Natascha Kampuschs Erklärung

Ich bin stark

Von Christian Geyer

Natascha Kampuschs Worte werden verlesen

Natascha Kampuschs Worte werden verlesen

30. August 2006 Was wollt ihr eigentlich alle bei mir? Wieso werden hier Bilder meiner Zelle veröffentlicht, in der ich acht Jahre lang gelebt habe? In der „ich“ gelebt habe? Was haben eure fremden Blicke darin zu suchen? Blicke von außen in diesen Raum, in dem sich meine Innenwelt gebildet hat, in dem doch jetzt nicht die ganze Außenwelt herumtrampeln kann.

Kaum ist die Wienerin Natascha Kampusch aus ihrem Verlies ausgebrochen, zeigt sie sich entschlossen, auch aus den Schemata der Trauma-Experten und der Klatschagenten der Mediengesellschaft auszubrechen. In festem, unaufgeregtem Duktus stellt sie fest: Es gibt nichts zu begaffen. Merkt ihr nicht, daß ihr euch in der Adresse geirrt habt? Eine frappierende Erfahrung war das, als genau in dem Moment, da sich alle Welt um die Bühne scharte, als alle Spots an waren, um die Geschichte eines Traumas in Szene zu setzen - wie genau in diesem Moment im Saal die Lichter ausgingen; wie da eine Erklärung verlesen wurde, in der das Publikum gebeten wurde, doch bitte nach Hause zu gehen.

Anschwellendes Geplapper

Vorausgegangen war ein anschwellendes Geplapper der Psycho-Experten. Lauter Versuche, aus ungesicherter Entfernung ein Ich zu vergegenständlichen, das nicht vergegenständlicht, das nicht vom Entführungsopfer zum Betreuungsopfer werden will. Hören wir doch einmal hinein in die Expertisen der Psycho-Experten. Es plappert also etwa der Psychoexperte Georg (er nennt Natascha Kampusch ja auch nur Natascha, warum sollen wir Georg Pieper da nicht Georg nennen?), es plappert also der Georg so vor sich hin: „Das Mädchen hat über die Jahre eine sehr persönliche Beziehung zu ihrem Entführer aufgebaut. Diese war wahrscheinlich nicht nur von Angst, von einer sehr großen Ungleichheit und von sexuellem Mißbrauch geprägt, sondern auch von Sympathie. Für Natascha wurde die Ausnahmesituation nach und nach zur Normalität. das macht das ganze noch viel perverser, viel schwieriger und natürlich viel zerstörerischer für das Leben des Mädchens.“

Solche Urteile nimmt sich einer heraus, der kein einziges Wort mit derjenigen gesprochen hat, deren Lebensbilanz er hier mal eben zieht. Nicht „das Leben des Mädchens“, die ja gar kein Mädchen mehr ist, hat er vor Augen, sondern Stereotypen aus dem Lehrbuch, von denen er im vorliegenden Fall gar nicht wissen kann, wie sie anzuwenden sind. Oder nehmen wir den Trauma-Experten Peter (Riedesser). Auch Peter spekuliert munter drauflos („Es ist natürlich alles nur Spekulation“), knüpft an diese Spekulationen freilich ebenfalls biographische Letzturteile in der priveligierten Position dessen, der weiß, von wann an ein Leben „falsch“ läuft und von wann an es wieder „gut geht“. So ruft der Experte der Kampusch zu, die acht Jahre ihres Lebens effektiverweise als tote Jahre abzustoßen, den in Gefangenschaft verbrachten Teil ihrer Biographie einfach auszurangieren: „Sie braucht einen Neuaufbau ihres Selbst- und Weltsystems.“

Peterles Metaphernwelt

Die unbekannter- und ungefragterweise als Klient vereinnahmte Kampusch wird augenblicklich in Peterles Metaphernwelt integriert. Es ist nicht etwa eine literarisch-offene Metaphernwelt, in der die Seelenbeschreibung eine fiktionale Form gefunden hat. Nein, es ist eine wissenschaftlich festgelegte Metaphernwelt, in welcher sich der Mensch im Bild des Baumstumpfs eingesperrt wiederfindet. „Man kann sich das vorstellen wie einen Baumstamm, der an einem bestimmten Punkt abknickt oder in die falsche Richtung wächst. Wenn alles gut geht, sind aber zehn Jahre Baumstamm da, der weiter wachsen kann.“ Als wäre eine Biographie, und sei sie noch so geknickt worden, in diversen Einzelteilen als Schadensfall abwickelbar und neu zusammensetzbar. Auf diesen groben Klotz, mag sich Natascha Kampusch gedacht haben, gehört ein grober Keil, und sagt, sie habe in Gefangenschaft zumindest nicht mit dem Rauchen angefangen und keine falschen Freunde kennengelernt.

Es gibt kaum etwas aus den letzten acht Jahren der Kampusch, das nun nicht unter Perversitätsverdacht gestellt würde: die Art, wie sie sich über das Geschehen in der Außenwelt über Fernsehen und Zeitungen informierte, wie sie Schulstoff lernte, wie sie mit dem Täter Gespräche führte. Die Prämisse kann, ohne Ansehen der Person, immer nur lauten: Sie hat „ein sehr verwirrtes und widersprüchliches Welt- und Selbstbild“ (Peter Riedesser). Wer sich im Metaphernwald der Traumaforschung verirrt, kommt so schnell nicht mehr heraus. Jedes Pochen auf die eigene Stärke („Er war nicht mein Gebieter, ich war gleich stark“), auf ein eigenes Leben im gefangenen, wird im Zweifel als Schwäche eines Wirrkopfs ausgelegt.

Einfühlsame Therapeutin

In dieser Situation hätte die Erklärung, die Natascha Kampusch vorgestern abgab, gar nicht klüger, gar nicht schärfer ausfallen können. Wie um einen gefährlichen Tiger kreisend, den man auf Distanz halten, doch nicht reizen will, reicht sie den Willen zur Vergegenständlichung an die Öffentlichkeit zurück: „Ich bin mir durchaus bewußt, welch starken Eindruck die letzten Tage auf Sie gemacht haben müssen“, heißt es in der persönlichen Erklärung, die sie verlesen läßt und die - ob es nun Mitverfasser gab oder nicht - mit überlegener Ironie die Seiten vertauscht. Sie wisse durchaus, wie „schockierend und beängstigend“ der Gedanke an ihre Zeit in der Gefangenschaft sein muß. Sie verstehe, daß ihr eine „gewisse Neugier“ entgegengebracht werde (spricht sie da nicht wie eine einfühlsame Therapeutin mit dem Patient Therapiegesellschaft?). Sicherlich werde sie sich auch zu einem späteren Zeitpunkt zur Sache äußern. Doch werde sie keine Fragen über intime Details beantworten, werde jeden Schritt der Berichterstattung darüber ahnden.

„Er hat mich, symbolisch gesprochen, auf Händen getragen und mit Füßen getreten.“ Man mag diese kürzelhafte Aussage über den Entführer zugleich wie eine Bloßstellung all derer lesen, die jetzt so auftreten, als hätten sie Hausrecht in einer gefangenen Seele.

Text: F.A.Z., 30.08.2006, Nr. 201 / Seite 35
Bildmaterial: REUTERS

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