Von Andreas Kilb und Heinrich Wefing
26. April 2007 Ohne Zweifel: Die am vergangenen Montag verkündete Entscheidung der Bundesregierung und des Berliner Senats, das Berliner Stadtschloss als Humboldt-Forum mit barocker Fassade neu zu errichten, ist in ihrer Bedeutung schwer zu überschätzen (siehe Berlins Stadtschloss soll ab 2010 gebaut werden). Der Beschluss, von Bundeskanzlerin Merkel beinahe beiläufig, aber entschieden angekündigt, ist ein Markstein in der Geschichte des wiedervereinigten Deutschland. Mit ihm tritt eine öffentliche Debatte, die bereits kurz nach dem Mauerfall von Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler angestoßen worden war, endlich in ihre Schlussphase.
Das Schloss - in seiner konzentrierten, von kommerzieller Nutzung glücklich befreiten Entwurfsform - wird kommen, so viel ist klar. Nirgendwo erhebt sich mehr Widerspruch dagegen, die Kritiker von einst, ehedem in der Mehrheit, sind verstummt. Was diese neue Entspanntheit im Umgang mit dem architektonischen Erbe Preußens geschichtspolitisch für die Berliner Republik bedeutet, lässt sich noch kaum erahnen.
Ausschließlich kulturelle Zwecke
Das neue Schloss wird, das steht nun ebenfalls fest, auch die von Karl Friedrich Schinkel entworfene, von Friedrich August Stüler ausgeführte Kuppel des Originalbaus tragen und sich damit unter die wichtigsten historischen Wahrzeichen Berlins einreihen, neben den Reichstag und das Brandenburger Tor. Beschlossen ist vor allem, dass der Bau ausschließlich kulturellen Zwecken vorbehalten sein soll. Damit erhält Berlin direkt gegenüber der Museumsinsel und in unmittelbarer Nähe zur Humboldt-Universität, dem Deutschen Historischen Museum und zur Staatsoper Unter den Linden ein gewaltiges Forum der Künste und Wissenschaften.
Was aber soll hier zu sehen, zu erfahren, zu begehen sein? Daran scheiden sich immer noch die Geister. Der brache Schlossplatz ist seit Jahren die Fläche, auf die mit Lust alle erdenklichen Hoffnungen projiziert wurden. Manche wünschten sich hier einen Ort der zeitgenössischen Kunst, andere malten sich ein Volkshaus aus, eine kapitale Begegnungsstätte, von einer riesigen Bibliothek war die Rede, von einer zentralen Repräsentanz der deutschen Wissenschaften in der Hauptstadt oder von einem großen Preußenmuseum. Es war der demnächst aus dem Amt scheidende Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, der die Diskussion erstmals aus dem Luftigen des Visionären hinab in die Realität zwang, als er vor sieben Jahren vorschlug, die ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Staatlichen Museen aus dem vorstädtischen Dahlem auf den Schlossplatz zu holen.
Urbaner Weltort für Kunst und Kultur
Ein einmaliger Bestand außereuropäischer Kunstschätze und Kulturgegenstände, der derzeit abseits der Publikumsströme in exquisiter Isolation verdämmert, würde so ins Rampenlicht der Berliner Republik gerückt. Vor allem aber fand Lehmanns Inititative, verlockend mit den Namen von Alexander und Wilhelm von Humboldt verknüpft, allgemeinen Anklang. Auch, weil er gleich eine finanzielle Lösung anbot: Durch den Umzug würde die Stiftung von den Kosten einer Sanierung der baufälligen Museumsgebäude in Dahlem befreit, die auf hundert Millionen Euro geschätzt werden; zudem ließen sich die freiwerdenden Grundstücke verkaufen und damit weitere Mittel für das Humboldt-Forum gewinnen. Im Kern stecken diese Überlegungen auch heute noch hinter der Entscheidung des Bundes, den Löwenanteil der auf 480 Millionen Euro veranschlagten Baukosten zu übernehmen.
Große Überzeugungskraft bezog die Idee eines Humboldt-Forums auch aus der Versicherung Lehmanns, auf dem Schlossplatz solle kein reines Museum entstehen, sondern ein urbaner Weltort für Kunst und Kultur, eine Mischung aus Lernstätte und Labor, Ausstellungshalle und Agora. Die wissenschaftshistorischen Sammlungen der Humboldt-Universität sollten dort ebenso Platz finden wie Bestände der Berliner Zentral- und Landesbibliothek (ZLB). Diese Nutzungsmischung dürfte nach den jüngsten Beschlüssen obsolet sein. Die Stadt Berlin nämlich erwirbt durch ihren Baukostenbeitrag von 32 Millionen Euro eine wesentlich kleinere Fläche im Gesamtkomplex als ursprünglich geplant, lediglich fünftausend Quadratmeter Ausstellungsfläche - etwa ein Zehntel der Gesamtfläche des Gebäudes - und damit gewiss nicht genug für die kombinierten Ansprüche von Universität und Bibliothek. Beide Institutionen sind denn auch sogleich in Interviews und Presseerklärungen in eine offene Feldschlacht um die Berliner Räume im Schloss gezogen.
Die Humboldt-Idee eines Museums
Claudia Lux, die Direktorin der ZLB, will um ihren Anteil am Humboldt-Forum kämpfen. Die Bibliothek, erklärt sie, brauche den dort freien Platz, um die Raumnot ihrer drei Standorte, besonders der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg, zu beheben. Zudem sei sie eine entscheidende Bereicherung des Schlossneubaus. Die Möglichkeit, Bücher, Filme und Tonträger nicht nur zu betrachten, sondern anzufassen und zu entleihen, entspreche eher der Humboldt-Idee als ein reines Museum.
Frau Lux möchte daher ganze Bereiche ihrer Bibliothek im Humboldt-Forum unterbringen - Musik, Film, Kunst und Mode, Kinder- und Jugendbücher. Der inhaltliche Bezug zu den ethnologischen und außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem soll durch Inszenierungen in Form von Schaukästen, Video-Präsentationen, Lesungen und Konzerten hergestellt werden. Buchbestände, die nicht im Schloss selbst aufbewahrt werden, soll der Besucher bestellen können; sie würden durch den erhaltenen historischen Tunnel zum Neuen Marstall gegenüber aus den dortigen Magazinen herübergebracht. Im Übrigen erklärt die Bibliotheksdirektorin ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität, falls wir diesen Platz bekommen. Aber zuerst einmal will sie ihn haben. Am liebsten ganz.
Ergänzung zu den Dahlemer Sammlungen
Auch Universitätspräsident Christoph Markschies gibt sich gesprächsbereit. Man wolle die Landesbibliothek trotz ihrer relativ kleinen Bestände in den Bereichen Ethnologie und Weltkulturen nicht aus dem Schloss herausprügeln. Allerdings dürfe man auch das Konzept des Humboldt-Forums nicht mutwillig zerstören; deshalb sei die Unterbringung von Kinder- und Jugendliteratur im Stadtschloss indiskutabel. Das Forum sei kein Schuttabladeplatz für Tausende von Dingen, sondern ein Präsentationsort nur für Bücher und Objekte, die einen strikten Bezug zum außereuropäischen Rahmen hätten.
Das Konzept der Humboldt-Universität für das Stadtschloss sieht eine Art Ergänzungspräsentation zu den Dahlemer Sammlungen vor. So sollen etwa die Turfan-Malereien des neunten Jahrhunderts aus dem Museum für Indische Kunst durch eine in engem baulichem Zusammenhang eingerichtete Ausstellung der Turfan-Handschriften erweitert werden, die zurzeit von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ediert werden. Tier- und Pflanzenpräparate sowie Gesteine aus den Magazinen des Naturkundemuseums sollen die erdgeschichtliche Dimension der außereuropäischen Kulturen veranschaulichen, Tondokumente aus dem Lautarchiv der Universität ihre Bilder zum Klingen bringen. Auch Markschies spricht von Inszenierung, wenn es um die Frage geht, wie das Interesse eines breiteren Publikums für die Schätze des Humboldt-Forums geweckt werden könnte. Aber er meint keine Bücher, sondern Computerstationen, an denen Text- und Audiodateien heruntergeladen, Bilder abgerufen, Manuskripte ausgedruckt werden können: ein digitales Humboldt-Paradies für den anspruchsvollen Benutzer.
Der Moment, zu streiten
Wie das institutionelle Fingerhakeln am Ende ausgehen wird, ist schwer zu sagen. Aber es enthüllt die bislang gern schamhaft verschwiegene Schwäche des Gesamtkonzepts: Es ist additiv gedacht, von den verschiedenen Interessen, Institutionen und Beständen her, die im Schloss untergebracht werden sollen, nicht von einer verbindenden Idee inspiriert. All die guten Absichten, man wolle einen neuen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft in Gang setzen, neue Formen der Präsentation und der Vermittlung erproben, und dem Außereuropäischen im Zentrum der deutschen Hauptstadt endlich das ihm in einer globalisierten Welt zukommende Gewicht einräumen - all diese wolkigen Erklärungen bedürfen dringend der Zuspitzung und Konkretion, will man nicht eines Tages, wenn die prächtigen Barockfassaden wiedererrichtet sind, dahinter ein Sammelsurium von Dingen finden, die andernorts keinen Platz mehr hatten.
Vielleicht ist Hermann Parzinger, der gerade zum Nachfolger von Lehmann gekürte künftige Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, der richtige Mann für die innere Ausgestaltung des Humboldt-Forums. Er kommt nicht aus den Museen, von den Gegenständen her, sondern aus der Wissenschaft, aus der Welt der Ideen, und kann womöglich den intellektuellen Überbau liefern, der den Nutzungsplänen für den Schlossplatz derzeit so offenkundig fehlt. In jedem Fall ist der Umstand, dass seine Bestallung mit dem Schlossbeschluss von Bund und Berlin zusammenfällt, ein glücklicher Zufall. So bietet sich im Zuge des Wechsels auch ein Moment des Innehaltens, um die wahrhaft historische Chance dieses Augenblicks zu begreifen. Und noch einmal darüber nachzudenken, wie sie genutzt werden kann.
So wäre zu erwägen, ob nicht die Gemäldegalerie vom ungeliebten Kulturforum ins Schloss umziehen sollte. Ein Neubau für die prachtvolle Sammlung ist ohnehin geplant, unweit des Bodemuseums, auf dem sogenannten Kasernengelände jenseits der Spree. Wären aber die wunderbaren Rubens, Caravaggios und Dürers in den rekonstruierten Sälen des Schlosses nicht viel besser aufgehoben als in einem Neubau? Würden sie dort nicht ein einmaliges Ensemble schaffen, das der Kombination von barocken Treppenhallen und ozeanischen Einbäumen ästhetisch weit überlegen wäre? Jetzt, da sich die Republik den Schlossbau versprochen hat, ist der Moment, darüber zu streiten. Er wird nicht wiederkommen.
Text: F.A.Z., 27.04.2007, Nr. 98 / Seite 39
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.