Von Oliver Jungen
27. Oktober 2009 Keinem ist zweifelhaft, dass die Hexen wunderbare Taten an den männlichen Gliedern vollbringen. Die Obertöne schrillen nur so in diesem Satz aus Jakob Sprengers und Heinrich Institoris' Hexenhammer von 1486, der auch sonst mit allen Insignien des Begehrens versehen ist. Gemeint aber ist ein negatives Wunder: der weggehexte Penis, nicht zwar, dass sie wirklich die Leiber der Menschen derselben berauben, sondern sie nur durch Zauberkunst verhüllen. In Regensburg, so wird nun zum Beweise erzählt, hing sich ein Jüngling an ein Mädchen; und als er es im Stiche lassen wollte, verlor er sein Männliches, natürlich durch Gaukelkunst. Natürlich! Eine Alte gibt dem vermeintlich Impotenten den Tip, die Verlassene zur Wiedergutmachung zu zwingen.
Das ließ sich der Knabe gesagt sein, suchte sein Mädchen auf, würgte sie mit einem Handtuche, bis ihr Gesicht schon anschwoll und blau wurde, da endlich berührte die Hexe ihn mit der Hand zwischen den Schenkeln - und voilà, es regte sich etwas. Was mit solchen Mädchen zu passieren hat, die man nicht ohne Kastrationsangst im Stich lassen kann, ist für die beiden Theologen sonnenklar: Sie müssen aufgespürt, bei Unschuldsbeteuerungen gefoltert und schließlich lebendig verbrannt werden. Eine Verteidigung wird nicht geduldet. Das Speyerer Exemplar des Hexenhammers stammt von 1490 und lässt sich nun im Historischen Museum der Pfalz anstaunen, gehört es doch zu den über sechshundert Exponaten der höchst eindrucksvollen kulturgeschichtlichen Ausstellung Hexen - Mythos und Wirklichkeit.
Bad Bank für toxische Gedanken und irrationale Ängste
Es scheint etwas dran zu sein am Gedanken einer Dialektik der Aufklärung, wonach gerade in Epochen der Entzauberung, des wissenschaftlichen Durchbruchs, das ausgeschlossene magische Denken die größtmögliche Verdichtung erfährt. Auch die so prometheisch Gotteswerk auf Naturgesetze zurückführende Frühe Neuzeit hat mit der Hexe eine Bad Bank für alle toxischen Gedanken und irrationalen Ängste gegründet, ein so teuflisch verführerisches Konstrukt, dass es sich über die zwei großen Wellen (1570 bis 1630 und 1650 bis 1680) hinaus zu behaupten vermochte.
Lange kam man ohne Hexen aus. Erst nach dem Ende des zivilisierten Mittelalters verschmolzen unter dem Einfluss des Basler Konzils zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts im Gebiet der Westalpen die teils weit zurückreichenden Phantasmen eines Teufelspakts durch Beischlaf, des Ketzersabbats voller sexueller Ausschweifungen, des Schadenszaubers, des Kannibalismus und der zuvor - etwa bei Thomas von Aquin - immer wieder als Gaukeltraum verlachten Vorstellung, Frauen flögen splitternackt durch die Nacht. Hexen konnten auch männlich sein, doch Frauen galten im Heiligen Römischen Reich als besonders anfällig für höllische Affären, wobei der männliche Dämon (incubus) stets oben zu liegen hatte. Nur so nämlich pflanze er den Frauen den zuvor als unten liegender weiblicher Dämon (succuba) arglosen Männern entzogenen, inzwischen dämonisch angereicherten Samen ein.
Die Epoche der Verunsicherung wird lebendig
Kein Wunder jedenfalls, dass bildende Künstler die Hexenvorlage gerne aufnahmen: Seit der Marienfrömmigkeit war ihnen kein derart erotisches Thema mehr zugespielt worden. Exemplarisch sind Gemälde von David Teniers dem Jüngeren aus dem siebzehnten Jahrhundert ausgestellt, auf denen junge nackte Hexen auf phallischen Besen vor dem Abflug durch den Kamin mit Flugsalbe eingerieben werden.
Wie aus den orgiastischen Zuschreibungen die blutige, sechzigtausend Opfer fordernde Orgie der Inquisition wurde, obgleich sich Gegenstimmen schon früh erhoben - so die wirkmächtige Schrift De prestigiis daemonium (1563) des Arztes Johann Weyer -, das findet sich nun in Speyer vorbildlich aufgearbeitet und wird im sehr guten Katalog vertieft. Der Hexenmythos lebt: Die Besucher, erklärt der Kurator Lars Börner, haben sich in Befragungen immer wieder dieses Thema gewünscht. Und sie strömen in diesen ersten Wochen so zahlreich herbei, dass sich die in nur zehn Monaten entwickelte Ausstellung finanziell wohl selbst tragen wird. Dabei war hier eine besondere Schwierigkeit zu meistern: Wie stellt man ein Konstrukt aus, eine kollektive Panik? Die aufgeschlagenen Kodizes gehörten fraglos dazu - die wichtigsten Kampfschriften für und wider die Hexenprozesse sind zu sehen, ebenso Prozessakten -, aber Börner zählt nicht zu jenen Puristen, die bei historischen Ausstellungen zur nüchternen Vitrinenkonzeption zurückwollen, im Gegenteil: Der Erlebnischarakter ist für ihn zentral. Daher musste versucht werden, die Epoche der Verunsicherung selbst lebendig werden zu lassen - und mit ihr die Kämpfe um den wahren und den falschen Glauben.
Großes Gekreische in der Studierstube
So tauchen wir ein in die Welt des Humanismus. Erhellt wird das Dunkel von vielen Bücherregalen und geschmackvoll integrierten Schaukästen, in denen wir allerlei Kuriositäten von Maulwurfskrallen über Einhornhörner bis zu wertvollen, in Gold gefassten Bezorsteinen (aus den Mägen von Wiederkäuern) erblicken. Hinzu kommen wissenschaftliche Geräte, allerlei Abwehrmittel gegen Magie und alchemistisches Brimborium. Das Gedränge vor den Digitalstationen ist mitunter größer als vor den eigentlichen Exponaten. Auch scheinen sich mehr Besucher für den Handleseapparat zu interessieren als für antike Amulette.
Ganze Busladungen von Kindern, wohl mit Bibi Blocksberg oder Hexe Lilli im Hinterkopf, stürmen die Ausstellung. Entsprechend groß ist das Gekreische in der Studierstube, zumal hier in schöner kontrapädagogischer Weise eine Wetterkammer steht, wo sich ein Unwetter herbeihexen lässt: Die Donner und Blitze erschüttern unablässig die Eingangshalle. Doch schon im nächsten Raum, in dem die Nacktheit eine gewisse Rolle spielt, halten sich die jungen Gäste auffällig zurück, bevor es dann - noch einen Raum weiter - plötzlich mucksmäuschenstill wird: Geschockt stehen die Kinder vor dem rekonstruierten Scheiterhaufen samt Videoinstallation, vor dem Richtrad zum Zerschmettern der Knochen und anschließenden Aufstecken des abgetrennten Kopfes.
Dornige Daumen- und Beinschrauben, stachelige Folterstühle, Streckbänke
Auf den weiteren Metern dürfte manch einer den Glauben an das Gute verlieren, wenn es in authentischen, engen Gefängniszellen die leidvollsten Einzelschicksale per Kopfhörer zu erfahren gibt, während die Vitrinen zahllose dornige Daumen- und Beinschrauben zeigen, Mundbirnen zum Aufreißen des Gaumens, stachelige Folterstühle, Streckbänke, Aufziehvorrichtungen, Henkerkreuze und eine ganze Sammlung von Richtschwertern. Ein Mädchen entziffert die Schrift an der Wand: Du sollst so dünn gefoltert werden, dass die Sonne durch dich scheint - und rennt zu seiner Mutter. In der Tat, hier werden Mythen zerstört, gerade auch die neueren. An Harry Potter nur gedacht zu haben, hätte in der frühen Neuzeit selbst für Kinder schnell mit Ertränken enden können. An die lebendverbrannte Grimmsche Hexe denkt man plötzlich mit einem gewissen Unbehagen.
Auch der Ausblick auf den modernen, friedlichen Wicca-Kult - im Grunde eine leicht durchgeknallte FKK-Bewegung - scheint an diesem Vormittag auf den Nachwuchs nicht eben beruhigend zu wirken, noch weniger die Darstellung des nationalsozialistischen H(exen)-Sonderauftrags im Reichssicherheitshauptamt, wobei im Auftrag Heinrich Himmlers die Opfer als Anhänger einer heidnisch-altgermanischen Volkskultur vereinnahmt werden sollten. Die jungen Besucher toben sich erst in der Mitmachausstellung Krötenschleim und Spinnenbein aus, einem bunten Abenteuerspielplatz in klassischer Hexenoptik, aber ein Argwohn gegen die Welt der Erwachsenen scheint zu bleiben. Vielleicht besteht eben darin das wichtigste Ergebnis der großen Hexenschau von Speyer.
Hexen - Mythos und Wirklichkeit. Im historischen Museum der Pfalz, Speyer, bis zum 2. Mai 2010. Der sehr empfehlenswerte Katalog, Edition Minerva, kostet 19,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Dominic Geis, Historisches Museum der Pfalz Speyer, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Haus zum Dolder, Beromünster, Heimatmuseum Veringenstadt, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, Peter Haag-Kirchner, Historisches Museum der Pfalz Speyer, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Jean Christen