Auswandererrekord

Junge, kommt bald wieder

Von Sandra Kegel

04. Mai 2006 Derzeit sucht ein Fernsehsender im Internet Deutsche, die ins Ausland ziehen und dort einen Neuanfang wagen wollen. Ein Kamerateam will die freiwilligen Exilanten für eine Langzeitreportage begleiten. Auch das Fernsehen also hat die Zeichen der Zeit erkannt: Allein im Jahr 2004 verließen mehr als 150.000 Deutsche ihre Heimat - seit den fünfziger Jahren hat es keine vergleichbare Auswanderungswelle mehr gegeben. Für das vergangene Jahr erwartet das Statistische Bundesamt sogar noch höhere Zahlen.

Heute aber sind es im Gegensatz zu früher meist junge und vor allem gutausgebildete Deutsche, die in der Fremde ihr Glück suchen. Die Zeiten, als die europäischen Nachbarn neidvoll auf hiesige Gehälter und Sozialleistungen schielten, sind vorbei. Deutsche Spitzenmediziner zieht es nach England, Computerspezialisten nach Australien, Wissenschaftler nach Amerika oder in die Schweiz. Dieser sogenannte „brain drain“, der Wegzug der deutschen Forscherelite, war bereits 2005 Thema einer großen Serie im Feuilleton dieser Zeitung. Der Trend hält an. Und er weitet sich aus: „Möchten Sie in Norwegen arbeiten?“ lockt die offizielle Website Norwegens nun auch Durchschnittsakademiker aus Deutschland weg. 19.000 Stellen seien zu besetzen, heißt es; besonders willkommen seien Fach- und Zahnärzte.

Protest gegen die Zustände

Dabei unternehmen viele den Schritt in die Fremde weniger aus Abenteuerlust oder dem Gefühl, reif für die Insel zu sein. Er erfolgt vielmehr als Ausdruck des Protests gegen die Zustände hierzulande. Wer jeden Tag in der Zeitung lesen kann, daß die Sozialsysteme kollabieren, die Unternehmen abwandern, die Politiker kapitulieren, der kann schon auf Fluchtgedanken kommen. Und in einer globalisierten Welt findet der Kampf um qualifizierte Arbeitnehmer eben auf internationaler Ebene statt. „Deutschland hat bereits heute einen Fachkräftemangel“, sagt Stefanie Wahl, Geschäftsführerin des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, im Gespräch mit dieser Zeitung. Deshalb müsse sich das Land dringend etwas einfallen lassen, damit es Ausreisewillige zum Bleiben bewegen kann.

Gerade in einer alternden Gesellschaft kann man auf junge gut und teuer ausgebildete Leute nicht verzichten. Daß die heute Dreißig- bis Vierzigjährigen bei der Lastenverteilung aber am härtesten getroffen werden - rund hunderttausend Euro wird diese Altersgruppe im Schnitt mehr ins Steuer- und Sozialsystem einzahlen, als sie an Leistungen daraus beziehen wird -, gehört zu den gängigen Argumenten, mit denen die deutschen Arbeitsmigranten ihren Weggang begründen. Ein Artikel zum Dilemma dieser Sandwich-Generation (siehe: Warum Jugendproteste gegen die Sozialreformen ausbleiben) löste in der Internetausgabe dieser Zeitung eine größere Debatte aus - die meisten Beiträge stammen von jungen Auslandsdeutschen, die sich für ein Leben in London, New York oder Chicago entschieden haben.

Viele interessante Jobs

„Mögen die Franzosen noch auf die Straßen gehen und für ein System kämpfen, welches sich selbst der Realität beugen mußte“, schreibt da der in London lebende Thomas Wellinger, „die Generation der Deutschen scheint sich der Zeit angepaßt zu haben und protestiert mit den Füßen.“ Statt zu jammern, habe sie gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen: „Nun sitzen wir in Amerika, England, der Schweiz und Japan... überall, wo wir dies auch erfolgreich tun können.“ Aus Princeton, New Jersey, ermuntert Timo Kohlberger seine Altersgenossen in Europa, sich weiterzuqualifizieren, Englisch zu lernen und „den Schritt“ zu wagen: „Hier im Nordosten von Amerika etwa gibt es viele interessante Jobs für ehemalige deutsche Wohlstandskinder.“

Zwar gibt es viel zuwenig Daten über die Abwanderung aus Deutschland - das Thema wurde von der Migrationsforschung bislang stiefmütterlich behandelt, und auch das Statistische Bundesamt hat keine Kenntnisse etwa über Berufsgruppen und Motive. Trotzdem beunruhigt nicht nur Stefanie Wahl der Umstand, daß die Auswanderer häufig besonders motiviert und ausgebildet seien, die Zuwanderer in Deutschland indes meistens arm und ungelernt: „Solange Deutschland nicht mehr für die Integration der Ausländer tut, wird dieses qualitative Ungleichgewicht bestehenbleiben.“ Die Skeptiker unter den Migrationsforschern fürchten gar, daß es in einigen Jahren zu einem negativen Migrationssaldo kommen könnte, also zu mehr Aus- als Einwanderung - mit dramatischen Folgen für die Volkswirtschaft.

Die typische Arbeitsbiographie

Der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung bei der Bundesagentur für Arbeit, die sich um die Vermittlung von Fach- und Führungskräften ins Ausland kümmert, beschert die neue deutsche Auswandererwelle ebenfalls Rekordzahlen: Vermittelte das Haus im Jahr 2000 noch 1936 Deutsche ins europäische Ausland, so waren es 2005 fast viermal so viele.

Dieser Exodus läßt sich indes mit jenem Strom, den es im neunzehnten Jahrhundert nach Amerika zog, nicht vergleichen. Damals bedeutete der Schritt einen schicksalhaften Einschnitt ins Leben, einen Abschied meist ohne Wiederkehr. Dies bleibt den Wanderwilligen des einundzwanzigsten Jahrhunderts erspart - die Heimat ist nur wenige Flugstunden entfernt, und moderne Kommunikation hilft, den Kontakt zu halten. Wirkliche Auswanderung ist in dieser Welt eher die Ausnahme. Vielmehr scheint es, als gehöre der Auslandsaufenthalt mittlerweile zur typischen Arbeitsbiographie.



Text: F.A.Z., 04.05.2006, Nr. 103 / Seite 39
Bildmaterial: AP

 
 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche