Von Marcus Jauer
16. Juli 2008 Roger Kusch hatte vorgeschlagen, sich in seiner Wohnung zu treffen. Das war seltsam, weil Leute, die im Umgang mit der Presse so erfahren sind wie er, sich normalerweise in einem Café verabreden oder in einem Restaurant, wenn sie nicht möchten, dass ihre Umgebung etwas über sie verrät.
Die Wohnung liegt im vierten Stock eines Hamburger Altbaus. Hinter der Tür beginnt ein großer Raum, der die Form eines Winkels hat. Auf der einen Seite steht eine Küche als Tresen, weiße Arbeitsplatten, leergeräumt bis auf die Espressomaschine und den metallenen Brotkasten, vor dem ein Schneidebrett liegt, darauf ein Messer. Auf der anderen Seite steht ein grüner, runder Tisch, umstellt von farblosen Plastikstühlen. In einer Ecke sind zwei schwarze Ledersofas vor einen Breitbildfernseher gerückt. Es gibt Grünpflanzen, an den Wänden hängen weiße, schräg angebrachte Leinwände, Scherenschnitte in Goldrahmen und ein übergroßes CD-Regal, dessen Inhalt - es handelt sich ausschließlich um klassische Musik - Roger Kusch nicht nur alphabetisch sortiert, sondern mit eigenen Signaturen versehen hat.
Alles in allem macht die Wohnung einen aufgeräumten Eindruck, im Unterschied zu der Gegend, in der sie liegt.
Auf dem Fußabtreter, in leicht geschwungenen Buchstaben, das Wort Heimat
Vom Hamburger Hauptbahnhof, dessen Vorplatz mit klassischer Musik beschallt wird, um Drogenabhängige und Obdachlose zu vertreiben, war man eine baumlose Straße hinunter gelaufen, vorbei an Läden, in denen Ramsch und Bars, in denen Erotik angeboten wurde. Man hatte einen Platz überquert, der wegen der Dealer mit Kameras überwacht wird, war ein Treppenhaus hinaufgestiegen, das sich eng um einen Fahrstuhl wand, und stand schließlich vor einer Tür, vor der ein Fußabtreter lag. Darauf war, in leicht geschwungenen Buchstaben, das Wort Heimat zu lesen.
Am Klingelschild hatte ein fremder Name gestanden, den Roger Kusch geheimzuhalten bittet. Es ist gerade fünf Jahre her, dass der damalige Innensenator Ronald Barnabas Schill den Ersten Bürgermeister Ole von Beust damit zu erpressen versuchte, dass er Roger Kusch zum Justizsenator gemacht hatte, einen Mann, der angeblich sein Lebensgefährte sei und außerdem Mieter seiner Eigentumswohnung im Hamburger Stadtteil St. Georg. Tagelang hatten Reporter daraufhin das Haus belagert.
Fünf Stunden über das, was er Das Ereignis von Würzburg nennt
Roger Kusch, ein jugendlich wirkender Mann Anfang fünfzig, trägt schwarze Turnschuhe, Sakko und eine leichte Tönung im Haar. Die Kaffeetassen stellt er nicht ohne Untersetzer auf dem Glastisch vor der Couch ab. Danach redet er fünf Stunden lang über das, was er selbst Das Ereignis von Würzburg nennt.
Ende Juni hat Roger Kusch einer Rentnerin aus Würzburg beim Sterben geholfen. Sie hieß Bettina Schardt, war neunundsiebzig Jahre alt und nicht schwer krank, aber sie hatte Angst, es zu werden und siechend im Pflegeheim zu liegen. An Kusch hatte sie sich gewandt, als sie von dem Injektionsautomaten hörte, den er im März der Presse vorgestellt hatte. Er besteht aus zwei Spritzen, aus denen auf Knopfdruck je zwanzig Milliliter Kaliumchlorid und ein Narkotikum in die Armvene gepresst werden.
Als ließe sich das Thema derzeit nicht ohne ihn diskutieren
Roger Kusch sagt, es habe für den ersten Einsatz des Automaten einige Interessenten gegeben. Zu Frau Schardt aber habe er schnell einen intensiven Kontakt gefunden, aus dem sich ein relativ zügiges Geschehen entwickelt habe.
Das Ergebnis dieses Geschehens stellte Roger Kusch vor gut zwei Wochen auf einer Pressekonferenz vor. Seither ist er so häufig in den Medien wie in der Zeit, da er als Justizsenator Affäre an Affäre auslöste und deshalb am Ende entlassen wurde. Auch in den Zeitungen vom Tag hat er eine Meldung über sich gefunden, sie bezieht sich auf einen Fernsehbericht vom vergangenen Tag. Am folgenden Tag wird er in einer Talkshow auftreten. Es sieht so aus, als ließe sich das Thema Sterbehilfe derzeit nicht ohne Roger Kusch diskutieren. Lediglich der Norddeutsche Rundfunk hat vor Tagen eine Sendung bestritten, ohne ihn einzuladen. Das hat ihn gewundert.
Das hat Roger Kusch sofort verstanden
Roger Kusch sagt, Frau Schardt habe, bevor er mit ihr sprach, bereits alle Methoden eines Selbstmords erwogen. Sein Automat sei ihr ideal erschienen, da sie als ehemalige Krankenschwester im Umgang mit Kanülen geübt war. Außerdem habe sie viel für Technik übriggehabt. Ein Öffnen der Pulsadern sei für Frau Schardt nicht infrage gekommen, da sie sich vor dem Bild ekelte, das sie dereinst abgegeben würde, wenn man sie fände. Das hat Roger Kusch sofort verstanden.
Als er vor Jahren in die Wohnung zog, ließ er aus drei kleinen Zimmern diesen einen Raum schaffen. Von den Wänden, die dafür weichen mussten, blieben drei Säulen. Auf ihnen ruht die Decke, die er mit Halogenstrahlern ausstatten und ein wenig tiefer hängen ließ, um den Stuck zu verstecken, er mag keinen Stuck. Das einzige alte Möbel, das es im Raum gibt, ist der Sekretär neben der Tür. Er sieht nach Erbstück aus und ist auch das einzige Möbel, auf dem überhaupt etwas herumliegt; Handy, Schlüssel, Stifte, Papier.
Es wäre gut, wenn jemand auf die Reihenfolge achtet
Roger Kusch sagt, Frau Schardt und er seien irgendwann vom Injektionsautomaten abgekommen, als sich herausstellte, dass Frau Schardt beim Anlegen der Kanüle Hilfe brauchte, Roger Kusch sich diese Hilfe aber nicht zutraute.
Bettina Schardt starb an einem Samstagnachmittag. Sie nahm ein hochdosiertes Malariamittel, ein Sedativum und Sirup gegen den bitteren Geschmack. Sie hatte Roger Kusch angeboten, er solle in Hamburg bleiben, aber er hatte sie überzeugt, dass es gut wäre, wenn jemand darauf achte, dass sie die Mittel in der richtigen Reihenfolge nehme. Wie bei einigen ihrer Treffen zuvor baute er eine Kamera auf, dazu ein feines Mikrofon. Kurz bevor Bettina Schardt das Bewusstsein verlor, verließ er den Raum, weil er sich keine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung oder gar wegen Tötung durch Unterlassen einhandeln wollte.
Ich schließe dann von außen ab, habe er beim Abschied gesagt, erinnert sich Roger Kusch, eine eigentlich törichte Bemerkung, wie er jetzt findet.
Nur für den Fall, die Kamera fiele aus
Danach ließ sich Roger Kusch von einer nicht genannten Person nach Bad Mergentheim fahren und sich dort vor der Turmuhr des Schlosses fotografieren, um zu beweisen, dass er wirklich nicht bei Bettina Schardt im Raum war, als sie starb. Nur für den Fall, die Kamera fiele aus. Später holte er die Kamera dann ab und fuhr nach Hamburg. Aus den Gesprächen, die er mit Bettina Schardt geführt und aufgezeichnet hatte, schnitt er die Szenen heraus, die ihm unbrauchbar erschienen. Sein Aberglaube hatte ihm verboten, dies vorher zu tun. Den Film mit der Sterbeszene von Bettina Schardt deponierte er später bei einem Anwalt und will ihn auf Anfrage auch nur ausgewählten Ärzten zeigen. Den Injektionsautomaten hat er ohnehin nicht zu Hause.
Keinen Tag, nachdem er aus Würzburg abgereist war, verschickte er an Journalisten eine Einladung zur Pressekonferenz. Darauf war kaum mehr als das Foto einer älteren Dame zu sehen, und darunter war zu lesen: Dr. Roger Kusch hat Sterbehilfe geleistet.
Bei der Sterbehilfe noch viel zu lernen
Roger Kusch sagt, es gebe bei der Sterbehilfe noch viel zu lernen für ihn. Er beschäftige sich mit dem Thema so richtig, seit ihm ein Freund vor ein paar Jahren von einem Film erzählte. Er trägt den Titel Das Meer in mir und handelt von einem Seemann, der nach einem Badeunfall vom Hals abwärts gelähmt ist. Jahrelang wünscht er sich, ans Bett gefesselt, zu sterben, aber seine Familie ist dagegen. Erst eine Fabrikarbeiterin, mit der er sich anfreundet, hilft ihm dabei.
Der Film lief zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr in den Kinos. Also bat Roger Kusch seinen Pressesprecher, er war ja damals noch Justizsenator, eine DVD zu besorgen. Es dauerte eine Weile, aber irgendwann kam der Sprecher mit der DVD, und Kusch lud alle Mitarbeiter seines Büros zu einem Videoabend zu sich nach Hause ein. Das machte er häufiger. Normalerweise gingen sie dann alle gemeinsam noch ein Bier trinken. Nach diesem Film aber war Roger Kusch nicht nach Bier zumute, er bat seine Mitarbeiter, ihn alleinzulassen. Und so ist dann alles gekommen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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