Von Michael Glos
28. November 2006Gabor Steingart hat am 17. Oktober an dieser Stelle dem Raubkatzenkapitalismus den Krieg erklärt. Aufrufe zum Kreuzzug gegen die Globalisierung, sei es gegen Heuschrecken oder gegen angebliche chinesische Billigexporte, finden hierzulande immer wieder große Resonanz. Die bewaffnete Wallfahrt bleibt dennoch ein Irrweg und wird nicht eines der Probleme lösen, denen sich Deutschland zur Zeit gegenübersieht.
Ende der sechziger Jahre gab es schon einmal eine Publikationsflut zur amerikanischen Herausforderung, die seinerzeit unüberwindbar erschien. Ende der siebziger Jahre ließ die japanische Herausforderung uns erzittern. Beide Male haben die Schwarzmaler unrecht behalten. Warum sollte es diesmal anders sein?
Gabor Steingart entwirft in seinem Buch Weltkrieg um Wohlstand eine transatlantische Freihandelszone als Bollwerk zum Zweck der Abschottung gegen unerwünschte Wettbewerber. Ich erlaube mir den Hinweis, daß zum Wertekanon der Vereinigten Staaten und Europas die Überzeugung gehört, daß internationaler wirtschaftlicher Wettbewerb keinesfalls eine Gegnerschaft der Nationen bedeutet, sondern ein vorteilhaftes Suchen nach besseren Lösungen zum Nutzen und Wohlstandsmehrung aller.
Hinter internationalem Handel stehen immer Vertragsparteien, die sich durch ihren wirtschaftlichen Austausch besser stellen wollen. Diese Interessenlage bietet für die beteiligten Länder die historische Chance, durch friedlichen Austausch zu mehr Wohlfahrt und zu intensiverer Zusammenarbeit zu kommen. Als Welt insgesamt können wir uns so auch gesellschaftlich und kulturell weiterentwickeln.
Der Nutzen der internationalen Arbeitsteilung entfaltet sich vor allem in der Spezialisierung, der Konzentration auf das, was jedes Land relativ am besten kann. Mit der stärkeren internationalen Vernetzung unserer Wirtschaft sind auch größere persönliche Entfaltungsmöglichkeiten verbunden. Dabei denke ich nicht nur an den Konsum von Hunderten verschiedener Käsesorten, die viel zitierte deutsche Reiselust oder die Geldanlage in asiatischen Aktienfonds.
Ich habe vielmehr auch die revolutionären Informationsmöglichkeiten durch das Internet im Blick. Alle diese Elemente sind nicht Gefährdung, sondern Basis des Wohlstands unseres Landes, das über wenig Rohstoffe, aber ein hohes Wissen und eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung im internationalen Vergleich verfügt.
Wie weit Deutschland dabei vorangeschritten ist, wird durch den Export- und Importanteil unserer Volkswirtschaft von jeweils über 40 Prozent mehr als deutlich. Ich frage mich deshalb, wo wir stünden, wenn wir nicht unsere hochwertigen Maschinen, Fahrzeuge und Ingenieurdienstleistungen für gutes Geld in alle Welt verkaufen könnten, sondern uns statt dessen weiterhin mit einheimischer Energieerzeugung durch Braunkohle oder Ernährung mit Rüben und Kartoffeln von der eigenen Scholle begnügen müßten.
Wenn Länder wie Deutschland, die heute an der Spitze der globalen Wertschöpfungskette stehen, ihre Vorteile bei der Entwicklung und Produktion von technologieintensiven Gütern und Dienstleistungen behaupten, dann werden sie durch die kostengünstigen Produkte aus Asien nur gewinnen können. Diese preisgünstigen Importe erhöhen nicht nur die reale Kaufkraft gerade auch niedrigerer Einkommensgruppen bei uns, sondern schaffen auch ein Nachfragepotential bei mehr als 2,3 Milliarden Konsumenten in Ostasien nach hochwertigen Gütern und Dienstleistungen aus deutscher Produktion.
Der Hinweis auf die unerreichbar niedrigen Löhne in China ist zwar richtig, muß aber differenziert gesehen werden. Schon jetzt ist zu beobachten, daß in den dynamischen Exportzentren Ostasiens Facharbeitermangel herrscht und daß die Löhne zum Teil um über 20 Prozent pro Jahr steigen. Gerade bei höherwertigen Produkten schrumpft der Lohnkostenvorteil also schnell. Die Marktwirtschaft läßt außerdem in den von ihr eroberten Ländern, so auch in Ostasien, Sozialsysteme entstehen.
Die Dumping-Länder von heute sind die Wohlfahrtsstaaten von morgen. Je weiter die Schwellenländer technologisch vorankommen, desto schwerer wird es für sie zugleich, durch schlichte Imitation kurzfristig Markterfolge zu erzielen, da Produktion und Vertrieb ein immer größeres und komplexeres Wissen erfordern. Protektion, Abschottung und das schlichte Verteidigen von Haltelinien im Hinblick auf tradierte Sozialstandards sind folglich für ein Land, das technologisch an der Spitze und als offene Volkswirtschaft im internationalen Wettbewerb steht, vollkommen kontraproduktiv.
Die Forderung, daß die Politik endlich gegen den Löwen Globalisierung kämpfen müsse, möchte ich daher mit einem Zitat von Machiavelli entgegnen: Mir ging es wie dem Fuchs, als er den Löwen sah: Das erste Mal starb er fast vor Angst, das zweite Mal blieb er stehen, das dritte Mal sprach er mit ihm. Das heißt für mich, daß die Wirtschaftspolitik nicht gegen die Globalisierung kämpfen soll, sondern diese Herausforderung aufnehmen und die Chancen entschlossen nutzen muß.
Dabei ist in erster Linie eine konsequente Reformpolitik auf nationaler Ebene notwendig, denn ein Blick über die Grenzen zeigt, daß einige andere Länder ihre Herausforderung der Globalisierung gerade auf dem Arbeitsmarkt durchaus besser meistern als wir. Ich werde deshalb weiter auf eine Rückführung des Haushaltsdefizits, auf eine wachstumsfördernde Unternehmensteuerreform, auf Reformen am Arbeitsmarkt, auf eine nachhaltigere Restrukturierung unserer Sozialversicherungssysteme und auf die Schaffung eines innovationsfreundlichen Umfelds in Deutschland hinarbeiten.
Ein Blick in die Geschichte lehrt: Ein Bollwerk sieht zunächst einmal verführerisch aus, aber es hat definitionsgemäß einen großen Nachteil: Eine Festung bietet nie einen flexiblen Weg nach draußen. Die Geschichte aller Festungen - ob real oder symbolisch: Chinesische Mauer, Maginot-Linie, Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe des Ostblocks - zeigt, daß diese Anlagen ohne Impulse von außen stets schnell veralten und obsolet werden. Einen Ausweg bieten sie also mitnichten: Bestenfalls werden sie einfach am Rand liegengelassen.
Der Verfasser ist Bundesminister für Wirtschaft und Technologie.
Text: F.A.Z., 28.11.2006, Nr. 277 / Seite 37
Bildmaterial: ddp, dpa