Absetzung einer Oper

Die Bresche

Von Eleonore Büning

27. September 2006 Am 2. Juni 1967 riegelte die Polizei die Deutsche Oper Berlin ab, um deren Ehrengäste - den Schah nebst Hofstaat und Gemahlin - vor den Mehltüten, Farbbeuteln und Tomaten linker Studenten zu schützen. Die demonstrierten damals für die Menschenrechte in Persien, einem Land, das heute Islamische Republik Iran heißt.

Im Herbst 2006 scheint es nun plötzlich beinahe wünschenswert, daß eine der nächsten Abendvorstellungen in der Deutschen Oper - wir schlagen vor: eine Aufführung der frühen Mozartschen Seria-Oper „Idomeneo, Re di Creta“, inszeniert von Hans Neuenfels - unter Polizeischutz gestellt werde. Heute geht es um Gefahren, die überall im Innenleben der westlichen Demokratien lauern: um die Gefahr der Korrosion bürgerlicher Denk- und Umgangsformen, um das Verkümmern der zivilen Courage, um die Selbstaufgabe des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung, kurzum: um die Versteppung in den Köpfen der Kulturschaffenden, deren Ausmaß noch nicht absehbar ist.

„Öffnung zur Diskussion“ gewünscht

Was ist geschehen? Bedroht sind diesmal nicht Anzug, Frisur, Leib oder Leben der Opernbesucher in Berlin. Keine Mehltüte im Anflug, nicht mal eine konkrete Bombendrohung im Postkasten. Trotzdem hat Kirsten Harms, die Intendantin des Opernhauses, in einem Akt vorauseilender Hysterie die für November geplante Wiederaufnahme der seit 2003 bereits mehrfach erfolgreich gezeigten Neuenfels-Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ klammheimlich vom Spielplan wieder abgesetzt.

Sie handelte aus Furcht vor islamistischen Anschlägen, wie sie sagt, also aus mütterlicher Fürsorge, zum Schutze ihres Theaters, ihres Publikums und ihrer Mitarbeiter. Das Landeskriminalamt hatte ihr in einer „Gefährdungsanalyse“ dargelegt, daß Störungen der Vorstellung möglich, jedenfalls „nicht ausgeschlossen“ seien. Sie handelte aber auch gegen den Rat des Regisseurs, der noch am elften September 2006 per Fax eine „Öffnung zur Diskussion“ eingeklagt hatte. Die findet nun statt.

Ein selbstmörderischer Schritt

Mozart hat uns in seinem „Idomeneo“ vorgeführt, was Menschen widerfährt, denen ein grausamer Gott die Tötung anderer Menschen abverlangt: Sie zerbrechen daran. Neuenfels läßt dazu verallgemeinernd am Ende die Auflösung der großen Weltreligionen aufscheinen, er betont aber auch die Einsamkeit dessen, dem kein Gott mehr hilft. Die Religionsstifter werden geköpft, symbolisch, hinter der Bühne. Jesus, Buddha, Mohammed sowie - stellvertretend für den ganzen Olymp - Poseidon prangen im Schlußbild noch sicher und hoch auf ihren Sockeln. Dann fällt der Vorhang, der letzte Ton verlischt. Und es tritt noch einmal Kreterkönig Idomeneo auf, irre geworden darüber, den eignen Sohn opfern zu müssen, und schleppt mit eisigem Lachen den Rigoletto-Sack herein, aus dem dann salomemäßig die blutigen Plastikköpfe rollen.

Daß Gott tot, das bürgerliche Subjekt selbst göttergleich geworden ist, aber dabei doch kreuzunglücklich - dieser Sicht auf die Folgen der Aufklärung muß man nicht zustimmen. Aber genauso klar ist auch, daß Neuenfels den Absichten Mozarts, der den obligatorischen Jubelfriedenschor am Schluß lakonisch kurz gehalten hat, damit nicht widerspricht. Und selbst wenn dem nicht so wäre; selbst wenn diese Inszenierung dumm, albern, gedankenarm, ignorant oder gar verletzend wäre - sie dürfte nicht schlicht per Federstrich abgesetzt werden, nur aus Furcht vor eventuell aggressiven Andersdenkenden.

Die Intendantin hat ihrem Theater gewiß nur nützen wollen. Aber sie hat dabei die Institution des bürgerlichen Theaters an seiner Basis beschädigt. Ein Sicherheitsdenken wie dieses, das jede Gefahrenquelle via Selbstzensur im voraus ausschalten will - die eigne Auffassung versteckend, nur um der anderer auszuweichen -, ist nicht nur, wie Innenminister Schäuble erklärte, „lächerlich, inakzeptabel und verrückt“. Es ist selbstmörderisch, denn es beendet jede Möglichkeit zur Debatte. Sollten alle Theater so verfahren wie die Deutsche Oper, müßte auch Mozarts „Entführung“ abgesetzt werden und Glucks „Iphigenie“, ja, an die Hälfte aller Inszenierungen an den Sprech- und Musiktheatern Deutschlands würden verschwinden, legte man diese Schere im Kopf an.

Am besten Aufführungen in Serie

Sind aber auch die Flugzeuge vom Himmel verschwunden? Sie werden heute nur ein bißchen schärfer kontrolliert. Das wendet bekanntlich nicht jedwede Gefahr im voraus ab. Aber es zeigt doch, wie Demokratie sich auf ihre Art wappnen kann. Geschützt und behütet werden sollte auch eine Errungenschaft, die im historischen Prozeß erobert worden ist, mühselig, mit Rückschlägen, wofür, nebenbei, von der Französischen Revolution bis in die jüngste Vergangenheit auch immer wieder Blut geflossen ist: Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Kunstfreiheit.

Hört sich einfach an und ist auch nicht allzu schwer. Die Deutsche Oper könnte ihren „Idomeneo“, statt ihn für immer in den Fundus zu bannen, gleich morgen wieder aufführen. Am besten als Serie, zu günstigen Sonderpreisen, die es jeder Schulklasse ermöglichen, das Stück zu sehen. Und vor oder nach jeder Vorstellung sollte dann jeder seine Einwände vorbringen dürfen, in einem öffentlichen Diskurs, damit nicht nur die Musikkultur, sondern auch die politische Kultur vorangebracht wird. Falls sich die Deutsche Oper zur Zeit nicht fähig fühlt zu diesem Schritt, dann müssen alle anderen Bühnen der Republik in die Bresche springen. Denn den Schaden hätten sie ja ebenfalls alle miteinander zu tragen.



Text: F.A.Z. vom 27. September 2006
Bildmaterial: AP

„Idomeneo“-Aufführung

Heute keine Schwüre mehr

Gemessen an den Wellen der Empörung, die die Absetzung der „Idomeneo“-Inszenierung wegen vermeintlicher Bedrohung durch Islamisten ausgelöst hat, ist der Abend der Wiederaufnahme von geradezu fader Friedfertigkeit.

„Idomeneo“

Polizeischutz für Wiederaufführung von Mozart-Oper

Der „Idomeneo“ war im September aus Furcht vor islamistischer Gewalt vom Spielplan der Berliner Deutschen Oper abgesetzt worden. Jetzt wird er wieder gezeigt - unter diskretem Polizeischutz. Nicht alle geladenen Gäste kommen.

Deutsche Oper

Damals war es die Zauberflöte

Es sind die Demonstranten von 1967, die an diesem Abend in der Deutschen Oper die Neuaufnahme von Mozarts „Idomeneo“ besuchen. Damals starb Benno Ohnesorg nach einer Demonstration, während drinnen - Mozart gegeben wurde.

„Idomeneo“-Wiederaufnahme

Ob auf den Solidaritäts- der Zuschaueransturm folgt?

Opernintendantin Kirsten Harms will die Inszenierung, die aus Sorge um islamistische Gewalt abgesetzt worden war, am 18. und 29. Dezember wieder zeigen. Noch gibt es erstaunlich viele Karten. Wer den Berliner „Idomeneo“ sehen will - und wer nicht.

Idomeneo

„Wir haben Brennstoff genug“

Die Diskussion über die Oper „Idomeneo“ rief kaum Reaktionen in der arabischen Welt hervor. Im Gespräch mit der F.A.Z. nennt sie Aktham Suliman, der Deutschland-Korrespondent von „Al Dschazira“, eine rein interne deutsche Debatte.

Idomeneo-Absetzung

Nur Mut!

Ein Gutes hat der Berliner Opernskandal ja: Die Einhelligkeit, mit der die Absetzung des „Idomeneo“ kritisiert wurde, befestigt den Konsens, Anfechtungen der Meinungsfreiheit, gleich welcher Art, nicht weichen zu wollen. Von Heinrich Wefing.

Abgesetzte Oper

Spielplanänderung

Der Sturm der Entrüstung, die „Idomeneo“-Inszenierung abzusetzen, richtete sich fast einhellig gegen eine Person: Intendantin Kirsten Harms. Sie schiebt die Schuld auf Innensenator Körting. Der muß nun entscheiden, ob das Stück wieder aufgenommen wird.

Abgesetzte Oper

Jetzt wollen alle „Idomeneo“ sehen

Die aus Furcht vor Anschlägen abgesetzte Mozart-Inszenierung „Idomeneo“ soll so schnell wie möglich wieder auf den Spielplan der Deutschen Oper. Das fordert sowohl Wolfgang Schäuble als auch Berlins Kultursenator Flierl: „Berlin braucht diese Inszenierung.“

Dialog mit Muslimen

Islamkonferenz will gemeinsam „Idomeneo“ besuchen

Innenminister Schäuble spricht nach der ersten Sitzung der deutschen Islamkonferenz von einer „intensiven Diskussion in tolerantem Ton, aber mit unterschiedlichen Positionen.“ Alle Teilnehmer würden eine Wiederaufnahme der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin begrüßen.

„Idomeneo“

Opern-Absetzung: Kritik an Berlins Innensenator

Nach der umstrittenen Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ aus Furcht vor islamistischer Gewalt gerät nun auch der Berliner Innensenator Ehrhart Körting in die Kritik: Die Intendantin der Deutschen Oper fühlt sich von ihm „alleingelassen“. Über eine Wiederaufnahme von „Idomeneo“ wird nachgedacht.

Oper

Kirsten Harms: Die Rückzieherin

Die Deutsche Oper steht im Rampenlicht einer internationalen Debatte über die Freiheit der Kunst. Ihre Intendantin Kirsten Harms hat einen einsamen Entschluß gefaßt, ohne dessen Folgen genau zu bedenken.

Deutsche Oper

Klammheimlicher Kniefall

Erst sollte es niemand merken, jetzt soll es kein Präzedenzfall sein: Daß „Idomeneo“ aus Furcht vor muslimischen Protesten vom Spielplan verschwand, läßt sich nicht schönreden. Die Intendantin der Deutschen Oper hat es dennoch versucht.

Mozart-Oper abgesetzt

Unkalkulierbares Sicherheitsrisiko?

Die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin aus Sorge vor islamistischen Protesten ist auf scharfe Kritik gestoßen. Innenminister Schäuble bezeichnete diesen Schritt als „inakzeptabel“. Die Entscheidung zeuge von „nackter Angst vor Gewalt“, sagt CSU-Politiker Ramsauer.

Neuenfels-Inszenierung abgesetzt

Beim Haupte des Propheten

Jesus, Buddha, Mohammed geköpft: Schon als „Idomeneo“ 2003 Premiere hatte, kam es zu Tumulten im Publikum. Jetzt hat die Deutsche Oper in Berlin die Wiederaufnahme abgesetzt - aus Angst vor möglichen islamistischen Anfeindungen.

Deutsche Oper

Spielplanänderung wegen Gewaltandrohung

Die Deutsche Oper in Berlin wird nicht wie geplant die Mozart-Oper „Idomeneo“ wieder in den Spielplan aufnehmen. Die Absetzung hat zu einer hitzigen Debatte geführt.

Islamkonferenz

Schäuble wünscht sich „deutsche Muslime“

Vor der Islamkonferenz an diesem Mittwoch in Berlin schreibt Innenminister Schäuble in einem Beitrag für die F.A.Z., „Muslime in Deutschland sollen sich als deutsche Muslime fühlen können.“ Religion, zur Rechtfertigung von Gewalt benutzt, bezeichnet Schäuble als „pervertiert“.

Neuenfels inszeniert Mozarts „Idomeneo“

Der Musik auf den Fersen

Höllenlachen aus den Lautsprechern, Buh-Geschrei aus dem Auditorium: Hans Neuenfels inszeniert Mozarts „Idomeneo“ als sparsam mit Symbolik möbliertes Kammerspiel. Und empört sein Publikum nach dem Schlußakkord. Von Eleonore Büning