreuth einrichten, das würde ich definitiv tun, wenn ich der liebe Gott wäre.

7.) Um das alles zu schaffen, würde ich die Dauer der Festspiele auf sieben Wochen erhöhen.

8.) Ich würde mehr Verantwortlichkeit fordern von Seiten der öffentlichen Hand. Die Politiker wollten Bayreuth haben. Sie sehen sich als Schirmherren von Bayreuth. Sie wollen dort gesellschaftlich mitwirken und wollen, in der Stiftung und als Gesellschafter der GmbH, mitbestimmen, was los ist. Ich bin überhaupt nicht gegen Sponsoring. Aber eine Nation, die sich einen Eurofighter leisten kann, kann Bayreuth wirklich unterstützen. Ein Land wie Bayern, das auch nur eine Minute lang damit liebäugelt, einen Transrapid zwischen dem Münchner Hauptbahnhof und dem Flughafen zu finanzieren, kann auch Bayreuth unterstützen. Im Budget der öffentlichen Hand ist Bayreuth ein Pippifax. Diese Debatte ums Geld ist übertrieben. Und: Die effektivste Art, Sponsoring zu betreiben, ist die, eine gelinde Erpressung auszuüben. Ein Beispiel: Die Firma Audi liegt in nächster geographischer Nähe. Warum ist Audi als Sponsor in Salzburg viel sichtbarer als in Bayreuth? Wenn ich die bayerische Staatsregierung wäre, dann würde ich zu Audi sagen: „Kinder, Entschuldigung, wir verlangen von Ihnen, dass Sie Bayreuth unterstützen.“ Reine Erpressung. Nur dann ist Sponsoring zuverlässig.

9.) Die Eröffnungszeremonie der Bayreuther Festspiele ist das Peinlichste, was es überhaupt in Deutschland gibt. Diese ganze Konzentration auf die Politiker, die kommen! Frau Merkel ist eine anständige und intelligente Person. Aber dann geht sie nach Bayreuth, und aus dem Blick eines Ausländers benimmt sie sich wie eine Kaiserin. Und bei allem Respekt vor unserem lieben Herrn Stoiber: Wenn dann in der Pause oder nach der Eröffnung eine Reporterin kommt und fragt: „Herr Stoiber, was denken Sie über Schlingensief?“, und er antwortet: „Ja, ja, das ist alles sehr interessant“ - dann frage ich mich: Wo sind wir?! Was die Deutschen vielleicht nicht wissen, ist, dass man von außerhalb darauf schaut und sich fragt, was das sein soll. Es gibt einen Roman von A. N. Wilson, der heißt „Winnie and Wolf“, den sich noch niemand getraut hat, ins Deutsche zu übersetzen. Ein unheimlich amüsantes Buch. Wenn man sich das Foto auf dem Umschlag anschaut, das Winifred Wagner und Adolf Hitler bei der Eröffnungszeremonie der Festspiele darstellt, stellt man fest, dass die Ikonographie die gleiche ist wie heute. Nach dem Krieg hat man alle Energien auf die „Entnazifizierung“ verwendet. Aber ausgerechnet diese symbolträchtige Eröffnungszeremonie blieb unangetastet. Das ist peinlich und unnötig. Und Bayreuth braucht so etwas nicht. Ich würde zu den Politikern sagen: „Kinder, Sie dürfen Ihre Privilegien behalten. Aber Sie bekommen eine Ehrenkarte für ein Seminar oder eine Produktion des Forums Neues Musiktheater, oder aber Sie kommen zur letzten Aufführung.“ Diese Eröffnung ist nicht harmlos.

10.) Wenn es am Ende heißt, man kann das nicht bezahlen, dann kann ich dazu nur sagen: Man kann das sehr wohl bezahlen. Man kann das alles ein bisschen umstrukturieren. Das braucht Zeit, das braucht Geduld, und das braucht Rechtsträger, die verstehen, dass ein Festspiel im Dienst der Kunst eine andere Rolle spielen muss als ein Staatstheater oder ein Stadttheater. Es muss mehr herausfordern und das Publikum erziehen. Am Ende ihrer Zeit saßen Wolfgang und Gudrun Wagner nur noch ängstlich auf ihrem Gold. Man vergisst immer, dass Wolfgang ein ängstlicher kleiner Bruder von Wieland war. Und das war der Grund für seine Starrheit. Man muss verrückte Ideen haben können. Man muss auch erreichen, dass eine gewisse Freude herrscht unter den Leuten, die in Bayreuth arbeiten.

11.) Es muss immer eine Leitung und eine Schirrmherrschaft geben. Ich frage mich: Ist eine Queen Elizabeth II. so viel schlimmer als ein gewählter Präsident? Im Grunde gibt es doch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis in dem, was sie tut. Nicht alles in der feudalen Zeit war schlimm. Die meisten Länder mit Königreichen haben heute kein Problem damit, ihre Demokratie auszuüben. In Bayreuth gibt es jetzt drei Mädels, und ganz gleich, was man von ihnen denken mag, sind doch alle genauso gut oder genauso wenig geeignet für diesen Job wie jeder andere Mensch, der heute für die Leitung eines Staatstheaters engagiert ist. Die Traumkandidatur wäre: Eva, Katharina und Nike als Dramaturgin. Aber ein Doppelpack mit einer Regisseurin und einer erfahrenen Opern- und Festivalmanagerin ist auch gut. Hauptsache, sie verstehen sich. Alles, was negativ läuft an einem Haus, stammt aus internen Querelen. Wenn es im Haus Querelen gibt, dann macht das ein Haus kaputt. Das gilt es zu vermeiden.

Wagnerianer, nehmt's locker: Ich bin nicht der liebe Gott. Aber die tüchtigen und erfahrenen Wagner-Mädels könnten, wenn nicht Göttinnen, so doch wenigstens Halbgöttinnen werden. Zumindest sehen sie so aus ...

Sir Peter Jonas wurde 1946 in London geboren. Von 1993 bis 2006 leitete er die Bayerische Staatsoper. Zuvor hatte er schon der English National Opera in London als Intendant zu neuem Glanz verholfen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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