Karikaturenstreit

Ruhe ist die erste Dänenpflicht

Von Klaus Ungerer, Kopenhagen

Aufruf zum friedlichen Miteinander in Kopenhagen (5. Februar)

Aufruf zum friedlichen Miteinander in Kopenhagen (5. Februar)

16. Februar 2006 Kresten Schulz Jorgensen hat jetzt das Jahr 1 nach Mohammed ausgerufen. Der Kommunikationschef des Königlichen Theaters sieht die Welt verändert, aber dafür sind Theaterleute und Kommunikationsleute ja auch da.

Das Grundgefühl, das er schildert, darf allerdings als dänisches Allgemeingut gelten: „Jahrhundertelang waren dänische Politik und Kultur eine Geschichte von einem Liliputland, das es sich irgendwo im Verborgenen gemütlich gemacht hat. Ein Land mit vielen Qualitäten, aber auch ein Land, wo Politik und Kultur oft unter einem seltsamen Mangel an Bedeutung litten. Früher gab es uns - und den Rest der Welt, also die ganzen warmen Länder, wo man bekanntlich in Löchern wohnt und sich den ganzen Tag prügelt. Nachdem die Mohammed-Sache nun ein paar Wochen alt ist, steht eines fest: Es gibt keinen Weg zurück. Wir befinden uns im Jahr 1, was das Verhältnis Dänemarks zum Rest der Welt angeht.“

Friedlicher Protest: Muslime in Kopenhagen

Friedlicher Protest: Muslime in Kopenhagen

Beim Lesen nickt man still. Denn die Äußerung bestätigt sich selbst: Eine solche Freude an steilen Thesen ist doch eher undänisch. Ob der Rest des Landes also auch schon gemerkt hat, daß nun neue Zeiten angebrochen sind? Else Poulsen jedenfalls sagt, sie habe keine Angst. Das teilt sie auf Anfrage dem Blatt „B.T.“ mit, das wohl furchtsamere Botschaften erwartet hat. Denn Else Poulsen lebt seit vielen Jahren in Indonesien, von wo das Land Dänemark seine Schäfchen dringend heimgerufen hat und von wo die gesammelte Botschaft mit gutem Beispiel vorneweggeflogen ist, heimwärts. Else Poulsen bleibt lieber in ihrer Taucherschule, und sie teilt telefonisch mit: „Ich kann verstehen, daß in Dänemark eine größere Unruhe herrscht als hier unten. Daher weiß ich nicht, ob es sicherer ist, nach Hause zu reisen.“

Bagger im Winterschlaf

Unruhe ist das Wort. Wo findet man sie? Man späht durch die verschlossenen Gitter des Tivolis: Bagger dösen im Winterschlaf, Volksmassen müssen bis April draußen bleiben. Man schlendert am Morgen „Stroget“ hinunter, Autos parken die Fußgängerstraße zu, adrette Damen schieben Kinderwagen, zwischen ihnen kurven Sackkarrenschieber, mutmaßliche Muslime laden Dönerfleisch aus, lange Radlerinnenschatten gleiten dahin. Durch die Kobmagergade zieht eine Demonstration dänischer Militärmacht: Wachsoldaten mit Bärenfellmützen; Dolch, Säbel, Flötenmusik und Automatikgewehr. Im „Café Europa“ schwirrt die Luft von Gesprächen, die erst nach vielem Hinlauschen mal das muslimische Thema streifen, der Kaffee schmeckt zum Schmelzen.

Dänemark besinnt sich: Über alles läßt sich doch reden! Dies hat man schließlich auch in der „Mohammed-Sache“ festgestellt, wie das Thema auf den täglichen Sonderseiten der Zeitungen nun heißt. Dänemark redet auf allen Kanälen. Der Ministerpräsident hat die Muslime im Lande entdeckt, einen nach dem anderen von ihren Vertretern trifft er nun. Immer wenn er die einen getroffen hat, tauchen neue Muslimvertreter auf und wollen auch getroffen werden. Zuletzt waren es vierundzwanzig, die paßten kaum aufs Foto, eine große Versammlung zutiefst demokratischer, zutiefst dialogorientierter, zutiefst dänischer Muslime. „Es war ein wirklich gutes Treffen. Man konnte richtig merken, wie sehr der Ministerpräsident zugehört hat, wenn wir etwas gesagt haben“, ließ einer der Teilnehmer hinterher vernehmen.

Kinder einer Familie

Dies ist Dänemark. Will man drei große Institutionen des Landes benennen, so sind es: Hans Christian Andersen, der Tivoli und die „Folkehojskole“. Ein Schriftsteller, der im Geiste ein Kind blieb. Und eine Bildungsinstitution, die dafür sorgt, daß man auch noch im Erwachsenenalter freudig die Schulbank drücken kann. Dänemark kennt eine Grundüberzeugung: Alle sind wir Kinder derselben kuscheligen Familie. Konflikte werden gemeinsam gelöst. Durch die Medien des Landes turnt ein ganzes Lehrerzimmer wissender Experten, um die „Mohammed-Sache“ in den Griff zu kriegen.

„Politiken“ hat einen Forscher für Internationale Studien gefunden, Bjorn Moller, der dem Volk die Situation in verständlichen Worten erklärt. „In Dänemark kennen wir soziale Sanktionen, wenn einzelne über die Stränge schlagen. Das, was Dänemark jetzt erlebt, sind soziale Sanktionen auf internationalem Niveau. Die anderen Länder erzählen uns, daß es Sachen gibt, die man nicht machen sollte, selbst wenn wir natürlich das Recht dazu haben.“ Die „Berlingske Tidende“ wartet mit dem Kulturwissenschaftler Ole Hoiris auf. Der findet: „Dänemark wäre besser damit gedient, wenn die Integration von Einwanderern als soziales Problem betrachtet würde, nicht als ein Kampf der Kulturen. Wenn man die Kultur zum Handicap erklärt, kann man nichts dagegen tun. Aber gegen soziale Handicaps kann man etwas tun.“

Buche einen Muslim

Anti-dänischer Protest in Indonesien

Anti-dänischer Protest in Indonesien

Jetzt also wird etwas getan, Aufklärung erfolgt. Während die Nicht-Volkshochschüler in den armen, warmen Ländern demonstrieren, wird an der heimischen Bildungsfront eine Schlacht nach der anderen gewonnen. Frisch gegründet hat sich ein Bund demokratischer Muslime, „The Network“, und bietet als eine erste Amtshandlung sein Programm „Buche einen Muslim“ an: Wer will, kann sich einen nach Hause kommen lassen oder in den Verein oder an den Arbeitsplatz - einen jungen, klugen Originalmuslim, einen aus der schweigenden Mehrheit der Nichtfundamentalisten, der für den guten Zweck einmal ausbricht aus dem Schweigen und vom muslimischen Leben in Dänemark erzählt. Und ansonsten für Nachfragen zur Verfügung steht.

Doch auch für die Kleinsten unter den Dänen ist gesorgt, denn die haben empfindliche Seelen, man darf sie nicht alleinlassen mit den Massakerbildern: Weltweit wird der nette Danebrog verbrannt! Das ist die Fahne, die schon seit vielen Jahrhunderten in keiner Seeschlacht flatterte und die sich gemeinhin als liebenswerter Alltagsschmuck verdingt: Geburtstagstorten ziert sie und Weihnachtsbäume. Jetzt wird sie mißhandelt. Der dänische Kinderrat hält im Internet eine Handreichung für die verunsicherten Eltern bereit: „Man kann und soll den Kindern nicht verheimlichen, daß viele und gewaltsame Proteste gegen Dänemark im Gange sind. Es ist wichtig, den Kindern zu helfen, diese Eindrücke zu verarbeiten. Einige Kinder werden nach diesen Vorgängen fragen. Einige werden sich Sorgen machen, wenn sie den gewalttätigen Sprachgebrauch und die Drohungen hören. Das Verbrennen der Flaggen wirkt stark auf Kinder. Seien Sie offen für die Fragen, und antworten Sie ehrlich auf eine Weise, die dem Alter der Kinder angemessen ist.“ Und - wird dann alles wieder gut? „Den Kindern muß versichert werden, daß es Erwachsene gibt, die daran arbeiten, den Konflikt zu lösen. Kinder fragen sich, ob derlei Gewalt auch in Dänemark denkbar ist. Berichten Sie Ihnen, daß das Risiko gering ist.“

Der Koran wird nicht umgeschrieben

Auch in der Außendarstellung macht Dänemark Fortschritte. Für interessierte Muslime aller Welt, die vielleicht erwägen, ihre Gewaltbereitschaft zu erhöhen, hat das dänische Außenministerium eine Seite ins Internet gestellt. Dort wird einiges klargestellt, was per Gerücht, per gezielter Fehlinformation und per hysterischer SMS-Kette unter den leichtgläubigeren Muslimen die Runde gemacht hat: Nein, sagt das Ministerium, in Dänemark würden keine Koran-Ausgaben verbrannt. Nein, keine dänische Zeitung habe Bilder gedruckt, in denen Mohammed als Schwein abgebildet sei. Doch, sehr wohl dürften Muslime in Dänemark ihre Religion ausüben. Nein, keineswegs plane die dänische Regierung, den Koran umzuschreiben.

Dann wird sich ja alles bald geklärt haben. Medienforscher und Verlage teilen heute schon mit, was sie in absehbarer Zeit zu tun gedenken: Sie wollen die Karikaturen noch einmal veröffentlichen, etwa in einem Jahr. Dann wird die überhitzte Weltöffentlichkeit endlich eingesehen haben, wie wichtig Meinungsfreiheit ist. Und überhaupt: Wenn es nur die rechten Leute recht betrachten, dann kann man so viel Positives erkennen! Die Vertreter des dänisch-demokratischen Islams freuen sich: Jetzt endlich melde sich auch die schweigende Mehrheit der Muslime zu Wort, und die wolle sich keinesfalls von den Fundamentalisten das Wort nehmen lassen.

Der Kuß des kleinen Mädchens

Auch das Blatt „B.T.“ läßt sich nicht unterkriegen. „B.T.“ geht zu einem Kongreß radikaler Muslime in der Norrebrohalle in Kopenhagen, während des Kongresses wird in die Mikrophone hinein mit dem Dschihad gedroht - „B.T.“ aber beobachtet ein „kleines, muslimisches Mädchen von drei bis vier Jahren“ auf der Frauenseite der Versammlung: „Während sie die Sprecher mit Gebärden verulkte, winkte sie hingebungsvoll einem kleinen Jungen zu... Schließlich ließ die Mutter das Mädchen quer durch die neutrale Zone zwischen Frauen und Männern laufen, hin zu dem kleinen Jungen, der einen dicken Kuß bekam.“

Soviel zum Dschihad. Die Vernunft, sie wird siegen, weiß der Däne, denn alles andere wäre unvernünftig. Das Land wendet sich anderen Dingen zu: Die Vogelgrippe kommt. Und ausgerechnet in Schwanengestalt! Anlaß zur Sorge in Andersens Land? Nicht doch. Schon am Montag hat „Jyllands-Posten“ in ihrer Aufmacher-Schlagzeile versichert: „Die Angst vor einer gefährlichen Grippeepidemie ist übertrieben.“ Das hat die dänische Gesundheitsbehörde herausgefunden.

So entspannt sich die Lage, während man auf dem Rathausplatz in Kopenhagen seine ersten Polserwürstchen des Jahres verspeist, wie immer zu klein. Tauben picken. Touristen kieken. „Arla“-Jungfrauen verteilen Milchproben und erfahren Zuspruch durch dänische Rentner; schließlich muß „Arla“ ja gerade in Zeiten wie diesen unterstützt werden. Touristen posieren vorm Rathaus, eine Dame mit Kopftuch schiebt einen Kinderwagen vorbei; Kitakinder gehen in Zweierreihe und zählen ihren lauten Countdown: wie viele Sekunden die Ampel noch grün bleibt. Damen huschen, Kleingeld zählend, vorbei; ältere Herren führen Blumensträuße aus; die Rathausturmglocke schlägt das Stündlein. Und wie immer läuft die treue Laufschrift von „Politiken“ übers Hausdach: „Gelehrte Muslime rufen zur Besonnenheit auf“ - „Mimi kauft ein Haus und zieht mit ihrem Freund zusammen“ (aber wer ist Mimi?) - „Alles über die Terrorziele in Dänemark“. Dieser Platz hier gehört zum Beispiel dazu. Aber die Experten haben alles genau abgewogen: Wahrscheinlich passiert es eher in der Norreport-U-Bahn-Station.

Text: F.A.Z., 16.02.2006, Nr. 40 / Seite 46
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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