Interview zur Finanzkrise

Ist der amerikanische Traum noch zu retten?

“Unsere Gesellschaft ist auf Konsum und Kredit eingestellt“: Peter G. Peterson

"Unsere Gesellschaft ist auf Konsum und Kredit eingestellt": Peter G. Peterson

16. September 2008 „Das sind die außergewöhnlichsten Ereignisse, die ich je gesehen habe.“ So beschreibt Peter G. Peterson die jüngsten Debakel im internationalen Finanzgeschäft. Peterson hat viel gesehen: Der Sohn griechischer Einwanderer, 1926 im Bundesstaat Nebraska geboren, unterbrach seine glanzvolle Karriere in der Geschäftswelt für zwei Jahre im Regierungsdienst. Unter Richard Nixon leitete er das Handelsministerium. Als Mitbegründer der Blackstone Group, einer der angriffslustigsten Private-Equity-Firmen der Welt, häufte er ein riesiges Vermögen an, das jetzt weitgehend dem Gemeinwohl zugutekommen soll. Über die nächsten Jahre wird er mehr als eine Milliarde Dollar in eine soeben gegründete Stiftung einbringen, um Amerika auf den Weg der ökonomischen Tugend zurückzuführen.

Mr. Peterson, Sie sind Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender, ja „Senior Chairman“ der Blackstone Group, gleichzeitig aber auch Gründer und Vorstandsvorsitzender Ihrer eigenen Stiftung, der Peter G. Peterson Foundation. Welcher von diesen beiden Jobs ist Ihnen derzeit wichtiger?

Peterson: Wie wir angekündigt haben, als wir an die Börse gingen, werde ich all meine Verpflichtungen bei Blackstone spätestens am 31. Dezember 2008 aufgeben. Jetzt schon habe ich mich aus dem täglichen Betrieb zurückgezogen und beschränke mich aufs Beraten oder bin für Partner da, wenn sie nach mir fragen oder Hilfe brauchen. Meine Hauptaufgabe ist nun die Stiftung.

Mit der versuchen Sie nichts weniger, als den „amerikanischen Traum“ zu retten.

Das Thema der Stiftung ist in unserem Logo, das die Freiheitsstatue zeigt, verkörpert und in allem, wofür sie steht, den amerikanischen Traum inbegriffen. Als Motto haben wir uns ausgedacht: „Unser Amerika. Unsere Zukunft.“ Wir haben unseren Blick ganz auf die Zukunft gerichtet, um die es nicht gut steht, wenn wir nicht endlich etwas tun. Ich glaube, es hat für Amerika noch nie so viele langfristige Herausforderungen gegeben wie heute. Achtundsiebzig Millionen Babyboomer sind dabei, schnellstens in den Ruhestand zu gehen, und wir können ihre Rente nur finanzieren, wenn es Vergütungsreformen gibt und sich darin die gegenwärtigen wirtschaftlichen Realitäten und die längere Lebenserwartung spiegeln. Handelsdefizit, Auslandskredite, Gesundheitskosten und Energieverbrauch sind außer Kontrolle geraten, die Ausbildungsresultate unserer Schulen genügen nicht mehr globalen Ansprüchen. Diese Probleme sind, wie ich derzeit beobachte, unbestreitbar, unhaltbar und dennoch politisch weitgehend unberührbar.

Soll die Stiftung Lösungen aufzeigen, die sonst niemand vorzuschlagen wagt?

Wir sind anders als die meisten Denkfabriken. Es gibt viele vernünftige Lösungsvorschläge und Reformpläne für die genannten Langzeitprobleme, aber wenig oder nichts wird tatsächlich zu ihrer Lösung in Angriff genommen. Für Politiker ist es einfach zu gefährlich. Denn Amerika hat sich in eine fiskalisch zügellose, verantwortungslose, kurzsichtige, nur Ansprüche stellende Gesellschaft verwandelt. Wir wollen alles, wir wollen es jetzt gleich, wir wollen auf nichts verzichten, und wir wollen für nichts etwas bezahlen. Gemeinsam Opfer zu bringen, einst ein Hauptthema des amerikanischen Lebens, wird jetzt nicht nur als politisch inkorrekt angesehen, sondern als politisch tödlich.

Wie wäre diesem Dilemma zu entkommen?

Unsere Gesellschaft ist auf Konsum und Kredit eingestellt, statt zu sparen und zu investieren. Ein großes, entwickeltes Land wie das unsrige sollte aus geopolitischen Gründen ebenso wie aus wirtschaftlichen nicht derart abhängig von ausländischem Kapital sein. Ich will Sie nur einmal an die Suez-Krise erinnern, als vor Jahrzehnten die Briten militärisch eingriffen. Das war mit der amerikanischen Politik unvereinbar. Die Amerikaner verfügten damals über riesige Mengen britischer Effekten und machten der Regierung in London klar, dass sie die Intervention nicht billigten und darum nur die Alternative sähen, diese Effekten zu verkaufen. Innerhalb von zehn Tagen zogen die Briten ihre Truppen zurück. Bald schon wird Amerika mehr und mehr bei Ausländern verschuldet sein, und das in einer Höhe, die mit den Schulden gewisser Entwicklungsländer zu vergleichen wäre. Allzu große Mengen unserer Schatzanweisungen befinden sich in Händen der Chinesen und der Ölproduzenten des Nahen Ostens.

Wie konnte es so weit kommen? Was hat Amerika vom Pfad der ökonomischen Tugend abgebracht?

Das ist eine tiefgründige Frage, die ich mir seit langem stelle. Ich bin kein Soziologe, kein Psychologe, kein Politologe, kein Historiker, und man brauchte vielleicht all deren Kenntnisse, um zu verstehen, was da vor sich gegangen ist. Ich weiß jedoch, dass wir einmal zu den eifrigsten Sparern der Welt gehört haben, und das ist gar nicht so lange her. Heute haben wir praktisch eine persönliche Sparrate von null Prozent des verfügbaren Einkommens, in manchen Monaten sogar eine negative Sparrate, während es vor fünfzehn Jahren vielleicht um die acht, neun Prozent waren. Zugleich haben wir jetzt persönlich mehr Schulden als je in den vergangenen fünfundzwanzig oder noch mehr Jahren. Wir leben vor allem im Augenblick, ohne uns allzu sehr um die Zukunft zu sorgen.

Wie wollen Sie das ändern?

Ich weiß, dass das eine sehr schwere Aufgabe wird. Aber ich habe an der University of Chicago studiert, und dort hat einer meiner Professoren, der Ökonom und Nobelpreisträger George Stigler, einst in einer Vorlesung gesagt: „Wer keine Alternative hat, hat auch kein Problem.“ Dadurch, dass Blackstone letztes Jahr an die Börse ging, bin ich plötzlich Milliardär geworden. Ich bin jetzt zweiundachtzig Jahre alt, habe mehr Geld als genug und habe deshalb beschlossen, das meiste davon, wenn erst einmal die Steuern gezahlt sind und meine Kinder etwas bekommen haben, in meine Stiftung zu investieren. Uns stehen also eine Milliarde Dollar zur Verfügung, um die Öffentlichkeit zu erziehen, aufzuklären und zum Handeln zu motivieren. Amerikaner sind sich der Schwere der langfristigen Herausforderungen einfach noch nicht bewusst. Ich bin derart besorgt, dass nichts zu tun für mich keine Alternative ist.

Auf welchem Weg soll das geschehen?

Wir haben einen Film produziert, der im kommenden Monat in die Kinos gelangt und im nächsten Jahr, wenn der neue amerikanische Präsident seine ersten Entscheidungen treffen muss, auch mehrfach im Fernsehen gezeigt wird. Außerdem planen wir eine große Werbekampagne und werden wahrscheinlich beide Präsidentschaftskandidaten herausfordern, der Öffentlichkeit reinen Wein über die Brisanz dieser Langzeitprobleme einzuschenken. Ich erwarte von Obama und McCain nicht, dass sie in einem Wahljahr gleich solche detaillierte Lösungen vorlegen wie wir, aber sie sollten die Fakten nicht länger verschweigen.

Welche Fakten? Was sollten Obama und McCain sagen?

Wir haben als Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der Stiftung David Walker, den außerordentlich erfahrenen ehemaligen Leiter des Government Accountability Office, der überparteilichen Washingtoner Kontrollbehörde, engagiert, und er hat ausgerechnet, dass unsere Schulden und ungedeckten Versprechungen für Renten und Gesundheitsversorgung sich auf dreiundfünfzig Billionen belaufen – nach heutigen Dollar berechnet. Das wäre das Drei- bis Vierfache des gesamten amerikanischen Bruttoinlandsprodukts und müsste, um gedeckt zu werden, mehr als eine Verdoppelung der Steuern nach sich ziehen. Das ist undenkbar. Amerikaner müssen verstehen lernen, dass, wenn wir nichts tun, also dem „Do Nothing Plan“ folgen, das Land nicht nur Schulden macht, die nicht mehr zu finanzieren sind, sondern sie unseren Kindern und Enkeln aufbürdet. Auch moralisch ist das nicht zu verantworten. Ich glaube, es war Dietrich Bonhoeffer, der sagte, die Moral einer Gesellschaft zeige sich in dem, was sie für ihre Kinder tue.

Es dürfte außer Ihnen nicht viele Finanzmagnaten geben, die sich auf Bonhoeffer berufen. Warum tun Sie es?

Es ist undenkbar und einfach unmoralisch, unseren Kindern solche riesigen versteckten Rechnungen zu hinterlassen. Wir müssen die Leute aufklären und motivieren, aber darüber hinaus auch aktivieren, mit Washington zu reden. Wir brauchen in diesem Land nichts Geringeres als eine politische Bewegung, die, wie ich hoffe, von den Jungen angeführt wird, dennoch auch deren Eltern und Großeltern einschließt und ganz direkt auf Washington so viel Druck ausübt, dass es im Interesse der Politiker ist, die Probleme endlich in Angriff zu nehmen.

Und wenn das nicht gelingt?

Solange es eine solche politische Gegenkraft nicht gibt, besteht, wie ich fürchte, die Gefahr, dass erst eine wirklich ernste und für das Land sehr kostspielige Krise den Umschwung bringt. Wie die Krise aussehen könnte? Ich weiß es nicht. Der Devisenhandel könnte zusammenbrechen, das Ausland könnte das Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft verlieren. Paul Volcker, der ehemalige Notenbankchef, meint schon, es könnte mit fünfundsiebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit zu einer Dollarkrise, also einer „harten Landung“, kommen, und zwar innerhalb der nächsten fünf Jahre, wenn wir nichts ändern.

Sind Sie ebenso pessimistisch?

Niemand hat zuvor etwas in diesem Maßstab versucht wie das, was uns jetzt mit der Stiftung vorschwebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass amerikanische Eltern auf einmal so kalt und selbstsüchtig geworden sein sollen, dass sie das Land und die Zukunft ihrer Kinder aufs Spiel setzen. Der amerikanische Traum besteht ebendarin, dass es den Kindern einmal besser gehen soll als den Eltern. Es stimmt mich schon melancholisch, wenn jetzt mehr als die Hälfte aller Amerikaner sagen, sie hielten es nicht für möglich, dass es den amerikanischen Traum für ihre Kinder geben wird. Wir haben keine Alternative, als zu versuchen, diesen Traum wiederzubeleben. Wenn man so viel Geld wie unsere Stiftung investiert, um die Öffentlichkeit aufzurütteln und ihr gezielt mit Filmen und mit Werbung klarzumachen, wie ernst die Lage ist, muss man hoffen, dass der Versuch Erfolg haben kann.

Werden Sie auch direkt mitwirken?

Ich weiß nicht genau, was Sie mit „direkt“ meinen. Ich bin zu alt, um mit dem Bloggen anzufangen oder Facebook und MySpace zu meistern und durch diese neuen Medien junge Leute zu erreichen. Aber die Stiftung wird dorthin gehen. Obama ist es gelungen, die Jugend zu erreichen, und wir würden gern mal mit seinen Leuten reden, um zu erfahren, wie sie das geschafft haben. Wir sind nämlich vollkommen überparteilich. Ich will da nicht arrogant oder unangemessen zuversichtlich wirken. Ich weiß, wie schwierig die Sache ist. Wir haben bereits mit erfahrenen Kongressmitgliedern aus beiden Parteien gesprochen, und es war gut, zu erfahren, dass sie uns in der Einschätzung der Lage beipflichteten – im Privatgespräch. Es war zugleich ernüchternd, wie sie uns daran erinnerten, dass jedes Reformprogramm zurzeit politisch sehr gefährlich ist. Ich muss einfach hoffen, dass es genug Amerikaner gibt, die unsere Sorge teilen und dann ihre gewählten Vertreter unter Druck setzen, endlich zu handeln. Die Reden, die Pete Peterson hält, genügen gewiss nicht.

Ohne Schmerzen wird Ihre Zukunft jedoch nicht zu erreichen sein.

All die Lösungen sind schmerzlich, aber je länger wir warten, desto schmerzlicher werden sie. Entweder müssen die Rolle des Staates und seine Leistungen reduziert oder die Steuern erhöht werden. Auch wenn einige meiner wohlhabenden Freunde von einer gewissen politischen Unausweichlichkeit nichts hören wollen, müssen wir doch zugeben, dass ein winziger Teil der Bevölkerung über einen beispiellos hohen Teil des Einkommens verfügt. Es wird darum wohl unausweichlich Steuererhöhungen für die Wohlhabenden, für Superreiche wie Pete Peterson geben müssen. Ich hoffe sehr, dass solche Steuererhöhungen verbunden sind mit anderen Maßnahmen, die dazu bestimmt sind, Ausgaben zu begrenzen und finanzielle Leistungen des Staates zu reformieren. Obwohl ich Republikaner bin, stört es mich ungemein, dass die Ausgaben in den letzten acht Jahren außer Kontrolle geraten sind. Aber selbst wenn alle Steuerermäßigungen, die Bush durchgesetzt hat, rückgängig gemacht würden, wäre davon nur etwa ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts betroffen. Ausgabenerhöhungen für Renten und Krankenversorgung schlagen dagegen mit neun Prozent zu Buche. Die Steuern zu verdoppeln wäre politisch, ökonomisch und moralisch nicht durchführbar. Wir müssen vielmehr, ungeachtet aller Parteiunterschiede, gemeinsam eine Lösung finden, und ein neuer Präsident muss dabei tatkräftig die Richtung angeben

Sehen Sie historische Parallelen?

Die „Greatest Generation“ stand vor Herausforderungen, die mindestens so gewaltig waren wie die unsrigen. Sie kämpfte im kostspieligsten Krieg der Geschichte – kostspielig war er in jeder Bedeutung des Wortes – und bezahlte ihn auch. Es gelang ihr nicht nur, das relative Ausmaß der öffentlichen Verschuldung entscheidend zu reduzieren, sondern sie finanzierte zugleich die „G.I. Bill“ (die Ausbildungs- und Hilfsmaßnahmen für Kriegsveteranen), den Marshallplan und ein riesiges Infrastrukturprogramm zur Erweiterung des Highway-Systems. Wir haben es damals geschafft, und ich sehe nicht ein, warum es uns nicht wieder gelingen sollte.

Im Vergleich mit vielen europäischen Ländern haben die Vereinigten Staaten immer noch den Vorzug wachsender Bevölkerungszahlen. Müssten Deutsche, Italiener, Spanier nicht doppelt so besorgt sein wie Amerikaner?

Ich habe darüber in meinem Buch „Grey Dawn – The Global Aging Crisis“ geschrieben. Ökonomisches Realwachstum wird bestimmt von der Zahl der Arbeitskräfte und der Produktivität. Angesichts der niedrigen Geburtenraten und der bisherigen staatlichen Leistungen sind deshalb die Probleme Ihres Landes noch viel größer als die, die wir haben.

Welche Vorbilder haben Sie für Ihr gemeinnütziges Engagement?

Meine Eltern waren griechische Einwanderer. Sie waren siebzehn, als sie nach Amerika kamen, ohne einen Cent in der Tasche. Sie hatten nicht einmal einen Volksschulabschluss, sprachen kein Wort Englisch. Sie ließen sich in Nebraska nieder, weil der Bruder meines Vaters schon dort lebte. Mein Vater begann als Tellerwäscher bei der Eisenbahn, er schlief im Eisenbahnwagen und aß auch dort und sparte praktisch jeden Cent, den er verdiente. Weil aber viele Griechen in Amerika Restaurants führten, machte er mit dem Ersparten das Central Cafe auf und schloss es in den folgenden fünfundzwanzig Jahren nicht mehr. Sein Restaurant war täglich vierundzwanzig Stunden geöffnet, an sieben Tagen in der Woche. Er arbeitete und arbeitete und sparte, denn er wollte seinen zwei Söhnen die beste Ausbildung ermöglichen, die für Geld zu haben war. Er liebte dieses Land. Er hat mich gelehrt, für die Zukunft zu sparen und Amerika etwas zurückzugeben. Nichts hat ihn deshalb mehr gefreut als mein früherer Entschluss, einen lukrativen Industrieposten aufzugeben und für 42000 Dollar im Jahr einen Regierungsjob zu übernehmen, unter Nixon zunächst als Assistent des Präsidenten für internationale Wirtschaftsangelegenheiten und danach als Handelsminister. Mein Vater hat mir klargemacht, was „genug haben“ und „etwas zurückgeben“ bedeuten. Diese Lektion habe ich nie mehr vergessen.

Das Gespräch führte Jordan Mejias.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche