Frauen in Spanien

Sklavinnen der Moderne

Von Paul Ingendaay, Madrid

Rechtlos: Protestmarsch von Prostituierten in Madrid

Rechtlos: Protestmarsch von Prostituierten in Madrid

21. September 2005 In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, so eine Statistik, verloren zwei Drittel der spanischen Männer ihre Unschuld bei Prostituierten. Das hat sich zwar geändert und besonders rasant durch die Liberalisierung der spanischen Gesellschaft nach dem Tod Francos, die als destape bekannt wurde. Destape ist, wenn der Deckel vom Topf fliegt. Was sich dagegen nicht geändert hat, sind die Beliebtheit der Prostitution und die allgemeine Verfügbarkeit von Bordellen. Ihre Präsenz an spanischen Landstraßen sticht so ins Auge wie die Leuchtreklame der Tankstellen, und welcher der beiden Dienstleister im Land über das dichtere Netz verfügt, wäre noch zu untersuchen.

Hin und wieder regt sich in der spanischen Öffentlichkeit Besorgnis, denn die qualitative Veränderung läßt sich nicht mehr ignorieren. Weil Spanien zu einer modernen Industrienation aufgestiegen ist, hat der käufliche Sex neue Züge angenommen und ist zur schmuddeligen Rückseite der Modernisierung selbst geworden. Entsprach die Prostitution der Franco-Zeit der stillschweigend praktizierten Doppelmoral einer nationalkatholischen Macho-Gesellschaft, die offiziell dem Idealbild von Mutter und Madonna huldigte, während sie heimlich den Lockungen der Hure nachgab, so stammen die Frauen, die heute in den Bordellen an Spaniens Landstraßen arbeiten, zu 98 Prozent aus Rumänien, Rußland, Nigeria, Äthiopien, Brasilien, Kolumbien oder Venezuela. Allein in der Provinz Valencia gibt es sechsundachtzig Bordelle dieses Typs, in Alicante achtundfünfzig. Den Umsatz, der in Spanien so erzielt wird, schätzt man auf vierzig Millionen Euro am Tag.

Festnahmen nach Fenstersprung

Da die Frauen oder minderjährigen Mädchen über Schlepperbanden ins Land kommen, also betrogen, ihrer Papiere beraubt und in körperlicher und finanzieller Abhängigkeit gehalten werden, geht es längst nicht mehr um einen Euphemismus wie „das älteste Gewerbe der Welt“ und erst recht nicht um ein Geschäft, dessen Partner die Bedingungen frei wählen; sondern um Menschenhandel, Erpressung, Nötigung, Körperverletzung und Dokumentenfälschung, kurz, um eine moderne Form der Sklaverei, die mafiose Organisationen einer amüsierbereiten Gesellschaft andienen.

Im November vorigen Jahres sprang eine verzweifelte junge Frau in Alicante aus einem Fenster im dritten Stock, um ihren Peinigern zu entgehen, die sie zur Prostitution zwangen. Dadurch lenkte sie die Aufmerksamkeit der Polizei auf eine rumänische Bande, die zwanzig Frauen in ihrer Gewalt hatte. Was geschah? Es gab ein paar Festnahmen. Was weiter geschah, ist in Polizeicomputern versickert.

Schizophrenie ganz eigener Prägung

Und es ist fast schon egal, denn die Spezies wächst in atemraubendem Tempo nach. In Madrid ließ der Bürgermeister im vergangenen Monat den Autozugang zu einem Stadtviertel polizeilich kontrollieren, um die Anwohner vor dem entfesselten Fleischmarkt zu schützen. Berichte über ausgehobene Menschenschlepperringe sind in spanischen Tageszeitungen so alltäglich geworden wie die Wettervorhersage. Oder besser: so alltäglich wie die zahllosen Anzeigen von Prostituierten, die selbst von den hochnäsigsten, verzopftesten, prüdesten spanischen Tageszeitungen gedruckt werden und in denen neben der detaillierten Beschreibung des Serviceangebots auch die Tarife erscheinen.

Das Hinundherblättern zwischen dem erhebenden Moralgewäsch der Leitartikel und der kruden Realität der Anzeigen, die unter dem Rubrum „Massage“ oder „Relax“ stehen, verrät deutlicher als jede soziologische Analyse, daß die Gesellschaft sich in einer Schizophrenie ganz eigener Prägung eingerichtet hat.

In fünf Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt

Davon zeugt auch das Meinungsspektrum im liberal-progressiven Lager. Gewerkschaften und bestimmte Frauenverbände fordern, den Handel mit Sexualität als normale Arbeit zu betrachten, und jene, die sie betreiben, mit den üblichen Sicherheiten von Arbeitnehmern auszustatten - Sozialversicherung, Rentenanspruch und so weiter. Nur wenn die Prostitution die Illegalität verlasse, so das Argument, werde sie dem Zugriff der Menschenhändler entzogen. Deswegen betreiben Sozialverbände Aufklärungskampagnen, erteilen juristische Beratung, verteilen kostenlos Kondome und bemühen sich, den Status der illegalen Immigrantinnen zu legalisieren.

Der Schriftsteller Juan José Millas berichtete soeben in einer Reportage für „El Pais“ von Marga, einer vierzigjährigen Prostituierten aus Barcelona, die sich und ihre sechsjährige Tochter mit wechselnden Jobs über Wasser hält und eben auch ihren Körper feilbietet. Margas Tarif beträgt zwanzig Euro, Sonderwünsche sind verhandelbar. Das Erstaunen über die Normalität dieses Arbeitsalltags, in dem delikate Fragen pragmatisch gelöst werden müssen, ist dem Artikel anzumerken.

In Spanien, einem Land mit vierzig Millionen Einwohnern, betrieben fünfhunderttausend Menschen Prostitution, heißt es bei Millas. Man benötigt keinen Taschenrechner, um zu folgern: Jede(r) achtzigste, Greise und Säuglinge eingeschlossen, bedient in Spanien den Sexmarkt. Eine unglaubliche Zahl, die erst durch eine andere plausibel wird. Die Guardia Civil, die in regelmäßigen Abständen die Bordelle an Landstraßen überprüft, hat ermittelt, daß sich dort zwischen 1999 und 2004 die Zahl der Prostituierten verdoppelt hat.

Reduziert auf ein sozialtherapeutisch handhabbares Maß

Einige der besten Köpfe der spanischen Kultur haben sich der Themen Rassismus, Sexismus und auch des grassierenden Problems der häuslichen Gewalt angenommen, allen voran die Filmregisseurin Iciar Bollain mit Werken wie „Blumen aus einer anderen Welt“ (1999) und „Öffne meine Augen“ (2003). Soeben ist in den Kinos der neue Film von Fernando Leon de Aranoa angelaufen, „Princesas“, die Geschichte einer Spanierin und einer Frau aus der Dominikanischen Republik, die unter den erniedrigenden Umständen des urbanen Sexmarktes eine kleine Solidargemeinschaft bilden. Doch auch wenn ein solcher Film einen Lichtstrahl von Vernunft und Anteilnahme in die frivole Kinoindustrie schickt, die wahren Dimensionen des Themas werden auf häusliches, sozialtherapeutisch handhabbares Maß reduziert und dadurch abermals verkannt.

Natürlich wird Spanien nie so weit gehen wie amerikanische Städte, in denen die Kunden der Prostitution öffentlich beschämt oder polizeilich verfolgt werden. Immer lauter wird allerdings darauf hingewiesen, daß die Prostitution jeden ihrer Nutznießer in moralisches Zwielicht setzt. Der „Kunde“ ist alles andere als ein gedankenloser Konsument. Er trägt Mitschuld daran, ein oft kriminelles System am Leben zu erhalten.

Trägheit und Indolenz der spanischen Männer

Es gibt einen Enthüllungsjournalisten mit dem Pseudonym Antonio Salas, der glänzend daran verdient. Mit versteckter Kamera hat sich Salas, der vor Jahren mit einer Investigation der spanischen Neonazi-Szene einen Bestseller schrieb, in den Dunstkreis der Sexmafias begeben. Übersetzt heißt sein Buch „Das Jahr, in dem ich mit Frauen handelte“ (Madrid, Temas de hoy, 2004). Seine riskanten Manöver beschreibt Salas so, daß der Leser am Prickel einer verbotenen Welt, in der Sex, Erniedrigung und Gewalt üblich sind, hautnah teilnehmen kann. Seit neuerem gibt der Autor beim selben Verlag eine Buchreihe heraus, die unter dokumentarischer Hülle reine Pornographie verkauft.

Sex in allen Formen und Maskierungen ist in Spanien der wichtigste Geschäftszweig neben dem Tourismus. Zu wessen Lasten das geht, sagt schon das Wörterbuch der spanischen Sprache. Ein hombre publico ist ein Mann, der in der Politik oder im Geschäftsleben öffentlich agiert. Die Entsprechung dagegen, mujer publica, bedeutet „Prostituierte“.

Die Spanier für dieses Thema zu sensibilisieren ist keineswegs leicht, nicht nur, weil sich über Sexualität nicht so ungezwungen sprechen läßt wie über Straßenbau oder Fischfangquoten. Sondern auch, weil sich in der Öffentlichkeit trotz einer modern frisierten Zapatero-Regierung, deren Ministerriege zur Hälfte aus Frauen besteht, ein patriarchalischer Grundzug behauptet. Der Weg zur Gleichheit unter den Geschlechtern, den die spanischen Frauen ohne die aggressiven Emanzipationssignale ihrer nordeuropäischen Schwestern (Latzhose, Schlabberhemd, Verzicht auf Lippenstift) beschritten und nie ideologisch aufgeladen haben, dieser Weg wird oft durch Trägheit und Indolenz der spanischen Männer blockiert.

Wahre Gleichheit ist nicht vorgesehen

Im Frauenreferat der spanischen Regierung - einer Einrichtung, die erst 1983 unter Felipe Gonzalez ins Leben gerufen wurde - erhält man dazu sehr ernüchternde Daten. Betrachtet man nebeneinander, wer in spanischen Haushalten die meiste Arbeit leistet, wer außer Haus geht und wann, wer sich um die Kinder, die Großeltern, die kranke Tante kümmert, wer das Pausenbrot schmiert, die Hausaufgaben kontrolliert und mit dem Baby zur Notaufnahme fährt, wer den unsichereren Job hat und dafür den niedrigeren Lohn erhält, wer nicht trinkt, dafür aber geschlagen, im äußersten Fall auch getötet wird, sobald ein Streit über laute Worte hinausgeht - allein 2004 verloren zweiundsiebzig Frauen durch häusliche Gewalt ihr Leben -; betrachtet man all diese Bereiche des Alltags in sämtlichen verfügbaren Erhebungen, dann wird offenbar, daß die Frauen in Spanien neben ihrer schlechter bezahlten Arbeit die Hauptlast der familiären Verantwortung tragen, aber nur Nachteile davon haben.

„Wir kommen aus einer Diktatur“, erklärt Rosa Maria Peris, die Leiterin des Frauenreferats. „Es ist noch gar nicht so lange her, da durften Frauen in Spanien kein eigenes Konto einrichten und keinen Kreditvertrag unterschreiben. Natürlich haben wir in den Jahren der Demokratie viel erreicht. Aber die Frauen, die vorher unterdrückt waren, tragen jetzt auf ihren Schultern die Bürde der spanischen Modernisierung.“ Deswegen bekommen sie heute so wenige Kinder wie nirgendwo sonst in Europa. Deswegen schaffen sie es nicht, mit dem Rauchen aufzuhören, dem Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit. Und deshalb, weil die eigenen Probleme sie überrollen, regt sich in der spanischen Gesellschaft sowenig Widerstand gegen die tausendfach betriebene Ausbeutung von Immigrantinnen aus den ärmeren Ländern der Welt. Der Sexmarkt ist die Billigkopie einer gesellschaftlichen Praxis, die keine wahre Gleichheit vorgesehen hat.

Text: F.A.Z., 22.09.2005, Nr. 221 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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