Von Winand von Petersdorff
27. März 2006 100 Gründe, warum Sie an diesem Wochenende ein Baby machen sollten, hatte die Bild-Zeitung kürzlich liebevoll aufgelistet. Schließlich gibt es zu wenige Kinder. Zu wenig Kinder? Wem sind es eigentlich zu wenige?
Die Eltern, die für das Kinderzeugen und -bekommen zuständig sind, können mit Verhütungsmitteln die Zahl ihrer Kinder weitgehend selbst bestimmen. Und sie nutzen dieses Wahlrecht tagtäglich, allnächtlich und auch an diesem Wochenende. Ihre individuelle Entscheidungsfreiheit ist schützenswert. Wer sie einschränkt, muß beste Argumente bringen.
Verstörend an der Debatte über die Kinderlosigkeit ist ihr Ausgangspunkt. Sie nahm den Anfang in der inzwischen notorischen Systemkrise der Sozialversicherungen und entfaltete sich nach folgendem Argumentationsmuster: Gesetzliche Rentenversicherung und Krankenversicherungen kollabieren, weil alte Menschen älter werden als geplant und junge Menschen weniger Kinder als einkalkuliert bekommen. Die Rente wird zum Notgroschen, die mit den Sozialabgaben belasteten Arbeitskosten schnellen in die Höhe. Die Volkswirtschaft rutscht in der Konsequenz ins Tiefe, bevor die Deutschen endgültig aussterben. Also müssen schleunigst Kinder her.
Vom Subjekt zum Objekt der Politik
Solche Kurzschlüsse schleichen sich ins öffentliche Bewußtsein, wenn Systemtechnokraten und Bevölkerungspolitiker zu lange die öffentliche Debatte beherrschen dürfen. Menschen werden vom Subjekt zum Objekt der Politik, die, statt den Menschen zu nützen, Systeme bewahren will. Zu Ende dekliniert, bedeutet die Argumentation wohl: mehr Geschlechtsverkehr, weniger Verhütung und alles für Rente und niedrigere Lohnkosten. Den Sozialversicherungen sind es zu wenige Kinder, lautet die Antwort auf die Eingangsfrage.
Könnte man sich auf eine Mittel-Zweck-Beziehung als Grundlage des Zusammenlebens zurück besinnen? Die Institutionen sollten den Bürgern dienen, nicht umgekehrt. Wenn die Rente ins Rutschen gerät, weil zu wenige Kinder geboren werden, dann ist die Rentenversicherung zu ändern und nicht das Vermehrungsverhalten der Bevölkerung.
So würde es zumindest eine Gesellschaft halten, die im Gegensatz zu Despotien die Freiheitssphäre ihrer Mitglieder respektiert. Ein Bürgermeister käme ja auch nicht auf die Idee, seine Mitbürger zur Vermehrung zu drängen, damit seine Kindertagesstätten besser ausgelastet sind.
Zweifelsohne erforderte eine grundlegende Änderung des Systems der Sozialversicherung inzwischen einen der größten politischen Kraftakte seit dem Bestehen der Bundesrepublik. Die Reform wird überdies mit dem Altern der Gesellschaft von Tag zu Tag schwieriger. Denn die Alten, die zwangsläufig durch eine Reform schlechter gestellt würden, wachsen in eine Mehrheitsposition hinein. Sie erforderte mithin höchsten Mut von Politikern und kostete Karrieren. Und sie ist doch zwingend.
Adenauers bekannteste Fehlprognose
Übertroffen würde der Kraftakt möglicherweise nur noch von jenem, die Gebärfreudigkeit der Menschen durch Politik gravierend zu erhöhen. Altkanzler Helmut Kohl hatte, als er noch im Amt war, gelegentlich launig bemerkt: Man kann mich ja gerne für alles verantwortlich machen, nur nicht für die Demographie bitte schön. Konrad Adenauer wird in diesen Tagen gerne mit seiner bekanntesten Fehlprognose zitiert: Kinder kriegen die Leute sowieso. Diese Aussage war falsch, wie wir heute wissen. Sie zeigt aber möglicherweise die Scheu des weisen Politikers, in die Privatsphäre der Leute einzudringen.
Aktuell erleben wir statt dessen die Skandalisierung individueller Lebensstile. Karrierejournalistinnen werden wegen ihrer Kinderlosigkeit über den öffentlichen Boulevard gescheucht. Das gesellschaftliche Klima wird ungemütlich für Dinks (double income no kids) und andere Kinderlose, die als Belastung für die Solidargemeinschaft stigmatisiert werden. Als ob die kinderreichen Väter und Mütter sich daranmachten, kinderreich zu werden, weil sie die Rentenversicherung sichern wollten. Als ob die Kinderlosen alle freiwillig kinderlos blieben.
Die Debattierenden führen vermeintlich zwingende ökonomische Gründe an, warum die Bürger in Deutschland mehr Kinder kriegen sollten. Auf Ökonomen können sie sich dabei in einer Hinsicht nicht berufen. Ihnen ist es im Grunde egal, ob an der Werkbank, hinter dem Verkaufstresen oder in der Arztpraxis alte Sauerländer stehen oder junge Ghanaer.
Mehr als 100 gute Gründe
Die lichter werdenden Reihen ließen sich zumindest teilweise füllen, mit armen jungen Leuten aus aller Herren Länder. Man muß schließlich gar nicht deutsch sein, um in diesem Land Werte zu schöpfen. Das ist doch bemerkenswert: Die deutsche Einwanderungspolitik wirkt restriktiv, die Politik zur Beflügelung der Gebärfreude soll expansiv wirken.
Mehr als 100 gute Gründe gibt es, sich selbst mit Kindern zu beschenken. Im Gegensatz zu früher spielt für Eltern das Motiv, sich mit vielen Kindern gegen Altersarmut abzusichern, heute keine Rolle mehr in den persönlichen Kalkülen. Das darf man als sozialen Fortschritt deuten. Aber vieles deutet darauf hin, daß die staatliche Absicherung im Alter nur eine Zeiterscheinung ist als Frucht einer Phase großer wirtschaftlicher Prosperität.
Jeder lebt lieber in einer Gesellschaft, in der sich Familien genauso wohl fühlen wie die kinderlosen Mitbürger. Wenn die Finanzkraft der Sozialsysteme weiter so erschlafft, könnten sich in einigen Jahren die mit großer Kinderschar gesegneten Familien als die Gewinner im gesellschaftlichen Überlebenskampf erweisen und damit die nötigen Rollenmodelle und Gründe für jene liefern, die heute noch an der Bettkante zaudern.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 38
Bildmaterial: AP