Der Fall Sürücü

Mehr als ein Mord

Von Necla Kelek

Ein positives Signal gegen archaische Kollektivrechte

Ein positives Signal gegen archaische Kollektivrechte

30. August 2007 Der Prozess gegen die drei Brüder Sürücü wegen gemeinschaftlichen Mordes an ihrer Schwester Hatun, der mit einer Verurteilung und zwei Freisprüchen endete, wird neu verhandelt. So hat es der Bundesgerichtshof beschlossen. Das ist ein positives Signal, ganz unabhängig davon, wie das Urteil der Richter in der neuerlichen Verhandlung vor dem Berliner Landgericht ausfallen wird.

Im ersten Sürücü-Prozess zielte die Strategie der Verteidiger zum einen darauf, alles zu tun, den jüngsten Bruder die Tat gestehen zu lassen und die anderen Familienmitglieder als unwissend und unbeteiligt darzustellen. Dieser Verteidigungsstrategie hatten weder die Ankläger noch die Richter viel entgegenzusetzen. Gleichzeitig setzte man alles daran, die wichtigste Zeugin der Anklage, die türkische Freundin des geständigen Bruders Ayhan, zu verunsichern. In mehrstündigen, auch für Beobachter quälenden Verhören, versuchten die Verteidiger die Aussagen des damals achtzehnjährigen Mädchens zu erschüttern. Inhaltlich gelang es ihnen nicht, denn Melek, mit schusssicherer Weste im Gerichtssaal, blieb bei ihrer Aussage: Ayhan habe ihr gestanden, die Tat mit den Brüdern vorbereitet zu haben und sei, als er die Schwester getötet hatte, dafür vom Bruder gelobt worden.

Nicht ein Wort des Bedauerns

Ein ausreichender Beweis war ihre Aussage für das Gericht nicht. Und dass der Mörder kurz nach der Tat - er schoss seiner Schwester dreimal aus nächster Nähe in den Kopf - einem seiner Brüder eine SMS schrieb, „Ich bin am Kotti, wo bist du?“, schien den Richtern kein Indiz für eine Verabredung. Der Bundesgerichtshof nun wertet Meleks Aussage und die SMS anders.

Für mich waren beim ersten Prozess in Berlin, den ich im Gerichtssaal verfolgt habe, mehrere Dinge auffällig. Ohne die mutige Aussage von Melek wäre dieser Mord unaufgeklärt geblieben. Sie musste dafür ihr gesamtes bisheriges Leben aufgeben, braucht seitdem Polizeischutz und trägt nun einen fremden Namen. Trotzdem ließ sie sich nicht einschüchtern. Hatuns Eltern aber und die Geschwister fanden nicht ein persönliches Wort des Bedauerns, der Trauer um Hatun. Im Gegenteil, die Schwestern feierten den Freispruch der älteren Brüder.

Kein Eifersuchtsdrama

Obwohl über diesen „Ehrenmord“ heftig und kontrovers öffentlich gestritten worden war, vermieden es nicht nur Verteidiger, sondern auch Ankläger und Richter, dem Fall eine gesellschaftliche Dimension zu geben. Doch die hatte er längst. Noch nie war die Differenz zwischen archaischer, religiös determinierter Kultur und einer aufgeklärten Gesellschaft so überdeutlich sichtbar geworden wie durch diese Tat. Jedem war klar, dass mehr als ein Mord verhandelt wurde: Die drei Schüsse entlarvten das wohlmeinende Wegschauen angesichts gegengesellschaftlicher Strukturen als tödliche Toleranz.

Lange wurden solche Verbrechen eher als Familientragödie oder Eifersuchtsdrama verhandelt, oder man gestand den Angeklagten zu, ihr anderer Kulturkreis würde solche Taten rechtfertigen. Gerade erst hat das höchste italienische Gericht ein solches Urteil gefällt: Die Richter in Rom befanden, dass ein Vater seine Tochter im Namen des Islams prügeln darf, wenn die sich nicht so verhält, wie es die islamischen Sitten verlangen. Das Mädchen war der Familie zu „westlich-europäisch“, hatte einen Freund und war dafür wochenlang von Vater und Brüdern grausam misshandelt worden. Wer das duldet, relativiert die Menschenrechte.

Tradition über alles

Wohin solche archaischen Traditionen führen, zeigt sich nicht nur in der Türkei, wo im letzten Jahr allein in Istanbul fünfundvierzig sogenannte „Ehrenmorde“ verzeichnet wurden, sondern auch im Fall einer seit Jahrzehnten in München lebenden türkischen Familie. Um zu verhindern, dass ihre Tochter bei ihrem deutschen Freund lebt, entführten und bedrohten sie den jungen Mann. Sie wollten die Tochter in die Türkei schaffen und dort verheiraten, alles war vorbereitet. Die als integriert geltende Familie ruinierte sich durch diesen Rückfall in archaische Traditionen ihr Lebenswerk. Das deutsche Gericht verhängte gegen Sohn, Vater und Mutter hohe Gefängnisstrafen ohne Bewährung.

Im Berliner Sürücü-Prozess war unübersehbar: Der Familie der Ermordeten, die als Nebenkläger mit zwei Anwälten auftrat, ging es nicht um Hatun, sondern um die Brüder und die Rettung der „Ehre der Familie“. Sie verteidigten ihre kurdisch-islamischen Tradition mitten in Deutschland, so wie die Kurden das seit Jahrhunderten auch in der Türkei tun, wenn der Staat versucht, sich einzumischen. Die Verhandlung beschränkte sich auf die Klärung des Tathergangs. Der von der Familie engagierte „Wali“, ein in der muslimischen Community Berlins bekannter arabischer Friedensrichter, saß im Zuschauerraum, hatte die Prozessakten unter dem Arm und schien nach meinem Eindruck bereits vorher zu wissen, wer wie aussagen würde. Er organisierte dann auch die Presseauftritte für die Familie. Es sah aus, als würde die Familie wie in Ostanatolien über einen solchen Vermittler mit der Öffentlichkeit verhandeln wollen. Dem Gericht blieben diese Dinge verborgen, es fragte nicht danach, was sich hinter der Tat verbarg, und so kam es schließlich zu einer nach meiner Ansicht falschen Wertung der Fakten.

Ein Vorbild für bedrängte Mädchen

Bereits in seinem Geständnis hatte Ayhan verlesen lassen, dass er Hatuns Sohn Can vor dem schlechten Einfluss seiner Mutter bewahren wollte. Er wollte den Fünfjährigen in seine Familie zurückholen, damit der muslimisch erzogen werden könne. Die Schwester Arzu versuchte später, zum Glück vergeblich, das Sorgerecht zu bekommen. Der Junge lebt nach einer Entscheidung des Familiengerichts endgültig bei einer Pflegefamilie. Vielleicht musste Hatun nicht nur sterben, weil sie „wie eine Deutsche“ lebte, auch ihr Sohn sollte davor bewahrt werden, ein „Ungläubiger“ zu werden. Das Gericht hätte gerade an dieser Aussage ansetzen können, um aus dem Weltbild dieser Familie mögliche Motive zu ermitteln und zu erfahren, welchen Einfluss der als strenggläubiger Muslim auftretende Bruder Mutlu hatte.

Wann es zur Neuverhandlung kommt, ist ungewiss, denn die beiden Brüder sind seit Monaten in der Türkei. Melek aber, die einen hohen Preis für unsere Freiheit zahlt, wird hoffentlich wieder aussagen. Sie lebt an einem unbekannten Ort. Ihr Beispiel könnte viele bedrängte Mädchen ermutigen. Genauso wie die Erfahrung, dass vor deutschen Gerichten die individuellen Rechte der Bürger verteidigt, nicht aber die archaischen Kollektivrechte der Scharia bestätigt werden.

Die Soziologin Necla Kelek veröffentlichte zuletzt das Buch „Die verlorenen Söhne“.



Text: F.A.Z., 30.08.2007, Nr. 201 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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