Islamische Theologie

Wer droht, bekommt recht

Von Regina Mönch

Der KRM geriert sich nebulös als Vertreter “der Muslime“

Der KRM geriert sich nebulös als Vertreter "der Muslime"

29. September 2008 Wer bestimmt, was ein Hochschullehrer denkt und schreibt? Normalerweise ist es seine Sache - sofern noch gilt, dass in der Wissenschaft voraussetzungslos geforscht werden soll. Dem Islamwissenschaftler Muhammad Sven Kalisch aber soll diese grundsätzliche Freiheit, ginge es nach den Scharia-Verbänden, die sich im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zusammengefunden haben, jetzt beschnitten werden. Kalisch leitet das Centrum für religiöse Studien an der Universität Münster, wo - unter anderem - auch Lehrer für den islamischen Religionsunterricht, den es irgendwann geben soll, ausgebildet werden. Es sind die Ersten, die für diese Aufgabe einen anerkannten akademischen Abschluss anstreben. Und für Muhammad Sven Kalisch hatte man 2004 diese Professur, den ersten deutschen Lehrstuhl für islamische Theologie, eingerichtet. Kalisch, als Jurist promoviert über „Vernunft und Flexibilität in der islamischen Rechtsmethodik“, habilitierte sich 2002 als Islamwissenschaftler. Zudem erwarb er bei Mehdi Razvi eine islamische Lehrberechtigung, die Idschasa.

Nicht mit diesem Lehrer, hat der KRM jetzt verkündet. Die Dachorganisation, ein selbsternanntes religionspolitisches Bündnis mit unbekannter Legitimation, kündigte auch ihre Mitarbeit im Beirat des Centrums auf. Nur Mohammad-Djavad Mohagheghi blieb, ein Islamgelehrter aus Hamburg. Vertreter für Hunderttausende säkulare Muslime - in dem Sinne, dass sie auf einer Trennung von Staat und ihrer Religion bestehen - sitzen ohnehin nicht in diesem Gremium. Über intellektuell interessante Beiträge des KRM im Beirat ist nichts zu berichten. Nur sein Schuldspruch ist nun in aller Munde: Danach besteht bezüglich der (wissenschaftlichen) Arbeit des Münsteraner Professors eine „erhebliche Diskrepanz zwischen den Grundsätzen der islamischen Lehre“ und seinen „veröffentlichten Positionen“.

Eine Hetzkampagne gegen den Münsteraner Professor

Muhammad Sven Kalisch hat den ersten deutschen Lehrstuhl für islamische Theologie inne

Muhammad Sven Kalisch hat den ersten deutschen Lehrstuhl für islamische Theologie inne

Kalisch zweifelt nach Ansicht des KRM-Chefs Kisilkaya an, woran fast jeder Muslim glaube. Der Islamwissenschaftler hat in einigen seiner Arbeiten die These vertreten, für die historische Existenz des Propheten Mohammed gebe es keine wissenschaftlich beweiskräftigen Zeugnisse. Er ist nicht der Einzige, auch nicht der erste Skeptiker in der Orientwissenschaft, vor allem aber hat er seine Studenten nicht gezwungen, seiner Meinung zu folgen oder ihren Glauben nach ihr auszurichten. Aber sich mit ihr auseinandersetzen, das könnten sie schon, weil sie an der Universität nicht blinden Glaubensgehorsam lernen sollen, sondern das Denken, das kritische Reflektieren und die Verteidigung der eigenen Position mit Argumenten, nicht mit Verbandserklärungen.

Das geht den orthodoxen Scharia-Verbänden zu weit. Und obwohl sie ansonsten allergrößten Wert auf die Unterschiede zwischen den Religionen legen, etwa den, dass der Islam keinen Klerus kennt, maßen sie sich eine solche Rolle nun an. Sie verlangen, die Lehrinhalte zu beeinflussen und die Besetzung von Professuren. Und offenbar haben sie vom künftigen islamischen Religionsunterricht nur eine Vorstellung: Er soll an nichts rütteln, was ihnen als unhinterfragbar gilt, erwarten also faktisch die Transformation der orthodoxen Koranschulen in das staatliche Schulsystem.

Seit mehr als einem Jahr gibt es Hinweise, dass KRM-Funktionäre in Moscheegemeinden gegen Kalisch und das Lehrerstudium hetzen. Die auflagenstarke türkische Zeitung „Zaman“, Sprachrohr der umstrittenen Gülen-Bewegung (Über die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen), fährt in ihrer Europa-Ausgabe (“Eurozaman“) seit Wochen ebenfalls eine Hetzkampagne gegen den Münsteraner Professor und ließ die Scharia-Verbände wissen, dass man eine Antwort von ihnen erwarte. Die kam dann mit dem Austritt und dem Boykottaufruf. Eine gefährliche Entwicklung, zumal der Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, in mehreren Zeitungen verkündet hat, dass man vor der Besetzung einer zweiten Professur in Münster ein Votum der Verbände - also des KRM - für den Kandidaten einholen werde.

Die Bedeutung einer von Lobbyisten unabhängigen Theologie

Das ist ein starkes Stück vorauseilenden Gehorsams. Es hebelt nicht nur die Autonomie der Universität aus, sondern schafft Präjudizien: Es erhebt das politische Bündnis KRM in den Rang einer anerkannten Religionsgemeinschaft, ohne dies geprüft zu haben. Ali Kisilkaya hat sich darüber sehr gefreut. Im „Spiegel“ sagte er, Muslime hätten nun „de facto die gleichen Rechte bekommen wie die Kirchen“. Im Düsseldorfer Landtag hat es dazu vor einer Woche eine hitzige Auseinandersetzung gegeben. Pinkwart ruderte etwas zurück, blieb gleichwohl widersprüchlich in seinen Aussagen, vor allem zu Muhammad Sven Kalisch, der forschen dürfen soll, aber sich fernhalten möge von Lehramtsstudenten.

Niemand weiß jedoch, wen genau außer sich selbst der KRM vertritt. Mitglied sind neben der Ditib, einer vom türkischen Religionsministerium kontrollierten Organisation, der Islamrat, dessen stärkster Verein die antisäkulare und integrationsfeindliche Milli Görüs ist, sowie die Islamischen Kulturzentren, über deren Verfassungstreue kürzlich herbe Zweifel geäußert wurden, und der Zentralrat der Muslime, der in seiner Charta die Menschenrechte unter Scharia-Vorbehalt stellt. Ansonsten geriert sich der KRM nebulös als Vertreter „der Muslime“, mit Zahlen hält man sich zurück. Sich registrieren zu lassen sei Muslimen fremd, betonen die Funktionäre. Am ehesten erhält man vom Verfassungsschutz Auskunft über vermutete Mitgliederstärken einiger Mitgliedsverbände. Nach Schätzungen der Islamkonferenz vertritt der KRM höchstens fünfzehn Prozent der Muslime. Wieso wird dann ausgerechnet diesen Verbänden so viel religionspolitischer Einfluss zugestanden?

Der KRM hat zum Boykott des Studiums aufgerufen. Und die Universität Münster? Man fürchte um die Lehramtsstudenten, sagt ein Sprecher. Wer werde sie noch einstellen, dürfte Professor Kalisch sie weiterhin unterrichten? Ganz naiv geantwortet: die Schulbehörden. Sie dürften mit den Lehrinhalten des Centrums für religiöse Studien keine Schwierigkeiten haben, mit der klandestinen Ideologie der Verbände schon. Hier rächt sich ein weiteres Mal, dass die Islamkonferenz sich zwar (relativ ergebnislos) um einen Wertekonsens bemüht hat, aber theologische Themen, ja die Bedeutung einer von Lobbyisten unabhängigen Theologie kaum berührt hat.

Vielleicht wirkt der Skandal wie ein reinigendes Gewitter

Der Orientalist Tilman Nagel, der gerade eine kritische Mohammed-Biographie vorgelegt hat, aber nicht die Thesen von Kalisch teilt, verteidigt ihn. Künftige Islamlehrer an deutschen Schulen müssten diese wissenschaftliche Diskussion kennen, zumal am Centrum für religiöse Studien in Münster der grundlegende Stoff, Koran und Hadith, nicht vernachlässigt werde. Nagel zieht Vergleiche zum Studium der evangelischen und katholischen Religionslehrer: Auch sie werden selbstverständlich vertraut gemacht mit der ganzen Bandbreite religiösen Denkens, kritische Fragen eingeschlossen. Wer das Islamlehrern verweigern will, provoziere eine zweitklassige Ausbildung. Der Rückzug der Scharia-Verbände aus dem Beirat sei ein fatales Zeichen intellektueller Trägheit und schade dem Islam, ist Nagel überzeugt.

Mit anderen Wissenschaftlern hat er den von der Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann initiierten Solidaritätsaufruf für Kalisch unterzeichnet. Unterschrieben haben neben so renommierten Islamwissenschaftlern wie Nasr Abu-Zayd von der Humanistischen Universität Utrecht, Lloyd Rigeon (Universität Glasgow) und Karl-Heinz Ohlig (Saarbrücken) auch der Religionshistoriker Rainer Flasche (Marburg), die Soziologin Brigitte Hasenjürgen (Katholische Hochschule NRW) und Autoren sowie Vertreter der säkularen Muslime wie Ezhar Cezairli und Kalischs Lehrer, Imam Mehdi Razvi. Dazu kommen Studenten, Dissidenten, Juristen, Pfarrer, Politiker, Lehrer, Unternehmer. Den Unterzeichnern geht es um die Freiheit der Wissenschaft, um eine sachbezogene selbstkritische Reflexion, die eine Grundlage unserer europäischen Kultur ist. Und sie verteidigen „die fachlichen, didaktischen und methodischen Voraussetzungen für einen zukünftigen islamischen Religionsunterricht“, die Kalisch endlich geschaffen habe. Die Scharia-Verbände aber ließen mit ihrer Haltung die historische Chance verstreichen, mit einem Hoffnungsträger die Zukunft des Islam und der Gesellschaft in Deutschland mitzugestalten.

In jeder Krise steckt ein positiver Kern, und vielleicht wirkt der Skandal sogar wie ein reinigendes Gewitter. Er polarisiert, und das könnte auch jene säkularen Muslime ermutigen, die dem lautstarken, thesenarmen Geltungsstreben der Vertreter des Scharia-Islam zuweilen fassungslos gegenüberstehen. Dann wäre mehr gewonnen als verloren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

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