24. Januar 2006 Ist Amerika in der Krise? Das Magazin The Atlantic suchte eine Antwort von außen - und bat den französischen Philosophen Bernard-Henri Levy darum. Der ist ein Jahr lang durch die USA gereist und hat ein Buch darüber geschrieben.
Ein Jahr lang sind Sie auf den Spuren Alexis de Tocquevilles durch die Vereinigten Staaten gereist und haben ein Buch darüber geschrieben. Wie ist denn The State of the Union?
Die Reise selbst liegt ja nun schon eine Weile zurück, aber ich will Ihnen meinen stärksten Eindruck verraten: das Land ist, ganz entgegen dem, was man in Europa, aber auch in den USA selbst so oft hört und liest, nicht so schlecht dran, wie man denkt. Ich glaube überhaupt nicht daran, daß sich das soziale Gefüge auflöst, daß die politische Klasse in den Faschismus kippt, daß die Religiösen die Macht übernehmen oder die ganze Nation nach rechts abdriftet.
Das Imperium wird also nicht stürzen?
Hören Sie, ich bin ganz gegen diesen Begriff des Imperiums. Da klebt man den USA ein Etikett auf, das mehr mit der europäischen Geschichte und unserer Erblast zu tun hat.
Sie meinen den Kolonialismus?
Ja. Das Verhältnis der USA zur Welt ist kompliziert und sicher nicht frei von Spannungen, aber es ist kein imperiales Verhältnis. Ich glaube wie Toni Negri in seinen neuesten Schriften, daß die heutigen Herrschaftsverhältnisse mit einem schlichten Begriff von imperialer Macht gar nicht mehr beschrieben werden können. So läuft das einfach nicht mehr. Die heutigen Machtstrukturen sind anders gelagert, da steht nicht mehr eine Nation - und sei sie noch so groß - ganz allein im Zentrum.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob es so ein Machtzentrum überhaupt gibt und wenn, ob Staaten dazuzählen. Die diffuse Imperialität der Gegenwart wird von ganz anderen Akteuren getragen, von den großen Firmen, den Medienimperien, aber auch von der öffentlichen Meinung. Sie alle sind an einer neuen Form der internationalen, imperialen Machtausübung beteiligt. Wer, wie ein Teil der deutschen und französischen Linken, immer nur Stoppt den US-Imperialismus wiehert, der hat weder etwas vom Zustand der Welt noch vom Wesen heutiger Machtverhältnisse und schon gar nichts von den USA begriffen.
Wie kamen Sie überhaupt auf die seltsame Idee, auf Tocquevilles Spuren durch die USA zu reisen?
Das war die Idee ... ach, eigentlich war es ein richtiges Märchen. Die Leute von The Atlantic, dem großen alten amerikanischen Magazin, haben mich aufgesucht und gesagt: Amerika ist in der Krise, wir stehen am Scheideweg. Das war vor dem Irak-Krieg und den letzten Präsidentschaftswahlen, und sie suchten einen Blick von außen. Um ganz offen zu sein, habe ich erst einmal abgelehnt, ich hielt es für außerhalb meiner Reichweite.
Aber sie haben dann sehr überzeugend insistiert und mir die Hilfe ihres Netzes von Korrespondenten angeboten, da habe ich mich hinreißen lassen. Eigentlich bin ich dann aber nur meinen Interessen gefolgt, habe mir Gefängnisse angesehen, Museen, Kirchen, Indianerreservate, mythische Orte aufgesucht und ganz normale. Norman Mailer habe ich getroffen und Sharon Stone, es war eine absolut willkürliche Auswahl. Das Buch erscheint übrigens zuerst in den USA und später in Frankreich.
Als atheistischer französischer jüdischer Intellektueller sind Sie nicht gerade der Prototyp dessen, was man in ländlichen Gebieten Amerikas gerne die Einfahrt entlangkommen sieht. Wie ist man Ihnen begegnet?
Weit herzlicher als einem Amerikaner, der dasselbe Vorhaben in Frankreich durchführen müßte. Es gab eigentlich kaum persönliche Animositäten oder gar frankophobe Äußerungen.
Gab es politische Animositäten?
Klar, jede Menge, wie überall. Zum Beispiel wenn ich eine fundamentalistische Mega-Church in Illinois besuche und meine Gesprächspartner spüren, daß mir ihre Absichten mißfallen und ich ihre Ansichten für gefährlich halte - ich verhehle das ja nicht. Doch waren da keine Vorbehalte gegen mich als Person zu spüren.
Hat man sich denn überhaupt für Ihr Vorhaben interessiert?
Oh ja. Zwei Dinge unterschätzt man immer: Dieses einst als so pragmatisch beschriebene Land, das Land nach den Ideologien, wo der Utilitarismus das Denken prägt, ist heute der Schauplatz heftiger ideologischer Auseinandersetzungen, die weit lebhafter geführt werden als in europäischen Ländern. Und zweitens: In dieser ideologischen Debatte ist die Frage nach dem Verhältnis zu Europa, nach den europäischen Wurzeln der USA, nach der Rolle, die das gemeinsame Erbe in der amerikanischen Gegenwart und Zukunft zu spielen hat, die wichtigste Frage. Die Antworten gehen quer durch die Parteien.
Können Sie ein Beispiel nennen? Wir waren vorhin bei den Mega-Churches ...
Ja. In diesen großen baptistischen Kirchen entsteht meiner Meinung nach gerade etwas Neues, eine neue Religion. Dort predigt man von einem nahen, alltäglichen Gott, der reine Präsenz und Sympathie ist, ein Nachbarschaftsgott. Das scheint mir doch ein unausgesprochener Bruch mit der jüdisch-christlichen Tradition, ja sogar mit den traditionellen protestantischen Kirchen, die ja immer noch einen Begriff von Transzendenz, Distanz, von Geheimnis und Offenbarung hatten. Es ist nicht ganz klar, wohin das führt. Das ist eine echte Frage, und sie ist stellvertretend für das, was im ganzen Land vor sich geht.
Es gibt auch einige für amerikanische Leser sicher ungewöhnlich offenherzige Schilderungen. Zum Beispiel waren Sie in Partnertauschclubs, in Bordellen.
Ja, das ist auch für einen Europäer schockierend, aber aus ganz anderen Gründen. Ich habe das mit den Augen eines übrigens nicht mal sonderlich libertinären Franzosen gesehen und mußte schon Staunen über diesen Puritanismus, der im ganzen Lande blüht. Ein amerikanisches Bordell ist wirklich kein Ort der Ausschweifung. Da steht links neben dem Bett die Fahne, rechts liegt die Bibel, und darüber haben sie eine Kamera, die filmt, ob der Typ auch alles nach den Regeln macht. An der Wand hängt eine detaillierte Preisliste, und es besteht Kondomzwang, selbst wenn der Kunde dem Mädchen nur beim Striptease zusieht. Da ist viel Heuchelei im Spiel, übrigens bei konservativen wie bei fortschrittlichen Amerikanern.
Überrascht waren Sie auch von der Kadettenlehranstalt der Luftwaffe.
Ja, das gehörte zu den guten Überraschungen. Ich war bei der Militärakademie von Colorado Springs, die die Luftwaffenoffiziere ausbildet. Das sind oft Demokraten. Sie identifizieren sich gar nicht mit der Kultur des Krieges. Sie mögen den Krieg nicht besonders. Sie haben erst recht kein imperiales Temperament und waren in der Mehrzahl gegen den Irak-Krieg.
Ihre Beschreibung von Präsident Bush war sehr sorgfältig, fast dachte ich beim Lesen, Sie empfinden Mitleid oder gar Sympathie für ihn.
Nein, da irren Sie sich. Ich habe keine Sympathie für ihn. Mich erstaunt die Mittelmäßigkeit, der Mangel an Statur, wie wenig er für den Job geeignet ist.
Sie beschreiben ihn als verängstigtes, früh alt gewordenes Kind, beschreiben seine Geschicklichkeit im Umgang mit einem andersdenkenden Publikum, indem er einfach alle beim Vornamen nennt.
Er ist in gewisser Hinsicht ein ganz geschickter Mann, das ja. Aber man kann ein geschickter Politiker sein und trotzdem ein Kretin.
John Kerry hingegen mußten Sie erst aufwecken.
Das war nur ein Vorwand seiner Mitarbeiter. Denn obwohl weder die amerikanische Bevölkerung noch Kerry selbst frankophob sind, herrschte in seinem Stab die Überzeugung, ein Treffen mit einem französischen Schriftsteller könne dem Kandidaten irgendwie schaden. Also durfte ich zwar in der Wahlkampfmaschine mitfliegen, wurde aber nie zum Interview gebeten. Als dann irgendwann der vierzehnte Reporter eines drittklassigen Regionalblatts aufgerufen wurde und ich immer mit dem Spruch abgewimmelt wurde, der Kandidat schlafe gerade, ist mir der Kragen geplatzt, und ich habe damit gedroht, über die Presseagenturen zu verbreiten, daß John Kerry den ganzen Tag pennt. Das hat dann geklappt. Ich war dann übrigens von Kerry sehr beeindruckt.
Was Sie oft irritiert und manchmal auch amüsiert, ist dieser Trend zur Musealisierung von allem und jedem in den Vereinigten Staaten, vor allem auf dem Land.
Das hat mich an Nietzsche erinnert. Dort geht es auch um das antiquarische Interesse. Wenn man nicht mehr weiß, wer man ist, und von einem Schwindel erfaßt ist, dann kann man nicht mehr zwischen wichtigem und unwichtigem Andenken unterscheiden. Das ist der Mensch des Ressentiments. Ihm ist die Fähigkeit, zu vergessen, verlorengegangen. In den USA ist das der Fall. Dort ist man angesichts der Frage, was man ist, was man zu werden im Begriff ist, von einem Schwindel erfaßt, den ich american vertigo nenne, daher der Titel des Buches. Und wenn sie nicht wissen, was die Zukunft bringt, und sie das ängstlich und furchtsam macht, dann hängen sie sich an jedes Detail. Alles wird musealisiert bis hin zu den ärgsten Exzessen.
Die John-Kerry-Käseplatte ...
Ich wohnte in Chicago in demselben Hotel, in dem auch John Kerry während des Nominierungsparteitags der Demokraten absteigen sollte. In meinem Zimmer befand sich neben dem Bett eine Käseplatte, und daneben stand die stolze Erläuterung, daß eine identische Platte Kerry serviert werden wird. Er wurde erst einige Tage später erwartet. Er hatte den Käse noch gar nicht gegessen, es war gewissermaßen die antizipierende Musealisierung eines Tellers Käse.
Tocqueville kam aus den USA mit einer ganzen Reihe demokratietheoretischer Empfehlungen zurück. Was können wir lernen?
Zuallererst die Integration der Fremden. Die USA sind eine Maschine, um aus Einwanderern Amerikaner zu machen. Da hat Europa viel nachzuholen. Für Europäer sind die USA der Beweis, daß Europa möglich ist. Der kulturelle Unterschied zwischen einem Hispanic aus San Diego, einem Koreaner aus Seattle und einem Iren, der in Baltimore lebt, ist weit größer als zwischen einem Berliner und einem Pariser. Vor allem aber gefällt mir einfach diese poetische Idee einer Nation, die nichts dem Vergangenen schuldet, aber alles dem projizierten Bild einer noch kommenden Gemeinschaft.
Sie haben keinen Führerschein. Wie sind Sie überhaupt herumgekommen?
Ich hatte einen Chauffeur und saß neben ihm, genau so wie es Jack Kerouac in On The Road empfiehlt, in einem Zustand poetischer Wachsamkeit den Horizont absuchend.
Interview Nils Minkmar
Bernard-Henri Levy: American Vertigo. Random House, 320 Seiten, ca. 25 US-Dollar, ab 24. Januar
Buchtitel: American Vertigo
Buchautor: Levy, Bernard-Henri
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.01.2006, Nr. 3 / Seite 24
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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