Von Julia Encke
12. Juni 2006 Das ist natürlich schon ein bißchen lustig. Da hupen in Potsdam auf den Straßen schon Freitag mittag die Autos den ersten WM-Sieg herbei, aus Lautsprechern neben der Brücke kommt laut anmoderierte Spaßmusik, während die Euphoriker aus München eine SMS nach der anderen schicken: Dear, it's big time, wir werden Weltmeister! - und ein paar hundert Meter weiter, im Einstein-Forum, sitzt eine Runde von Wissenschaftlern und diskutiert über Losers and Victims, Verlierer und Opfer. Das ist die Wissenschaft. Die interessante Nachricht des Nachmittags aber: Opferstilisierungen kommen gegenwärtig an ihr Ende. Sie sind eine Art historisches Auslaufmodell, haben ihren Höhepunkt überschritten. Und dafür hat sich die Fahrt nach Potsdam schon gelohnt.
Jan Philipp Reemtsma betritt, wie immer respekteinflößend, das Podium und holt historisch aus: Man erinnere sich doch sicher an den Fall Wilkomirski, an jenen Schweizer, der sich in den neunziger Jahren eine Kindheit im Konzentrationslager zusammenphantasierte, die jeder Grundlage entbehrte. Tatsächlich kannte er das KZ nur als Tourist. Man nannte ihn einen Hochstapler, was eine bizarre Bezeichnung sei: Gewöhnlich ist der Hochstapler doch jemand, der sich mit fiktionalem Glanz umgibt. Aber genau das sei typisch. Seit 1945, so Reemtsma, habe es eine neue literarische Gattung gegeben. Es erschienen Opfermemoiren über passiv erduldetes Leid. Und diesen wurde eine Deutungsautorität über die Welt zugeschrieben. Man habe das immer gut sehen können, wenn jemand später einen Essay schrieb, an dessen Ende er ein Zitat von Primo Levi oder Jean Amery stellte. Das hatte Gewicht. Nur wenn Levi und Amery beide am Ende standen und sich womöglich widersprachen, dann wurde es schwierig.
Von den Opfermemoiren zur Parasitenliteratur
Das Genre der Opfermemoiren ist dann in eine zweite Generation gegangen, hat sich in eine Art Parasitenliteratur verwandelt, in Memoiren von Opfern anderer Verbrechen, von Vergewaltigungen oder Geiselnahmen. Er, Reemtsma, könne das parasitär ruhig nennen, weil er schließlich selbst ein solches Buch geschrieben habe, den Bericht über seine Entführung und Gefangenschaft Im Keller, im März 1996, 33 Tage lang in Garlstedt. Das Opfer ist eine schwierige Figur. Oft sind es unerfreuliche Leute, empfindlich, leicht kränkbar, aggressiv. Zugleich schreiben andere Menschen Opfern automatisch eine Mitschuld am Geschehenen zu, ohne das spezifizieren zu können. In jedem Fall wird die Begegnung mit Opfern oft als unangenehm empfunden. Man wechselt gerne die Straßenseite, um eine peinliche Situation zu vermeiden. Reemtsma mag das selbst erlebt haben. Was, andererseits, in jedem Fall aber passierte, war, daß Leute sein Buch wie eine heilige Schrift lasen, daß sie ihm in etwa dieselbe Deutungshoheit zuschrieben wie den Memoiren der ersten Jahre. Darüber habe ich mich gewundert.
Man kann den positiven Effekt, den der soziale Prestigegewinn des Opfers durch die Literatur mit sich brachte, sicher nicht hoch genug schätzen. Vor allem nicht - das bekräftigt in der Diskussion dann Bernhard Schlink - seine Auswirkungen auf die Rechtspraxis. Schlink spricht von einer allmählichen und erfolgreichen Verrechtlichung, die sich inzwischen allerdings mehr auf das Völkerrecht verlagere. Trotzdem, so Reemtsma, führt der Prestigegewinn eben auch zu einer Opferkonkurrenz. Wer ist das noch größere Opfer? Wer trägt das noch schlimmere Stigma? Und soviel die Arbeit von Opferberatungsorganisationen gebracht habe, so problematisch sei sie: Die durchgängig positive Bewertung der Opferposition hält das Opfer selbst auf, den Status psychisch zu überwinden. Zuviel Anerkennung ist auch hinderlich, führt zu Selbststilisierungen und merkwürdigen Formen des Opferstolzes. Das betrifft zum Beispiel ja auch die gesellschaftliche Rolle der Frau. Als bloßes Opfer kommt man da schon lange nicht mehr weiter. Das will keiner hören.
Schimpfwort Opfer
So steht dann also plötzlich diese These im Raum, daß die Opferkulturen ihren Höhepunkt überschritten hätten, daß der Begriff des Opfers seinen Glanz verloren habe, wofür man Indizien nicht nur auf dem Schulhof der Neuköllner Rütli-Schule finden kann, wo als Ausdruck größter Verachtung Du Opfer! längst als etabliertes Schimpfwort kursiert. Jan Philipp Reemtsma ist das zwar völlig neu, davon hat er überhaupt noch nichts gehört, er räumt aber ein, daß das auch nichts zu bedeuten habe, daß er das noch nicht mitgekriegt habe.
Für Hans Magnus Enzensberger, der ja gerade seinen Essay Schreckens Männer - Versuch über den radikalen Verlierer veröffentlicht hat, spricht dann manches dafür, daß die Opferkultur derzeit durch eine Verliererkultur abgelöst werde, wenn auch die Versuchung der Verliererkultur sicher darin liege, sich - überhöht - als Opfer zu sehen. Enzensberger unterscheidet Versager, Opfer, Besiegte und radikale Verlierer: Der Versager, schreibt er, mag sich mit seinem Los abfinden und resignieren, das Opfer Genugtuung fordern, der Besiegte sich auf die nächste Runde vorbereiten. Der radikale Verlierer aber sondert sich ab, wird unsichtbar, hütet sein Phantasma, sammelt seine Energie und wartet auf seine Stunde. Dieser radikale Verlierer findet seine Verkörperung für ihn allen voran im Schläfer, im potentiellen islamistischen Terroristen. Enzensberger geht so weit, die gesamte islamistische Bewegung als ein Kollektiv von radikalen Verlierern zu beschreiben, deren Entstehungsursachen ohne einen von ihm behaupteten jahrhundertealten arabischen Niedergang nicht zu erklären seien.
Der Islamist als radikaler Verlierer
Alles, was er für den radikalen Verlierer geltend macht, findet er im Islamismus wieder: die Suche nach Sündenböcken, den Realitätsverlust, den Männlichkeitswahn, das kompensatorische Überlegenheitsgefühl, die Fusion von Zerstörung und Selbstzerstörung und den zwanghaften Wunsch, durch die Eskalation des Schreckens Herr über das Leben der anderen und über den eigenen Tod zu werden. An Lösungen für das Dilemma der arabischen Welt, heißt es im Essay, ist der Islamismus nicht interessiert; er erschöpft sich in der Negation. Es handelt sich um eine im strengen Sinn unpolitische Bewegung, da sie keinerlei verhandelbare Forderungen erhebt. Im Klartext wünscht sie, daß die Mehrheit der Bewohner des Planeten, die aus Ungläubigen und Abtrünnigen besteht, kapitulieren oder umgebracht werden soll.
Was man denn mit so einer Analyse mache, was aus ihr hervorgehe, fragt man ihn, schließlich sei, so gesehen, der Spielraum ja nicht besonders groß. Enzensberger ist gelassen. Er sehe nicht ein, sagt er, warum wir uns in eine Position der Schwäche drängen lassen sollten: Natürlich wird uns das alle beschädigen, aber gewinnen kann so etwas nicht. Es ist ein Risiko, an dessen Produktion die Welt, so wie sie ist, natürlich auch beteiligt ist. Da muß sie auch mit den Konsequenzen leben.
Der Nachmittag ist fast um. Es wird langsam Zeit, vor einen großen Bildschirm zu kommen. Ob der radikale Verlierer als Gegenpart nicht den radikalen Gewinner brauche, fragt man Enzensberger zum Schluß. Ob es nicht einen gesellschaftlichen Imperativ gebe, Gewinner zu sein. Ich weiß nicht, wie weit das verbreitet ist, meint er. Die Medienträchtigen sind die großen Gewinner und die großen Verlierer. Aber es gibt ja eine Welt diesseits der Medien, und in dieser Welt hält sich die verachtete Normalität auf. Diese hat unter Umständen gar nicht das Bedürfnis, Herrn Ackermann oder den radikalen Verlierer nachzuahmen. Sie sind in ihrem mittleren Zustand, und man unterschätzt da manchmal ihr Beharrungsvermögen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.06.2006, Nr. 23 / Seite 26
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