Akademie der Künste

Berlin sucht den Super-Präsidenten

Von Heinrich Wefing

Sein dröhnender Abgang macht die Suche nicht leichter: Adolf Muschg

Sein dröhnender Abgang macht die Suche nicht leichter: Adolf Muschg

21. April 2006 In einer Woche, auf ihrer Frühjahrstagung am letzten April-Wochenende, will sich die Berliner Akademie der Künste einen neuen Präsidenten wählen. Das wäre auch unter normalen Umständen ein schwieriges Unterfangen, aber in diesem Jahr, nach dem polternden Rücktritt von Adolf Muschg vor vier Monaten, scheint es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Muschgs bittere Kritik an den Verkrustungen des Akademie-Apparats, an der geistigen Immobilität vieler Mitglieder und Gremien sollte auch dem letzten Akademiker vor Augen geführt haben, in welchen Schwierigkeiten das Berliner Haus steckt.

Gesucht wird nun ein veritabler Übermensch, eine Mischung aus Albert Einstein, Herbert Wehner und Martin Luther King; ein Humanist von eminenter intellektueller Statur; ein eiserner Zuchtmeister, der die auseinanderstrebenden Fraktionen zusammenhält; ein Charismatiker, der das Haus innerlich erglühen läßt und es nach außen erleuchten kann.

Demonstratives Schwanken

Verschwimmende Konturen: die Akademie der Künste

Verschwimmende Konturen: die Akademie der Künste

Ein solcher Götterliebling ist naturgemäß nicht leicht zu finden, und so ist Muschgs Nachfolge noch ziemlich offen. Höchstwahrscheinlich fällt die Entscheidung, die notwendig auch eine zwischen Erneuerung und Weiterwurschteln sein muß, überhaupt erst während der Plenarversammlung der Akademie-Mitglieder, deren Abstimmungsverhalten traditionell so vorhersehbar ist wie das Wetter im April. Längst aber schwirren viele Namen durch Berlin, doch je mehr Kandidaten genannt werden, desto mehr winken offenbar ab. Der Komponist Wolfgang Rihm wird immer wieder als Idealbesetzung genannt, hat aber vernehmlich dementiert. Im Gespräch sind auch die Filmregisseure Volker Schlöndorff und Frank Beyer, der Künstler Klaus Staeck, die Berliner Kulturpolitikerin Nele Hertling, die auch als mögliche neue Vizepräsidentin gehandelt wird, ähnlich wie der Publizist Friedrich Dieckmann, und manch anderer, Cees Nooteboom etwa oder Daniel Barenboim, der nicht einmal Mitglied der Akademie ist.

Der einzige, dessen mögliche Bewerbung bereits einen etwas festeren Aggregatzustand erreicht hat, ist der Komponist Udo Zimmermann, ehedem Generalintendant der Deutschen Oper Berlin. Ein Kreis um Josef Anton Riedl, allesamt Mitglieder der Sektion Musik, hat Zimmermann zum Kandidaten ausgerufen; der allerdings schwankt noch demonstrativ, ob er sich zur Wahl stellen soll. Häufig fällt auch der Name Jürgen Flimm. Der Theatermann, der schon viele Ämter hatte, der Intendant, Multifunktionär und gewiefte Kulturpolitiker, der seinerseits auch erste Wahl von Gerhard Schröder als Kulturstaatsminister gewesen sein soll, wird offenbar von einigen Akademikern gezielt umworben. Gegenüber dieser Zeitung erklärte er jedoch, er wisse nicht, wie er sich für „diese wunderbare Aufgabe“ genug „Zeit aus den Rippen schneiden“ könne.

Natürlich gibt es sachliche Gründe für die Zögerlichkeit der Kandidaten. Jeder, der künstlerische Statur und Ausstrahlung genug besitzt, als Kandidat genannt zu werden, ist ohnehin mit Arbeit und Ämtern überhäuft. Staeck etwa leitet, wie er sagt, einen Kleingewerbebetrieb, der seine Unabhängigkeit sichere. Flimm ist bis 2007 bei der Ruhrtriennale unter Vertrag, bereitet aber zugleich schon seine Intendanz der Salzburger Festspiele vor. Zimmermann sucht in Hellerau ein Kunstzentrum aufzubauen et cetera. Kurzum, Komponisten wollen lieber komponieren, als sich drei Jahre lang ins Geschirr der Akademie spannen zu lassen, was man ihnen kaum verübeln mag, Autoren wollen schreiben, Architekten noch ein paar Häuser bauen.

Hektische Suche nach Notausgängen

Als Nebentätigkeit aber läßt sich das Amt nicht stemmen, jedenfalls im Moment nicht, da die Krise der Akademie manifest ist, und auch nicht aus Respekt vor den großen Vorgängern wie Liebermann, Scharoun, Grass. So treibt die allgemeine Verlegenheit kuriose Vorschläge hervor. Von einem Dreier-Kollegium statt eines einzelnen Präsidenten war bereits die Rede, obwohl Gesetz und Satzung dagegenstehen und es schwerfällt, sich vorzustellen, daß ausgerechnet ein hyperindividueller Verein wie die Berliner Akademie kollektiv geführt werden könnte. Auch über eine neuerliche Berufung von Muschgs Vorgänger György Konrad, wenigstens für eine Übergangszeit, hat man wohl nachgedacht; Konrad sei dem, heißt es, nicht völlig abgeneigt. Erwogen wird schließlich auch, die Wahl zu verschieben, in den Herbst vielleicht, bis zur nächsten Mitgliederversammlung, oder in eine ferne Zukunft, bis der Erlöser und Zampano doch noch am Horizont auftaucht, den alle ersehnen. Diese hektische Suche nach Notausgängen aus der verfahrenen Situation ist Ausdruck großer Nervosität - und ein weiteres Zeichen für den inneren Zustand des Hauses. Wäre die Akademie noch die Institution, die sie nach Anspruch und Auftrag sein sollte, müßten die Bewerber Schlange stehen.

Hinter dem Nebel aus Namen droht allerdings das eigentliche Problem der Akademie außer Sicht zu geraten. Ihr fehlt nicht nur ein Präsident, es mangelt ihr an einem klaren Bild ihrer selbst, ihrer geistigen Position. Leicht läßt sich bestimmen, was die Akademie nicht sein soll: keine Event-Agentur, kein Ort für kulturell aufgehübschte Talkshows, auch kein bloßes Ausstellungshaus, gewiß kein intellektuelles Wärmestübchen. Was aber dann? Daß darüber, wie zu hören ist, neuerlich und intensiv von nicht wenigen Akademikern nachgedacht werde, das wäre eine wünschenswerte Folge des dröhnenden Abgangs von Muschg.

Text: F.A.Z., 22.04.2006, Nr. 94 / Seite 35
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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