
Es geht um einen zeitgemäßen, authentischen Islam - nicht mehr und nicht weniger: Gläubige in einer Moschee in Ankara
11. März 2008 Drei Jahre arbeitet die türkische Religionsbehörde Diyanet bereits an einer kritischen Edition des Hadith, der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed. Noch in diesem Jahr soll das Opus erscheinen. Auf das, was lange ohne öffentliche Kontroverse gedieh und im Verborgenen heranwuchs, ist jetzt ein Schatten gefallen. Britische Medienberichte - von der BBC über den Guardian bis zur Financial Times - haben eine revolutionäre Neuinterpretation des Islams angekündigt und eine radikale Modernisierung der Religion. Zu allem Überfluss behaupteten sie, der in Ankara lebende deutsche Jesuit Felix Körner berate das Unternehmen.
Die beiden Behauptungen, dass am Hadith, neben dem Koran einer der beiden Quellen des Islams, eine Revision vorgenommen werde und dass daran ein christlicher Theologe beteiligt sei, diskreditierten das Unternehmen und hätten sein Todesstoß sein können. Mehmet Görmez, der stellvertretende Direktor des Diyanet und Herausgeber der kritischen Edition, entkräftet die erste Behauptung. Nicht ein neuer Islam sei Ziel des Editionsvorhabens, sagt er. Absicht sei vielmehr, die klassischen Quellen im Lichte des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu lesen. Dazu entsteht im Diyanet parallel zur Hadithedition auch ein neuer Korankommentar. Die Texte sollen eine spirituelle und zugleich verbindliche Quelle für die Muslime der Türkei sein. Dazu aber müssten sie in ihrem ursprünglichen Sinn gelesen werden, befreit von dem Ballast der Tradition und der Jahrhunderte.
Nicht verändert, aber aus ihrer Zeit heraus verstanden
Der zweiten Behauptung widerspricht Felix Körner, der in Ankara lebt und eine Doktorarbeit über die neuen hermeneutischen Ansätze an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara geschrieben hat. Weder berate er das Diyanet noch sei er in irgendeiner Form an der kritischen Hadithausgabe beteiligt, sagt Körner. Gegenüber den britischen Medien habe er lediglich als Außenstehender das Unternehmen kommentiert.
Dabei verdient dieses Vorhaben auch ohne die von britischen Medien erzeugte Aufregung Beachtung. Schließlich sollen die Hadithtexte nicht verändert, aber aus der Zeit ihrer Entstehung verstanden und zeitgemäß ausgelegt werden. Görmez gibt ein Beispiel. Ein Hadith verbiete es der Frau, länger als drei Tage ohne männliche Begleitung zu reisen. Andererseits habe Mohammed in einer anderen Rede davon gesprochen, dass er sich den Tag herbeiwünsche, an dem Frauen auch lange Entfernungen allein zurücklegen könnten. Der erste Hadith sei nur entstanden, weil es damals für Frauen nicht sicher gewesen sei, allein zu reisen, behauptet Görmez.
Reform oder Reformation des Glaubens? Da sei der Himmel vor!
Die kritische Ausgabe folge drei Kriterien, erläutert er weiter. Erstens würden jene Hadithe aufgehoben, also für nicht mehr rechtskräftig erklärt, die zwar dem Propheten zugesprochen worden seien, deren Herkunft von Mohammed aber nicht erwiesen sei. Zweitens würden die falsch interpretierten richtig interpretiert, und drittens sollten die richtig interpretierten Hadithe unter den Bedingungen des Heute verstanden werden. Denn die Hadithe waren ja erst zweihundert Jahre nach Mohammeds Tod kompiliert worden, und unbestritten ist, dass vieles, was Mohammed zugeschrieben wurde und wird, nicht von ihm stammt und möglicherweise nur kulturelle Praktiken der damaligen Zeit widerspiegelt. Sie sind aber, selbst wenn die Tradition schon viele Hadithe für falsch erklärt hat, neben dem Koran bis heute Grundlage für das islamische Recht, die Lebenspraxis und den Glauben der Muslime.
Grund der Aufregung in Ankara ist, dass der Begriff Reformation in muslimischen Ohren anders klingt als in christlichen. Auch moderne Muslime wie Mehmet Görmez lehnen die Begriffe Reformation und Reform ab. Sie sagen, der Islam könne nicht reformiert werden. Vielmehr müssten die Prinzipien des Glaubens herausdestilliert und im Lichte des Jetzt in die Praxis umgesetzt werden. Genau das soll mit der kritischen Hadithedition und dem kritischen Korankommentar des Diyanet geschehen. Zusammen sollen sie sechs Bände umfassen. An der Arbeit sind fünfunddreißig türkische Wissenschaftler beteiligt.
Das Diyanet will nichts mehr, aber auch nichts weniger, als die beiden wichtigsten Quellen des Islams den Gläubigen in einer historisch soliden Form zur Verfügung zu stellen. Die Tradition soll durch das Tauchbad der Kritik gezogen werden. Nicht wenigen Altvorderen missfällt das. Abschrecken lässt sich das Diyanet davon nicht. Denn es will als eine religiöse Autorität wahrgenommen werden, die den Gläubigen hilft, einen authentischen Islam zu leben, und die deshalb Korankommentare und Hadithtexte nicht mehr in der über Jahrhunderte überlieferten, sondern in zeitgemäßer Form zur Verfügung stellt. Da sind sensationalistische Berichte wie jene der britischen Journalisten nur Wasser auf die Mühlen ihrer Gegner, die alles beim Alten lassen wollen.
Text: F.A.Z., 12.03.2008, Nr. 61 / Seite 35
Bildmaterial: REUTERS
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