Von Heinrich Wefing
05. August 2005 Doch, doch, es hat wirklich einmal einen Moment gegeben, da schien die Rekonstruktion des 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses gewiß. Nach jahrelangen Debatten, nach wüsten Polemiken und teils verzweifelten Gegenvorschlägen war es den Schloßfreunden um Wilhelm von Boddien gelungen, die Öffentlichkeit für ihre historisierende Vision zu gewinnen. Die Kritik, die das Vorhaben einer Wiederaufrichtung barocker Prunkfassaden anfangs nur belächelt hatte, verstummte, Politiker aller Parteien warben begeistert für die Idee, und im Juni 2002 beschloß der Deutsche Bundestag mit erstaunlicher Mehrheit die Wiedererrichtung der Hohenzollernresidenz. Seither jedoch ist die frohe Gewißheit verweht wie eine Sandburg im Sommerwind.
Tatsächlich trug der Konsens, den das Parlament im Dezember 2003 noch einmal bekräftigte, schon bei seiner ersten Verkündung den Keimpilz der Auflösung in sich, und heute, drei Jahre später, ist die Schloßrekonstruktion annähernd so ungewiß wie Mitte der neunziger Jahre. Allenfalls der Abriß des entbeinten und ausgeschabten Palastes der Republik scheint derzeit halbwegs festzustehen, in den sich zwischenzeitlich die Berliner Partyszene und allerlei Kunstaktivisten eingenistet haben. Was aber auf den für das Jahresende angekündigten Abriß folgt, ob er zu mehr führt als zu einer Verdoppelung der Leere in der Mitte der Hauptstadt, das ist eine Frage, auf die es nur vage Antworten gibt.
Wenn dann noch genug Geld da ist
Erstaunlicherweise nämlich geriet das anfangs so überzeugende Konzept einer kulturellen Nutzung des Schloßplatzes durch die Staatlichen Museen, die Humboldt-Universität und die Berliner Landesbibliothek immer blasser, je länger darüber diskutiert wurde und je mehr private Interessen ihm aufgebürdet werden sollten. Zuletzt hat der scheidende Bundesbauminister Stolpe in einem Gespräch mit dem Berliner "Tagesspiegel" noch einmal von den Segnungen des public private partnership schwadroniert, von den Vorzügen einer Verbindung von kommerziellen und öffentlichen Interessen am Schloßplatz also. Sie werde "selbst den Finanzminister leichter ansprechbar" machen für das Projekt. Und "wenn dann noch genug Geld da ist", schob Stolpe beiläufig nach, "kann man die historische Fassade wiederherstellen". Lässig wischte der Minister damit einen Bundestagsbeschluß beiseite. Der Machbarkeitsstudie seines Hauses für den Schloßplatz, deren Präsentation Stolpe für die nächsten Wochen angekündigt hat, kann man da nur mit einigem Grausen entgegensehen.
Notwendig muß nämlich eine Beteiligung privater Investoren, sollte sich nicht wider Erwarten ein großmütiger Mäzen finden, zur Ausweitung renditeträchtiger Nutzungen auf Kosten der kulturellen Interessen führen: mall statt Museum also. Es wäre eine Karikatur dessen, was ursprünglich für den Schloßplatz erhofft wurde. Freilich war auch diese mögliche Perversion dem Projekt schon früh eingeschrieben. Dem beherzten und allseits stolz verkündeten Beschluß des Bundestages nämlich, den Palast der Republik abzureißen, den Schloßplatz mit einem Gebäude in der Kubatur des Stadtschlosses zu bebauen und diesem Neubau originalgetreue Repliken der historischen Fassaden vorzublenden, folgte nicht der zwingende nächste Schritt. Nie wurde die Finanzierung für das beispiellose Unternehmen sichergestellt.
Es sei, hieß es, einstweilen kein Geld vorhanden für das auf eine halbe Milliarde Euro geschätzte Projekt. Das natürlich ist allenfalls eine Schutzbehauptung. Tatsächlich wird ja für alles mögliche immer noch reichlich Geld ausgegeben, im milliardenschweren Markt der Umschulung von Arbeitslosen etwa, im Straßenbau oder in der Raumfahrtförderung. Präziser muß es also heißen, es fehlte den Schloßbaumeistern im Parlament von Anfang an der politische Mut und die Entschlossenheit, eine stattliche Summe für die Rekonstruktion lockerzumachen. In Zeiten von Hartz IV und Massenarbeitslosigkeit, verbreiteten Politiker und Beamte immer wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit, könne kein Kanzler und keine Koalition es wagen, Geld für ein Schloß zu bewilligen. Nie allerdings wurde erwogen, ob nicht auch das Gegenteil richtig sein könnte, ob nicht ein kühnes, hochsymbolisches Vorhaben wie der Schloßbau in der allgemeinen Lethargie und Mutlosigkeit der Republik ein Signal des Aufbruchs setzen könnte.
Ästhetik hysterischer Nutzlosigkeit
Begünstigt von der Ratlosigkeit über die Zukunft des Schloßplatzes werden allein die paar Unentwegten, die mit satten Zuschüssen des "Hauptstadtkulturfonds" die Palastruine immer wieder für allerlei Installationen und Spektakel nutzen. An diesem Donnerstag abend etwa eröffnete der "Berg", ein launiger Abenteuerspielplatz für urbane Alpinisten aus Gerüststangen und Zeltplanen, der nachts leuchtet und tagsüber den zahllosen Rätseln des Palastes ein weiteres hinzufügt. Wer sich tatsächlich aufmacht, einen der drei ausgeschilderten Wege durch das ruppige Kunststoffmassiv zu begehen, sollte festes Schuhwerk, seinen krachledernen Humor und geringe Erwartungen mitbringen. Die Schnitzeljagd durch die selbsternannte "paradoxe Intervention" nämlich, die an allerlei Videoscreens, dem Büro der jüngst gegründeten "Bergpartei", einem Michael-Jackson-Double und lärmenden Lautsprechern vorbeiführt, ist bestenfalls spaßig, aber garantiert erkenntnisfrei. Selbst die paar durchaus bedenkenswerten Vorschläge jüngerer Architekten und Künstler in der Ausstellung "Urban Catalyst - Abriß und dann?", über die man irgendwann zwischen Bars und dem "Berghotel" stolpert, gehen in der allgemeinen Ironiesoße unter.
Nun wäre das artistisch aufgepeppte Gestänge nichts weiter als ein harmloser Spaß, der mächtig vom Palastruinencharme der freigelegten Stahlträger und nackten Betonfußböden profitiert, hätte der "Berg" nicht gemeinsam mit anderen "Zwischennutzungskonzepten" bei den Verantwortlichen des "Hauptstadtkulturfonds" ein weitaus interessanteres Vorhaben verdrängt, eine Ausstellung über Bau und Geschichte des Palastes, die unter politischem Druck ins Frankfurter Architekturmuseum ausweichen mußte. Das Projekt eines renommierten Architekturhistorikers, hieß es damals in Berlin, sei allzu "ideologisch". Diesen Vorwurf kann man dem "Berg" tatsächlich nicht machen. Ideologie ist ihm fremd. Das Spektakel erschöpft sich in einer Ästhetik hysterischer Nutzlosigkeit.
Text: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb