Nach der Kurras-Enthüllung

Schuss und Gegenschuss

Von Claudius Seidl

Erinnerung an Benno Ohnesorg: Hrdlickas Relief “Der Tod des Demonstranten“ in Berlin

Erinnerung an Benno Ohnesorg: Hrdlickas Relief "Der Tod des Demonstranten" in Berlin

01. Juni 2009 Die jüngere Vergangenheit, so hieß es einst in einem schönen Film von Daniel Schmid, diese Vergangenheit gleiche den Bergdörfern, die von den Wassern großer Stauseen überflutet wurden. Manchmal, in besonders heißen Sommern, sinkt der Pegel, und die Spitzen vergessener Türme ragen, als Monumente der Beunruhigung, wieder hinein in unsere Gegenwart, die, wenn der erste Schrecken überwunden ist, zwangsläufig damit anfängt, die Geschichte kontrafaktisch zu betrachten: Wer wohnte heute hier, wenn das Wasser nicht gekommen wäre?

Was die Jahre 1967 und 1968 angeht, die Revolte der Studenten, die uns doch eigentlich so fern, so fremd, so abgeschlossen erscheinen müsste, angesichts des Umstands, dass ihre Veteranen jetzt auch schon ihre Rente verzehren: Da kommt ständig irgendwer und gräbt dem Vergessen (oder der Historisierung) das Wasser ab. Und dann hören wir wieder die Echos der Schüsse, sehen die blutigsten Bilder, und doch dringt kaum ein Blick unter die Oberfläche. Gerade eben war Jubiläum: vierzig Jahre Revolte. Dann kam Bernd Eichinger und ließ den „Baader Meinhof Komplex“, seine Chronik des deutschen Terrors, mit dem Schuss auf Benno Ohnesorg beginnen (siehe auch: Video-Filmkritik: „Der Baader Meinhof Komplex“).

Und jetzt steht da auf der Tagesordnung unserer Jüngstvergangenheit diese Stasi-Akte, die besagt, dass der Schütze ein Agent der DDR war und Mitglied der SED (siehe auch: Stefan Aust: Der Schuss, der die Republik veränderte). Und schon schauen wieder alle, die damals dabei waren, hinunter in die Vergangenheit, sehen, weil die Oberflächen sich kräuseln im Wind, sich selber, meist ein wenig verzerrt. Und wenn sie sprechen, dann sprechen sie für sich und übereinander, und als Nachgeborener denkt man sich nur: Trau keinem, der dabei war. Sie sind doch alle Partei.

Als hätte er die Uhr um 42 Jahre zurückgestellt

Denn die einen, Renegaten, Konvertiten und Bekehrte, die seit langem sagen oder schreiben, dass, was sie damals taten, ein Irrtum war; dass die Revolte nicht etwa der Anfang jener Befreiung war, die Rudi Dutschke und Dieter Kunzelmann versprachen, sondern die letzte Zuckung des Totalitarismus, welche konsequenterweise auf den Terror der RAF hinausgelaufen sei - sie alle wissen jetzt, dass die Kurras-Nachricht das Falsche noch falscher mache. Wenn Benno Ohnesorgs Mörder nicht die postfaschistische Charaktermaske war, sondern ein Linker, ein Kommunist: Dann sei allem, was daraus folgte, die Grundlage entzogen.

Und die anderen, jene, die sich treu geblieben sind, erzählen jetzt noch einmal von der Brutalität der Berliner Polizei, vom Skandal der Jubelperser, vom gezielt gestreuten Gerücht, wonach am Abend des 2. Juni ein Polizist erstochen worden sei, was naturgemäß die Beamten erst richtig wütend machte auf das randalierende Studentenpack - und wenngleich das alles richtig ist, ist es doch nur die halbe Wahrheit, weil auch der brutalste Berliner Polizist eigentlich kein Grund war, dagegen den Massenmörder Mao oder den Diktator Fidel Castro rituell anzurufen.

Ein dritter Akteur ist hinzugekommen, ein Gesprächspartner, dessen leichte Verwirrung die Sache noch konfuser macht. Es ist jener Springer-Verlag, der gerade seine neue Weltoffenheit, Toleranz und Ideologiefreiheit zum Beispiel mit einer Buch-Edition demonstriert, in welche sogar der alte Erzfeind Heinrich Böll aufgenommen wurde (wenn auch nicht mit der „Ehre der Katharina Blum“, dem schlichten Anti-Springer-Buch). Die Leute bei Springer scheinen selber nicht genau zu wissen, ob die Kurras-Enthüllung jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht sei. Einerseits kann „Bild“ endlich laut hinausposaunen, dass die Stasi an allem Schuld gehabt habe. Und andererseits stößt halt jeder, dessen Interesse jetzt geweckt wurde und der es etwas genauer wissen will, auf eine Hetze, auf Lügen und Tatsachenverdrehungen, gegen welche noch die schlimmsten Zynismen der Gegenwart wie seriöser Journalismus aussehen. Schon droht der Chefredakteur der „Welt“ damit, man werde beweisen, wie differenziert die Berichterstattung war. Es ist, als hätte er die Uhr um 42 Jahre zurückgestellt. Springer ist differenziert. Die Studenten sind schuld am Tod von Ohnesorg. Und Kurras ist ein Held der westlichen Welt.

Das kleine Einmaleins des Zynismus-Leninismus

Vielleicht hilft es, wenn man, statt dauernd den Irrealis zu bemühen und zu fragen, was unter welchen Bedingungen womöglich nicht geschehen wäre, vielleicht hilft es, wenn man sich zu vergegenwärtigen versucht, was damals wirklich geschehen ist. Und wer da wem gegenüberstand. Karl-Heinz Kurras war also SED-Mitglied, ein Kommunist, den schon seine Partei auf den proletarischen Klassenstandpunkt verpflichtete. Aha. Und ihm gegenüber standen die verwöhnten und, aus seiner Sicht zumindest, verwahrlosten Kinder der Bourgeoisie, junge Menschen, die sich, auf Kosten ihrer reichen Eltern oder der Arbeiterklasse, ein lustiges Leben machten und ihre Privilegien dazu missbrauchten, in ihren Köpfen gefährliche anarchistische oder linksradikale Gedanken auszubrüten. Mit einem Wort: Hinter den Gittern stand der Klassengegner - und dass diese Leute sich Linke nannten, das führt die Tat ja nicht ad absurdum.

War Leo Trotzki rechts? War es nicht, von der Russischen Revolution über den Spanischen Bürgerkrieg bis zum Aufstand in Ungarn die liebste Übung der Kommunisten, andere Linke zu liquidieren? Dass die DDR jene Leute, mit welchen sie selber kurzen Prozess zu machen pflegte, zu Märtyrern im antiimperialistischen Kampf stilisierte, das war dann halt das kleine Einmaleins des Zynismus-Leninismus, wonach der Feind meines Feindes mein Verbündeter ist.

Nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei überlassen

Formuliert wurde der Klassenstandpunkt aber in der „Bild“, der „B. Z.“ und der „Berliner Morgenpost“, den Zentralorganen jener Klasse, der schon damals die Arbeit auszugehen begann, was die Laune auch nicht besser machte. „Zwei Millionen Berliner lassen sich nicht von 1500 Wirrköpfen auf der Nase herumtanzen. Sie werden dafür sorgen, daß in Zukunft ähnlichen Demonstrationen die gebührende Antwort zuteil wird.“ So klang das schon im Winter 1966, und differenzierter wurde es nicht. Gesinnungslumpen, Kriminelle, Mörder, Krawall-Radikale, das waren, zu Zeiten, als die meisten Studenten noch sehr kurze Haare hatten und viele zum Demonstrieren eine Krawatte umbanden, die geläufigen Beschimpfungen. „Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“ So klingt der Klassenstandpunkt, wenn weder christliche Werte wie Mitleid und Einfühlung, noch marxistisch-leninistische Theorie das Ressentiment, ja den Hass in die Schranken weisen.

Ob das Ideologie war oder Populismus, ob also die Springer-Zeitungen den Hass erst schürten oder ob sie nur vorhandene Ressentiments perfekt bedienten: Das lässt sich heute schwer entscheiden. Fest steht nur: Das historische Bündnis zwischen Kurras und „Bild“ ist jedenfalls nicht dadurch zum Irrtum geworden, dass Kurras als Kommunist entlarvt ist.

Uschi Obermaier, von beiden Seiten beschimpft

Es muss hart und böse zugegangen sein, damals in Berlin, wo der Volkszorn lauter wütete als irgendwo sonst; wo die Forderung, man solle die Randalierer gefälligst vergasen oder zumindest ins Lager sperren, fast noch mehrheitsfähig war. Während in den Städten Westdeutschlands jene Modernisierung, auf welche die Veteranen der Revolte heute das Urheberrecht beanspruchen, längst in Schwung gekommen war, befeuert von Popmusik, der Pille, vom gestiegenen Taschengeld und anständigen Löhnen (und ganz ohne den Segen vom Rudi Dutschke, Mao oder Ho Tschi Minh), schauten in Berlin die Gespenster der Vergangenheit aus den Fenstern unrenovierter Altbauwohnungen den Demonstranten beim Demonstrieren zu (und wo es noch Nachttöpfe gab, regnete deren Inhalt auf erhitzte Studentenköpfe).

Uschi Obermaier, die im Herbst 1968 in die Kommune I zog, aus München, wo sie in fröhlich-hedonistischer Libertinage gelebt hatte, konnte es nicht fassen, dass sie in Berlin nicht nur von den sogenannten Spießern als Kommunistenflittchen beschimpft wurde. Ihr Mitkommunarde Dieter Kunzelmann beschimpfte sie noch heftiger, weil ihm Lippenstift, Zigaretten der Marke Reyno und der sorglose Sex-Appeal schon als konterrevolutionär galten.

Gewalt war im Sommer '67 nicht das Thema

Rainer Langhans, der Mann, für den Uschi O. zur Kommunardin wurde, kann heute das Gerede vom Startschuss, der aus Kurras' Pistole gekommen sei, nicht mehr hören. Gewalt, sagt er, sei im Sommer '67 nicht das Thema gewesen. Man habe Ohnesorg betrauert und Kurras als - allerdings typischen - Ausrutscher bewertet. Eigentlich sei es aber darum gegangen, Fritz Teufel herauszuholen aus dem Gefängnis, wo er, seit dem 2. Juni, wegen schweren Landfriedensbruchs in Untersuchungshaft saß. Gewalt, sagt Langhans, der schon deshalb ein verlässlicher Zeuge ist, weil von Andreas Baader bis zu Bommi Baumann in der Kommune I all jene ein- und ausgingen, die sich später Waffen beschafften, Gewalt als Gegengewalt, das kam erst 1968 auf, im Februar, nachdem der Berliner Vietnam-Kongress gescheitert war und mit ihm die Hoffnung auf eine internationale Organisation der sich gerade zersplitternden Bewegung. Im März brannte in Frankfurt ein Kaufhaus, im April wurde Rudi Dutschke angeschossen, und zu Ostern brannten die Lieferautos des Springer-Verlags.

Was wäre anders gekommen, wenn Kurras schon damals aufgeflogen wäre? Auf diese Frage möchte man eigentlich mit der Gegenfrage antworten: Und was wäre alles nicht geschehen, wenn Kurras wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden wäre? Die Erschütterung über Kurras' Freispruch war jedenfalls so groß, dass Peter Handke, in seiner Dankesrede für den Gerhart-Hauptmann-Preis (die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckt wurde im Dezember 1967), nur noch fordern konnte: Wenn Kurras freigesprochen wird, dann müssen künftig alle Angeklagten freigesprochen werden!

Wer also heute behauptet, die Revolte haben einen Startschuss gebraucht, damit es losgehen konnte; wer meint, die Geschichte lasse sich als Abfolge von Schuss und Gegenschuss erzählen, dem möchte man Wildwestmanieren vorwerfen (wenn nicht das Genre des Westerns unendlich viel komplexer wäre). Dass eine solche Logik letztlich unpolitisch ist, das sieht man ja im „Baader Meinhof Komplex“, jenem Film, der noch nicht einmal ahnt, was für eine Haltung man einnehmen könnte. Und der doch seine Geschichte als ein einziges Geballer erzählt, als ein Duell, in welchem Kurras den ersten Schuss abgegeben hat.

Diese Geschichte, die jetzt in Leitartikeln und Feuilletons allseits nachgebetet wird, ist nicht dadurch falsch geworden, dass die Wahrheit über Kurras herausgekommen ist.

Sie war schon immer falsch.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp

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