„Tal der Wölfe“

Filmische Haßpredigt

Hält die zentrale Predigt im „Tal der Wölfe”: Ghassan Massoud als Scheich Kerkuki

Hält die zentrale Predigt im „Tal der Wölfe”: Ghassan Massoud als Scheich Kerkuki

15. Februar 2006 Es kommt nicht häufig vor, daß es in deutschen Kinosälen Szenenapplaus gibt, wenn ein amerikanischer Offizier erdolcht wird. Wo der türkische Action-Film „Tal der Wölfe“ zu sehen ist - seit einer Woche in immerhin 65 Kinos in Deutschland -, kommt es offenbar immer wieder zu Beifallskundgebungen des überwiegend jungen, fast ausschließlich türkischen Publikums.

Der hier am Ende zur Strecke gebrachte Amerikaner mit Vornamen Sam ist in der teuersten türkischen Filmproduktion aller Zeiten das personifizierte Böse: Er sei verantwortlich für Massaker an der Zivilbevölkerung, Deportationen und Folterungen im amerikanisch besetzten Nordirak.

Doch werden die Geschehnisse, die sich ausdrücklich auf die Grausamkeiten im Gefängnis von Abu Ghraib beziehen, im Film nicht als Ausnahmen oder Exzesse dargestellt. Die Amerikaner sind hier fast durchweg sadistische Schlächter, die die Menschenwürde gezielt mit Füßen treten. In einer skandalösen Szene selektiert ein Arzt sogar verhaftete Iraker für eine Organentnahme bei lebendigem Leib - die Organe sind für die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Israel bestimmt. In diesem Film werden also die Amerikaner (und auch die Israelis) mit den Nazis auf eine Stufe gestellt.

Der Westen, Juden und Christen sind das Feindbild, dem der - durchaus spannende - Film die Vision einer geeinten islamischen Welt entgegenstellt. Zwar spricht er sich ausdrücklich und in schockierend drastischen Bildern gegen Selbstmordattentate und Geiselnahmen aus, doch propagiert er eine schon logisch heikle Synthese von türkischem Nationalismus und muslimischer Einheitsideologie - und einen unvermeidlichen Kampf der Kulturen.

Man rechnet für den Film mit insgesamt sechs Millionen Zuschauern, davon allein in Deutschland mindestens einer halben Million. In vielen deutschen Städten gehen derzeit Türken, junge Männer und Frauen, aber auch ganze Familien, in Scharen in einen Film, der rassistisch-antiamerikanische, antichristliche und antisemitische Hetze schürt und so über eine - ja durchaus legitime Kritik - an westlicher Irak-Politik weit hinausgeht. Im Mantel eines scheinbar nur unterhaltenden Films wird ein Zerrbild des Westens gezeichnet - er ist eine Haßpredigt mit filmischen Mitteln. Früher nannte man das Propaganda.

Text: rik., F.A.Z., 16.02.2006, Nr. 40 / Seite 1
Bildmaterial: Maxximum Film

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