Islamkonferenz und Zuwanderung

Knallharte Interessenpolitik im Sinne der Türkei

Von Necla Kelek

Necla Kelek

Necla Kelek

06. Juli 2007 „Süß reden“ wollte Bekir Alboga zu Beginn des Integrationsgipfels vor einem Jahr und verteilte türkisches Gebäck, das mit Zuckerwasser gesüßt wird. Inzwischen zeigt der Dialogbeauftragte der türkisch-islamischen Moscheevereine, Ditib, die Zähne. Die Ditib überlege, an der nächsten Integrationskonferenz - sie findet am kommenden Donnerstag in Berlin statt - nicht teilzunehmen, weil die Bundesregierung ein „Gesetz zur Änderung des Aufenthaltsgesetzes“ ohne Mitwirkung der Migranten-Verbände auf den Weg gebracht hat.

Alboga ist sich mit dem Türkischen Bund und den anderen Vereinen einig, alle empfinden die neuen Richtlinien als „diskriminierend“ und eine „fast hinterhältige Politik“. Denn sie beklagen, in die Gesetzgebung nicht einbezogen worden zu sein. Beim Integrationsgipfel geht es um die Eingliederung und Verbesserung der Chancen und Lebensbedingungen der hier lebenden Ausländer in die deutsche Gesellschaft. Bei dem Gesetz um die Regelung der weiteren Zuwanderung. Insofern ist dieses Gesetz tatsächlich nicht Gegenstand des Integrationsgipfels, wie ja überhaupt der Gesetzgeber nicht verpflichtet ist, vorher die Genehmigung bei sich betroffen fühlenden Verbänden einzuholen.

„Importbräute“ verhindern

Die Bundesregierung hat eine Gesetzesinitiative beschlossen, die das Zuzugsalter bei Familienzusammenführung von sechzehn auf achtzehn Jahre heraufsetzt und von den Zuziehenden einfache Deutschkenntnisse und wirtschaftliche Unabhängigkeit verlangt. Diese Maßnahme richtet sich darauf, den leidigen Tatbestand der „Importbräute“ zumindest einzudämmen. Gerade der Zwang zur (frühen) Heirat und die völlige Abhängigkeit junger Frauen aus Anatolien von den Familien ihrer meist in Deutschland geborenen Männer, die völlige Unkenntniss der Sprache und Kultur ihrer neuen Heimat haben in den vergangenen Jahren zum weitgehenden Scheitern der Integration und zur Zuwanderung in die Sozialsysteme geführt. Diese Frauen führen in den Familien in Deutschland ein separiertes, ihrer anatolischen Tradition verpflichtetes Leben, sie erziehen Kinder nach den Vorgaben dieser Kultur, sprechen mit ihnen nur türkisch.

Die Folge sind Segregation und Schulversagen der Migrantenkinder. Immer wieder wird so eine erste Migrantengeneration produziert. Wir haben bereits Hunderttausende so lebende Frauen in Deutschland. Weder Islam- noch Türkenverbände haben auch nur eine Hand gerührt, um die Lage dieser Frauen zu verbessern, sondern immer nur ihr Recht und ihre Kultur verteidigt. Das Gesetz ist deshalb dringend nötig. Wie schon in anderen Fällen - wie beispielsweise der Vereinbarung, während der Schulzeit deutsch zu sprechen - wird von den türkischen Verbänden, ob säkular oder religiös, und auch von den türkischstämmigen Politikern und ihren Fürsprechern (gegrüßt sei stellvertretend Claudia Roth) jeder Ansatz zur Eingliederung der Migranten in die deutsche Gesellschaft als Diskriminierung, Bevormundung oder gar als unnötig empfunden.

Knallharte Interessenpolitik

Sie wollen möglichst viele Türken nach Deutschland bringen, diese sollen so leben können, wie es ihre Religion und ihre vormoderne Kultur vorsehen. Es geht nicht um Integration, sondern um Zuwanderung und Separatinteressen.

Hinter den süßen Reden wird also knallhart Interessenpolitik im Sinne der Türken und der Türkei betrieben. Es geht um Stellung, Geld und Einfluss der Verbände. Und jetzt sind die Funktionäre, die sich über die Einladung zum Integrationsgipfel „wie kleine Jungs gefreut haben“ (Lale Akgün), beleidigt, dass sie nicht ihren Willen bekommen. Sie betreiben im eigenen Interesse eine Politik zum Schaden der hier lebenden Menschen. Es ist zu wünschen, dass die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer diese Versuche ignoriert und bei ihrer klaren Linie bleibt - für die Frauen und für die Integration.

Die Autorin Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, ist Soziologin und hat zuletzt die Studie „Die verlorenen Söhne“ über muslimische Männer vorgelegt.



Text: F.A.Z., 06.07.2007, Nr. 154 / Seite 33
Bildmaterial: F.A.Z.-Holde Schneider

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