Türken und Kurden

Krieg mit der Zivilisation

Von Regina Mönch

“Kurdistan“: Landkarte im kurdischen Kulturtreff in Berlin

"Kurdistan": Landkarte im kurdischen Kulturtreff in Berlin

31. Oktober 2007 Offiziell scheinen die Fronten immer noch klar zu sein: Auf der einen Seite stehen die Türken, auf der anderen die Kurden. Und wenn sie aufeinandertreffen, gibt es Zoff. In Berlin oder in Hamburg oder in Köln, im Südosten der Türkei ohnehin. „Kurdenkonflikt greift auf Berlin über“ titelte an diesem Dienstag der Berliner „Tagesspiegel“. Eine Überschrift, die auch vor sieben oder fünfzehn Jahren vorstellbar gewesen wäre. Aber die mediale Aufmerksamkeit hatte zuletzt nachgelassen. Und unser Gedächtnis ist kurz.

Gülnaz Baghistani, für die Kurden eine Märtyrerin, ist längst vergessen. Sie starb 1995 in Berlin während eines Hungerstreiks im Kreise von PKK-Aktivisten. Die Staatsanwaltschaft verzichtete damals auf die Klärung der Todesursache. Ein „Kompromiss“: Es habe sich, hieß es, um eine „Kulturkreisproblematik“ gehandelt.

Hass

Nach den Ausschreitungen am Sonntag in Berlin

Nach den Ausschreitungen am Sonntag in Berlin

Erst vor anderthalb Jahren feierten Hunderttausende Deutschtürken den befremdlich nationalistischen Film „Tal der Wölfe“ - Schauplatz von dessen Handlung war die türkische Grenzregion zum Nordirak, das Rückzugsgebiet der PKK-Terroristen (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Der Film „Tal der Wölfe“). Nur wenige Wochen zuvor hatten sich nationalistische Sturmtrupps aus der Türkei mit ihren Gesinnungsbrüdern aus ganz Deutschland zu einem „Marsch auf Berlin“ vereinigt (siehe auch: Türkische Nationalisten rufen zum „Marsch auf Berlin“). Es ging um den Massenmord an den Armeniern im Osmanischen Reich, der für die Demonstranten nie stattgefunden hatte; eine dazu verabschiedete Resolution des Deutschen Bundestages hielten sie, aber auch türkische Sozialdemokraten, Elternvereine und die Ditib, für einen Angriff auf das „Türkentum“, diese latent aggressive Spielart von Nationalstolz. Nach Stunden zerstreute sich der Zug wie ein böser Spuk. Für die Berliner Polizei eine gelungene Aktion: keine Steine, keine Prügel. Aber sehr viel Hass. Hass, den man in den letzten Tagen wieder lesen konnte auf den Plakaten, sofern man einen Übersetzer hatte.

Hass und Alleinvertretungsansprüche gibt es aber auch auf der anderen Seite. Trotz Verbot demolieren PKK-Sympathisanten immer mal wieder die Scheiben türkischer Geschäfte und Cafés, nicht nur in Berlin. Doch die Linien dieses schwelenden Konfliktes verlaufen keineswegs eindeutig. Nicht allein Türken, sondern auch viele Kurden verabscheuen den Terror der PKK, sind davor sogar nach Deutschland geflohen und finden, wenn sie Glück haben, hier ihren Frieden. Wenn sie jedoch Pech haben, geraten sie hier wieder in die Abhängigkeit der Terroristen, die in Europa, vor allem auch in Deutschland, ihre Nachfolgeorganisationen als kurdische Kulturzentren tarnen. Immer noch werden Spenden erpresst, Drogengelder umgewidmet, Soldaten rekrutiert und Unterkünfte für „Kämpfer“ erzwungen, die eben mal untertauchen müssen.

Angst

Familien, denen das passiert, reden darüber nie in der Öffentlichkeit; zu stark ist die Furcht, aber auch das Gefühl, nicht geschützt zu sein vor Vergeltung. So, wie sie nicht glauben, dass ihre Verwandten und Nachbarn in den Städtchen und Dörfern der türkischen Grenzregion geschützt sind vor Übergriffen. Aus Furcht vor marodierenden PKK-Banden aus dem Nordirak schlafen sie „mit dem Gewehr am Bett“, erzählte kürzlich ein Mann aus Neukölln. Drei seiner Onkel wurden trotzdem ermordet. Und bitter sagte er: „Hier weiß doch niemand, was dort wirklich los ist.“

Aber wer weiß denn, was hier los ist? In ihrem Buch „Die verlorenen Söhne“ porträtiert Necla Kelek einen kurdischen Drogenkurier, der seine Strafe in einem Hamburger Gefängnis absaß. Der Mann hatte sie um einen Besuch gebeten, damit sie seine „Heldengeschichte“ aufschreibt. Mehmet war etwa fünfzehn Jahre alt, als er nach Deutschland gebracht wurde. Zuerst lebte er illegal hier, auf einem Bauernhof, jetzt genießt er politisches Asyl. Die meiste Zeit verbüßt er eine Gefängnisstrafe. Mehmet befindet sich seit seiner frühen Kindheit, wie er selbst sagt, im Krieg - im Krieg mit verfeindeten Clans und gegen die Türken, die er hasst. Die einzige Autorität ist sein Vater. Was der anordnet, ist Gesetz. Der hatte ihn Nacht für Nacht in die Berge geschickt, einen kleinen Jungen, der seinen von Blutrache bedrohten großen Bruder zu verpflegen und zu bewachen hatte. „Wir werden als Krieger geboren. Die Türken sind schuld“, sagt Mehmet stolz. Seinen Krieg, einen Krieg mit der Zivilisation, schreibt Kelek, wird er nicht beenden.

Text: F.A.Z., 31.10.2007, Nr. 253 / Seite 41
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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