Von Lisa Zeitz

Ihrer Familie gehörte das Original, lange Jahre blieb ihr nur die Reproduktion: Maria Altmann vor einem Nachdruck des "Porträts von Adele Bloch-Bauer"
27. Januar 2009 Leo Bendel war in der Tabakbranche tätig. 1868 im heute polnischen Strzyow geboren, hatte er die Gastwirtstochter Else Helene Marie Golze geheiratet; das kinderlose Ehepaar lebte im gutsituierten Berliner Bezirk Dahlem und pflegte eine kleine Sammlung mit deutscher Kunst des neunzehnten Jahrhunderts, darunter Werke von Wilhelm Trübner, Hans Thoma und zwei besonders schöne Gemälde mit dem typisch leisen Humor von Carl Spitzweg: Justitia und Der Hexenmeister. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete das Ende eines komfortablen Lebens. Als Jude wurde Bendel, Generalvertreter der Tabakfirmen Ermeler und Job, 1935 entlassen. Um die Auswanderung vorzubereiten, trennte sich das Paar in Etappen von Kunstwerken und erst der Arbeitszimmer-, dann auch der Esszimmerausstattung: Der Rauchtisch, die Mercedes-Schreibmaschine, Ledersessel und Telefunken-Radio wurden verscherbelt. Im Frühsommer 1937 wanderten die Bendels nach Wien aus, doch auch dort waren sie nicht lange sicher.
Zwar legte Bendel seine polnische Staatsbürgerschaft ab und ließ sich mit seiner Frau katholisch taufen, dennoch führte ihn die Gestapo in Wien im September 1939 während der Massenverhaftungen männlicher staatenloser Juden ab. Er wurde in einem Viehwaggon in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er am 30. März 1940 um 2.35 Uhr starb, akribisch dokumentiert unter der laufenden Nummer 1058. Seine Witwe erhielt aus seiner Hinterlassenschaft eine Strickjacke, ein Paar Hosenträger, eine Brille, einen Riemen und 3,20 Reichsmark.
Ihr Hilferuf blieb ungehört, ihr Spitzweg hängt heute in der Kunsthalle
Nach der Barbarei des Dritten Reichs hatte Else Bendel in Wien unter Armut zu leiden - und an der Kaltherzigkeit der Behörden. Als sie ihre Arbeit als Putzfrau 1952 verlor, lehnte der Wiener Magistrat ein Unterstützungsgesuch bei der Opferfürsorge ab, da sie keine Österreicherin war. 1954 machte sie in Berlin bei den deutschen Behörden Entschädigungsansprüche geltend: Ich bin außerstande, irgend etwas dazu zu verdienen, und erlaube mir an meine Heimatstadt, diese meine Bitte zu richten. Bitte weisen Sie eine alte, kranke Frau nicht ab, mein Lebensabend ist ein so trauriger und meine Daseinsjahre sind ja die längsten gewesen.
Sie starb 1957, bevor über ihren Antrag entschieden worden war. Mit ihrem Tod wurde der Antrag abgelehnt, denn nur Ehegatten, Kinder, Enkel oder Eltern waren zur Entschädigung berechtigt. Erst die Washingtoner Konferenz 1998, bei der sich 44 Staaten einigten, Raubkunstfälle aufzuklären, brachte den Stein wieder ins Rollen. Die Nachkommen von Elses Schwester Margarethe engagierten Historiker, um der Kunstsammlung auf die Spur zu kommen. Sie brachten in Erfahrung, dass ihr Onkel Leo Bendel im Juni 1937 mit den zwei Spitzweg-Bildern nach München gefahren war und sie der jüdischen Galerie Heinemann verkauft hatte. Wenig später erwarb Caroline Oetker, Ehefrau des Backpulverfabrikanten August Oetker, den Hexenmeister. Das Werk befindet sich noch heute in der Kunsthalle Bielefeld.
Aus dem Berliner Wohnzimmer ins Museum nach Madrid
Das soeben im Elisabeth Sandmann Verlag erschienene Buch Verlorene Bilder, verlorene Leben von Melissa Müller und Monika Tatzkow beleuchtet fünfzehn solcher Fälle und erzählt von den Schicksalen jüdischer Sammler. Sie waren Familienväter, Bohemiens mit engen Verbindungen zu den Expressionisten, konservative Handelsvertreter mit einem Faible für die deutsche Romantik. Die vielfach noch existierenden Kunstwerke aus den Sammlungen dieser Menschen wirken bei der Lektüre wie ein Anker für den Leser, aber sie ziehen ihn bleischwer unter die Oberfläche - denn der Sog in die Tiefe führt nicht nur zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte, sondern auch in die kalte Bürokratie einer Nachkriegszeit, die in der Darstellung der Autorinnen oft nur so tat, als wolle sie etwas wiedergutmachen.
Zu den bekanntesten Restitutionsfällen überhaupt zählen Kirchners Straßenszene aus dem Besitz von Alfred und Tekla Hess und Klimts Goldene Adele aus der Sammlung von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer. Neben ihren Geschichten sind hier unter anderem die Odysseen von Paul Westheim, Sophie Lissitzky-Küppers, Max Steinthal und Alma Mahler-Werfel dargelegt. Zum Beispiel die von Klaus Wolfgang Cassirer. Man sieht ein Jugendfoto von ihm, ein Junge mit kurzer Hose und Kniestrümpfen lächelt zaghaft, als sein Kindermädchen ihn für das Foto im Hofbräuhaus auf ein Fass setzt und ihm einen Bierkrug in die Hand gibt. Heute lebt er mit dem Vornamen Claude in Amerika. Seine Großeltern Fritz und Lilly Cassirer hatten Camille Pissarros Pariser Straßenszene Rue Saint-Honoré am Nachmittag bei Regen in ihrem Berliner Wohnzimmer hängen. Bisher hat er sich vergebens um die Rückgabe aus dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid bemüht.
Justitia schaffte es bis ins Bundespräsidialamt
Der Breslauer Unternehmer und Philanthrop Max Silberberg soll stets in Harnisch geraten sein, wenn Gäste im Entree seines Hauses Barlachs zweifigurige Skulptur Trauer als Hutablage missbrauchten. Sein Geschmack als Sammler hatte sich von der deutschen Kunst des neunzehnten Jahrhunderts über die französischen Realisten, die Impressionisten und Van Gogh bis zur Avantgarde mit Werken von Klee und Matisse entwickelt. Ein Glanzstück von Silberbergs Sammlung war Manets Haremsphantasie La Sultane, die er 1937 verkaufen musste - heute hängt das Bild in der Sammlung Bührle in Zürich. Die Judenverfolgung in Breslau galt den Nationalsozialisten als Musterbeispiel. Dem Reichsführer-SS wurde berichtet, die Villa Silberberg sei wegen ihrer abgeschlossenen Lage und ihrer umfassenden Grünanlage, die einen späteren Erweiterungsbau ermöglicht, schnell in den Besitz des Sicherheitsdienstes der NSDAP übergegangen. Max Silberberg und seine Frau mussten Reichsfluchtsteuer bezahlen und wurden trotzdem 1945 in Auschwitz ermordet. Die Barlach-Skulptur ist verschollen.
Spitzwegs Justitia dagegen wurde für das Führermuseum in Linz angekauft, gelangte 1945 als Teil des Linzer Konvoluts in den Central Collecting Point in München und 1961 ausgerechnet ins Bundespräsidialamt, so dass Justitia über Jahrzehnte in der Villa Hammerschmidt in Bonn hing. Dass ihrem Restitutionsgesuch schließlich stattgegeben wurde, erfuhren die Erben erst 2007 aus einer dpa-Meldung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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