Die Internet-Offensive von Harvard

Wir wollen unseren geistigen Reichtum teilen

Eine der vielen Bibliotheken Harvards: Die Widener Library

Eine der vielen Bibliotheken Harvards: Die Widener Library

03. März 2008 Die Bibliothek der Harvard University will ihre Bücher und Zeitschriften fast unbegrenzt im Internet zugänglich machen. Ihr Direktor Robert Darnton ist einer der angesehensten Buchhistoriker. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht er von einem der tiefsten Einschnitte in der Geschichte der Wissensverbreitung.

Harvard hat sich entschlossen, Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Veröffentlichungen seiner Fakultätsmitglieder ins Netz zu stellen, kostenlos für alle. Warum und warum gerade jetzt?

Der Campus der Harvard University in Boston wird größer und größer (Foto digi...

Der Campus der Harvard University in Boston wird größer und größer (Foto digital aufbereitet)

Ich arbeite hier erst seit September als University-Professor und Direktor der Universitätsbibliothek, ich bin also der Neue. Aber mein ganzes Leben lag mir die Verbreitung des Wissens am Herzen. Als ich nach Harvard kam, war schon die Gründung eines „Open access“- Depots im Gange. Das habe ich sogleich als eine meiner Top-Prioritäten gesehen. Denn genau wie eine große Universitätsbibliothek ihre Bestände dem Rest der Welt durch Digitalisierung zugänglich machen sollte, woran wir zurzeit hart arbeiten, sollten auch Forschungsergebnisse frei verfügbar sein. Diese Richtung hat auch zum Ziel, Harvard zu ermuntern, weniger nach innen als nach außen zu blicken. Wir wollen unseren intellektuellen Reichtum mit allen teilen.

Gibt es dabei Widerstand unter Ihren Kollegen?

In der speziellen Debatte hat sich niemand dagegen ausgesprochen. Wir haben alles aber über viele Monate hinweg vorbereitet, und letzten Oktober, als die gesamte Faculty of Arts and Sciences zusammenkam, fand eine ausführliche Debatte statt. Danach haben wir zwei offene Foren veranstaltet. Auch auf unserer Website kam es zum regen Meinungsaustausch. Da tauchten allerdings Vorbehalte auf.

Fürchteten nicht einige Professoren, sie müssten, ob sie es wollten oder nicht, ihre Forschungsergebnisse zuerst im Internet veröffentlichen?

Zu Beginn war das einer der Vorbehalte, aber er beruhte auf einem Missverständnis. Wer seine Forschung nicht ins Netz stellen will, braucht das nicht zu tun. Unser Projekt hat aber ein „Opt-out“-Vorgehen. Das heißt, wir verlangen von unseren Lehrenden, dass sie uns ihre Artikel zur Verfügung stellen, es sei denn, sie hätten sich von dieser Pflicht befreien lassen. Wir haben das getan, weil wir das Gesamtgewicht des Lehrkörpers hinter uns haben, aber zugleich jedem Einzelnen die Entscheidung freistellen wollten. Wir haben nicht beansprucht, das exklusive Eigentumsrecht des Lehrenden an seiner intellektuellen Produktion einzugrenzen, genau dafür wurden wir aber von Leuten kritisiert, die militant den „open access“ fordern.

Diese Kritiker wollten mehr, als Sie anzubieten bereit sind?

Sie wollten, dass wir unsere Lehrenden verpflichten, im Internet zu publizieren. Ich meine, das wäre ein Fehler. Wir müssen dem Individuum die Entscheidung überlassen, statt eine Tyrannei der Mehrheit zu begründen. Es gibt freilich noch einen anderen Kritikpunkt, und der wiegt schwer. Den Hintergrund dafür bilden die eskalierenden Preise akademischer Zeitschriften, was eine Bedrohung für das Wesen der Forschung darstellt. Es wäre falsch, unseren Gang ins Internet als Deklaration gegen die Verlage zu verstehen, die teure Zeitschriften herausgeben. Sie werden ihre Verfahrensweise nicht ändern, nur weil Harvard jetzt ein „Open access“-Depot hat.

Aber dem Beispiel von Harvard werden wahrscheinlich andere Universitäten folgen, und das könnte sich schon dramatisch auswirken.

Wir wollen nicht die Zeitschriftenpreise unter Druck setzen, wir wollen die Natur des Kommunikationssystems in der Welt des Lernens verändern. Einige hier in Harvard haben nun gesagt: Vielleicht sind die Zeitschriften von Elsevier und Springer und Wiley ja wirklich zu teuer, aber wie steht es um die kleinen Forschungsjournale und die Organisationen, die sie herausgeben? Müssten die nicht Abonnenten verlieren, wenn Harvard Artikel frei zum Herunterladen anbietet? Das ist ein Argument, das ich sehr ernst nehme. Trotzdem halte ich es für irreführend. Nur, weil in einer solchen Zeitschrift womöglich alle fünf Jahre mal ein Artikel eines Harvard-Professors erscheint, wird niemand sein Abo kündigen. Es besteht da kein Grund zur Panik.

Auch nicht in Zukunft, wenn sich immer mehr ins Internet verlagern dürfte?

In zehn Jahren könnten, nach dem Vorbild von Harvard, alle wichtigen Forschungsbibliotheken „Open access“-Depots haben. Damit hätten wir eine völlig andere Lage. Für die kleinen Zeitschriften wäre das höchst gefährlich. Aber bis dahin wird sich die gesamte Forschungslandschaft verändern, werden neue wissenschaftliche Komplikationen auftreten. Es ist wenig ergiebig, über eine Zukunft nachzudenken, die wir uns nur schwer vorstellen können.

Noch werden Sie also Ihren Zeitschriften treu bleiben?

Leute wie ich werden sie weiter kaufen, um den Kontakt mit den neuesten Entwicklungen auf ihren Forschungsgebieten nicht zu verlieren. Zeitschriften bieten einfach einen sehr bequemen Weg, von Experten, die intelligente Rezensionen schreiben können, einen Überblick über die jüngste Forschungsliteratur zu bekommen und Verbindung zu einer über die ganze Welt verstreuten Gelehrtengemeinschaft aufzunehmen.

Sollte noch jemand für geistiges Eigentum im Internet zahlen müssen? Wo sehen Sie da Grenzen?

Als Direktor der größten Universitätsbibliothek der Welt und der zweitgrößten Bibliothek in den Vereinigten Staaten setze ich mich hingebungsvoll für das Interesse der Bibliothek ein. Andererseits bin ich auch Autor und habe da meine Interessen. Autoren und Verleger haben einen Anspruch darauf, für ihr geistiges Eigentum bezahlt zu werden. Auch wenn ich mit dem „open access“ sympathisiere, hielte ich es doch für einen Fehler, dogmatisch ein solches Prinzip zu verteidigen. In einem meiner Forschungsfelder, der Geschichte des Buchwesens, habe ich gelernt, dass Autoren keine Bücher produzieren. Autoren schreiben Texte, die Bücher aber werden von Lektoren, Verlegern, Designern und so weiter hergestellt. Auch all diese Zwischenhändler verdienen es, für ihre Dienste belohnt zu werden.

Was aber, wenn Wissen nur noch in elektronischer Form vorgelegt wird, wie es in Deutschland nun mit dem Brockhaus geschehen soll?

Das habe ich noch gar nicht gewusst. Allgemein lässt sich aber sagen, dass im Bereich von Enzyklopädien und Kompendien mehr Ungewissheit herrscht als bei Sachbüchern und Romanen. Enzyklopädien müssen ständig aktualisiert werden, und dafür sind elektronische Veröffentlichungen gewiss sinnvoller.

Kennen Sie als Buchhistoriker in der Verbreitung des Wissens einen ähnlich tiefgreifenden Umbruch, wie wir ihn heute erleben?

Wir sind an einem gravierenden Wendepunkt in der Geschichte der Kommunikationsmodi angelangt. Es ist leicht, so etwas zu verkünden, auch wenn man in fünfzig Jahren wie ein Idiot dastehen könnte, weil man ein wichtiges Indiz, das einem vor der Nase lag, übersehen hat. Aber alles deutet darauf hin, dass ein gewaltiger Wandel stattfindet. Womit er historisch zu vergleichen wäre? Es ist denkbar, dass Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern nicht sehr viel bedeutender ist als das, was wir gerade erleben. Nun legt ein Großteil der Forschung nah, dass Gutenberg nicht plötzlich die Produktion von Büchern transformiert hat. Es gab viele andere effektive Techniken der Buchproduktion bis ins neunzehnte Jahrhundert, darum würde ich argumentieren, dass eine technologische Innovation nicht automatisch eine vorhergehende verdrängt. Altes und Neues koexistieren oft in einer Art Äquilibrium, die immerfort im Wandel ist. Ich könnte mir vorstellen, dass elektronische und gedruckte Veröffentlichungen gut miteinander auskommen, ja einander stärken, dass der revolutionäre Wandel also nicht zur Vernichtung einer bewährten Technik führen muss.

Meinen Sie, das Internet sei dem Buch überlegen bei der Verbreitung von Wissen?

Ich bin fasziniert vom Internet, es eröffnet die wunderbarsten Möglichkeiten, aber es schafft auch Probleme, indem es einen mit Information überwältigt. Probleme verursacht weniger die instantane Kommunikation als der Informationswirbel, in dem wir die wichtige Information zu finden haben. Google ist so spektakulär erfolgreich, nicht weil es als Suchmaschine funktioniert, sondern weil es Techniken für Relevanz entwickelt hat.

Harvard arbeitet ja mit Google bei der Digitalisierung von Büchern zusammen.

Wir waren eine der ersten fünf Bibliotheken, die sich dazu entschlossen haben. Allerdings digitalisieren wir nur Bücher, die nicht mehr unter Urheberschutz stehen oder stehen könnten. Es gibt jedoch eine riesige Menge an Büchern, bei denen da niemand sicher ist. Nehmen wir unsere Monographien, von denen drei Viertel nicht in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurden. Was wird mit Büchern, die zum Beispiel aus Deutschland stammen? Wir haben eine fabelhafte Sammlung deutscher Bücher, aber die Verleger in Deutschland wären sicher nicht begeistert, wenn wir Google erlaubten, sie zu digitalisieren. Wir müssen hier sehr vorsichtig sein, damit wir kein Urheberrecht verletzen.

Überkommt Sie als Buchhistoriker dennoch manchmal ein bisschen Traurigkeit, das Buch auf der Liste der gefährdeten Arten zu sehen?

Ich liebe Bücher, ich liebe, wie sie sich anfühlen, selbst wie sie riechen. Es ist leicht für mich, da sentimental zu werden. Aber ich glaube nicht, dass das Buch den gefährdeten Arten zuzurechnen ist. Das Buch, also die Kodexform, ist eine große Erfindung, eine herrliche Maschine. Bücher liegen angenehm in der Hand, man kann sie durchblättern, man kann den Blick über die Seite schweifen lassen. Als Erfindung ist der Kodex einfach zu gut, als dass er vom Computer verdrängt werden könnte. Mein nächstes Buch erscheint ganz normal bei der Oxford University Press, und zugleich wird es eine elektronische Version geben, die viel umfangreicher und komplexer ist. So könnten die beiden Kommunikationsmodi in Zukunft miteinander koexistieren.

Das Gespräch führte Jordan Mejias.



Text: F.A.Z., 03.03.2008, Nr. 53 / Seite 36
Bildmaterial: AFP, REUTERS

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