
Das ist ein hellsichtiger Artikel bis genau zu dem Punkt, wo Herr Schürner beginnt, historische Vergleiche zu ziehen. Die baltischen Staaten gab es schließlich schon mal bevor sie von Stalin einkassiert wurden. Ihre Wiederauferstehung ab 1989 ist also ungefähr so überraschend wie die Neugründung von Sachsen - und hat daher mit der Aushöhlung des belgischen Staates, in dem man schon sehr lange zwei höchst unterschiedliche Volksgruppen identifizieren kann, nichts zu tun.
Anstatt hier billig und reißerisch unseriös zu werden, wäre es für Ihr Publikum sehr interessant (und für die FAZ vermutlich etwas anspruchsvoller) zu erfahren, welche Reaktionen bisher aus Deutschland erfolgt sind und welche Auswirkungen die belgische Staatskrise auf Deutschland und Europa haben könnte.

Ich habe ein paar Fragen, die in den Bereich Staatsrecht fallen, wenn es wirklich soweit kommen sollte:
Flandern muss sich einseitig unabhaengig erklaeren. Wie wuerde sich dann eine Aufnahme Flanderns in die EU gestalten? Muesste Rest-Belgien nicht zustimmen?
Bekommt Flandern dann den Euro?
Soweit ich dies mit meinen belgischen Kollegen vor Ort diskutieren, halten die Meisten das fuer eine, von Politikern gefuehrte Diskussion, die von den Medien angefacht wird. Belgien hat wohl die hoechste Polikerdichte pro Einwohner.
Im taeglichen Leben vor Ort kann ich noch zwei Beobachtungen hinzufuegen:
1. Belgien ist durch den erheblich kleiner Markt signifikant teurer. Autos, Lebensmittel, Versicherungen, einfach alles. Die intelligenten Flamen wissen, dass sich dies bei einer Verkleinerung des Marktes um ein Drittel noch verschaerfen wurde. Somit stellt sich die Frage was der Einzelne dabei gewinnen soll.
2. Zur Steuer: In Europa zahlt man Steuern am Arbeits-, nicht am Wohnort. Zur Zeit pendeln 200-300 Tausend Flamen nach Bruessel. Bei einer Teilung des Landes mit Sonderstatus Bruessel, verbleibt die Lohnsteuer in Bruessel und geht nicht nach Flandern.
Somit glaube ich, dass die sprachlich / kulturellen Aspekte ueberwiesen.

@Klaus P. Lücke: Sie haben da völlig recht, nur befürchte ich, reicht das nicht aus. In Deutschland ist es immer noch so, dass, wer bei den bürgerlichen Parteien was werden will, muss durch deren „Schule“, sprich: muss von den Seilschaften der beiden christlichen Konfessionen gefördert werden. Natürlich erwarten die Kirchenfürsten, dass man ihnen das dankt – in Heller und Pfennig, wenn’s geht. Warum sind die großen - und als solche durch Jahrhunderte durch Raub erworbene - Kirchenvermögen noch nicht enteignet? Ich rede hier von dem Vermögen, das man durch Ablassverkäufe, Ketzer- und Hexenverbrennungen dem Volk abgepresst hat. Das sind durch kriminelle Akte erworbene Reichtümer!? Die politische Macht in Deutschland geht immer noch über die Kanzel – nicht nur in Bayern.

Der Umstand, dass Religionen bzw Konfessionen auch in Deutschland ausgesprochene Spaltpilze sind, ist nicht neu , vor allem nicht erst seit der 'gerade erreichte(n) „nationale(n) Einheit"'. In diesem Zusammenhang muss vor allem an den Dreißigjährigen Krieg erinnert werden, und der liegt schon einige Jahrhunderte zurück. Seit der Reformation ist Deutschland (geistlich) gespalten, zum Glück - trotz eines gewissen Nord-Süd-Gefälles - nicht mit klaren regionalen Grenzen. Die konfessionelle Spaltung - und jetzt kommt sogar noch der Islam dazu - hat ihren fatalen Beitrag zur sprichwörtlichen deutschen Zwietracht geleistet. Es wird Zeit, dass endlich die die Religionen / Konfessionen in Deutschland aus dem öffentlichen Leben - angefangen in den Schulen - verschwinden. Dann zumindest ist ein Spaltpilz weniger vorhanden.

... we eh ! Das hat man besonders nochmals nach der Überwindung des Ost-West-Gegensatzes gesehen, als ethnisch - meist unter militärisch-politischem Druck - zusammengewürfelte Kunststaaten reihenweise auseinander fielen: Tschechoslowakei, Jugoslawien, Sowjetunion ... , und jetzt bald Belgien (was ohnehin längst überfällig gewesen ist !). Die reine Kopfgeburts der multinationalen Gebilde zeichnet sich - auf jeden Fall auf längere Sicht - nur durch eines aus: Zerfallserscheinungen. Auch der EU dürfte dieses Schicksal über kurz oder lang beschieden sein, spätestens dann, wenn Deutschland nicht mehr den Zahlmeister spielen wird. Denn die 'Einbindung' Deutschlands und die Nutzung seiner Pfründe sind die wenigen handfesten Motive, die es für die EU gibt (Freihandel kann man auch ohne dieses Gebilde haben). Gemeinsamkeiten innerhalb der EU sind - im Unterschied zum Konfliktpotential, wie man regelmäßig hört - gering, und wenn, werden sie durch Kompromisse und /oder Zahlungen der deutschen Seite kompensiert. Bloß wie lange noch ?

Wieder ein Beleg mehr dafür, dass ein Europa der Nationen bald so zu verstehen sein wird als ein Europa der Natiönchen. Und was Deutschland angeht, scheint die gerade erreichte „nationale Einheit“ eine neue Spaltung zu beinhalten, nämlich die in Konfessionen. Es ist kein Zufall, dass die christlichste aller Parteien, mit ihrem katholischen Rechtsausleger CSU und ihren katholischen Mehrheiten in vielen westlichen Bundesländern die nördlichen und östlichen Protestanten permanent herausfordert, zuletzt übrigens mit der bayrisch-nordrheinwestfälischen Rechtschreiballianz. Was war denn das, als Deutschland plötzlich zweierlei Duden herausgeben musste, wenn auch nur zeitweise? Ich vermute dahinter den alten Konflikt zwischen liberal-konservativen „preußischen“ Protestanten und bayrisch-saarländischen-deutschnationalistischen Katholiken. Auch wenn vielleicht die Abspaltung Bayerns derzeit nicht mehr droht (oder gar des Saarlands), aber die Spaltung einer CDU ist durchaus möglich. Und ich denke, dass auch eine SPD nachdem sie längst ihren „Sozialismus“ über Bord gekippt hat und sich am national-konservativen Mittelstand orientiert, einem eben solchen Schicksal verdächtig nahe gerückt ist.

Die europäischen Politiker fördern überall im Europa die Einigkeit mit allen Mitteln, obwohl sie in anderen Ländern separatistische Gruppen nach dem Motto "divide et impera" unterstützen. Wir sehen aber, dass nur dann die Menschen miteinander leben können, wenn sie wollen.

Ich kann Herr Winkler nur recht geben. Ich lebe zeit 1968 in Deutschland und kann mir nicht an einen objektiven politischen bericht über Flandern in den Deutschen Medien erinnern.
Ich hatte nämlich immer den eindruck dass man seine Informationen immer nur bei der frankophone Brüsseler geholt hat und nie die mühe gemacht hat sich mal an ort und stelle zu informieren.

Ich finde es erschreckend, dass eine rechtskonservative Zeitung wie die FAZ einen rechtsextrem-nationalistischen Politiker der Partei Vlaams Belang wie Filip de Winter als rechtskonservativ bezeichnet. Gerade Sie sollten Wert auf die Unterscheidung legen.

Wenn man sich liebt, steht man zusammen ganz gleich was die Mitglieder voneinander trennt und man teilt sich Leid wie Glück.
Liebt man sich nicht, dann gönnt man dem anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln, selbst der winzigste Unterschied wird zur unüberbrückbaren Kluft und es ist auf die Dauer unmöglich in einem Haus zu wohnen. Dann geht man vernünftigerweise auseinander und trifft sich nur alle Jahre zu Weihnachten.
Freilich darf man dann aber nicht erwarten, dass an der Weihnachtstafel eitel Sonnenschein herrscht und jeder dem anderen selbstlos gibt auf dass ihm gegeben werde - im Gegenteil, jeder reißt dann an und hofft auf ein möglichst großes Geschenk, hat aber selbst nur ein Stück Kohle für den anderen übrig.

ist interessant aber nicht gut genug recherchiert. Er gibt nur das wieder, was bereits allseits bekannt ist. Hinzu kommt, dass - wie meine Mitkommentatoren anmerkten - hier Begriffe der allgemeinen Staatslehre miteinander verwechselt werden: Nation, Staat, Nationalstaat, Regionen. Belgien ist kein Nationalstaat. Vielmehr ist Flandern dabei, als Nationalstaat aufzuerstehen und Belgien als Zweckverband zu verschwinden. Das ist natürlicher geschichtlicher Prozess und für jemanden wie ich, der schon oft in Belgien und speziell in Brüssel war, voraussehbar. Der Vergleich mit den Bundesländern ist abwegig, da Deutschland als spät entstandener Nationalstaat ziemlich homogen ist. Die Vorstellung von "Deutschland" als geographisch, ethnisch-soziologische Einheit (Nation) gab es bereits vor Entstehung des Nationalstaates Deutschland (XIX. Jhd).

erstmals in den deutschen Medien ein wirklich kenntnisreicher und - vor allem gegenüber den Flamen - fairer Bericht. Sonst werden die Flamen - zuletzt in einem Bericht der Brüsseler Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung - als kleinkariert, rückständig, gar nationalistisch hingestellt.

Herr Grubel hat recht. Der Vergleich mit den neuen Bundeslaendern via Verweis auf monetaere Transferzahlungen macht keinen Sinn. Ausserdem ist zu beachten, dass bei uns im Westen wie im Osten die gleiche Sprache gesprochen wird, dies kann kann nicht ueberschaetzt werden.
Ansonsten ist Ihnen aber ein hochinteressanter Artikel gelungen. Tatsaechlich wird die Tendenz zu Nationalstaaten die in Europa vielleicht wichtigste Bewegung der naechsten 20 Jahre werden. Also weiter Augen auf und bitte einen offenen Umgang mit dieser Entwicklung.

...aber hat es auch, um mal Henry Kissinger zu zitieren, eine Telefonnummer? Wenn alle sich in der frohen Zukunft in Regionen und Regiönchen tummeln, wer entscheidet dann für's Ganze, zB im Militärbereich oder in Wettbewerbs-, oder Steuerfragen? Diese Themen sind ja heute schon ein riesiger Problemhaufen, in dem keine übergeordnete Einheit in Sicht ist und jeder Fortschritt Dekaden dauert. In einer sich beschleunigenden globalisierten Welt wird es fraglich, ob diese Zeit noch da ist. Die deutsche Überwindung der Kleinstaaterei war ein Riesenfortschritt. Aber werden die europäischen Regionen gerne zentrale Kompetenzen wieder an eine gemeinsame Zentrale abgeben wollen?

Wie gerade geschrieben, finde ich diesen Artikel sehr gut. Aber wieso haben Sie als Überschrift "Ein Nationalstaat zerfällt" gewählt? Belgien ist doch kein Nationalstaat, sondern ein Staat, der aus zwei Nationen besteht. Ein Nationalstaat ist ein Gebilde, bei dem sowohl Nation als auch Staat deckungsgleich sind. Das Wort wird leider überall falsch gebraucht. Wirkliche Nationalstaaten gibt es nur sehr wenige. Vielleicht Island?

Ich kann die ganzen "Oje, Belgien fällt auseinander" und "Separatismus ist ja so furchtbar"-Artikel, die besonders in Deutschland verbreitet zu sein scheinen, nicht mehr lesen. Umso besser dieser Artikel, der aufzeigt, dass es alles andere als eine Katastrophe ist, wenn ein Staat zerfällt. Wenn die Menschen in diesem Staat nicht mehr zusammen leben möchten, wieso soll man den Auseinanderfall gewaltsam verhindern?
Genauso im Baskenland und in Katalonien: Die Spanier hassen sowohl Basken als auch Katalanen bis aufs Blut, jegliche Trennungsallüren regionaler Politiker gelten aber gleich als ultimativer Affront. Wenn man sie eh nicht leiden kann, wieso lässt man sie dann nicht einfach gehen? Aber ja: Als Eurolieferant taugen die Katalanen anscheinend dann doch noch...

ich stimme ihnen zu, dass die ebenfalls autonome deutschsprachige Südostregion erwähnt hätte werden sollen.
Allerdings denke ich nicht das es an deutschen politikern sein sollte, den vorschlag zu machen eupen malmedy wieder an D anzuschließen wenn belgien zerfällt.
Diese initiative zu so einem prozess müsste auf jeden fall von der betroffenen bevölkerungs in der obig genannten region kommen und danach würde es an deutschen politikern sein zu entscheiden, ob wir einem eventuellen wunsch nachkommen oder ob es nicht im besten interresse D`s wäre eupen-malmedy wieder zu integrieren.

Belgien löst sich auf - und das ist auch gut so! Es ist die logische Konsequenz eines künstlichen Gebildes, mit dem zusammengezwungen wurde, was nicht zusammengehört - und gleichzeitig getrennt wurde, was zuvor eine Einheit bildete.
Nehmen wir mal als Beispiel Luxemburg: der östliche Teil ist ein unabhängiger Staat, der westliche Teil gehört als Provinz Luxemburg zu Belgien. Im Norden wurden beide Teile entlang der Sprachgrenze zwischen Deutsch und Französisch geteilt, im Süden wurde Arel bzw. Arlon als überwiegend deutschsprachige Stadt dem französischen Teil zugeschlagen - vermutlich, um überhaupt irgendeine größere Stadt in der Provinz Luxemburg zu haben.
Limburg Ost gehört zu den Niederlanden, Limburg West zu Belgien. Brabant Nord gehört zu den Niederlanden, Brabant Süd zu Belgien. Wieso die Gegend um Eupen zu Belgien gehört und nicht zu Deutschland, wissen vermutlich nicht mal die Belgier selbst. Was soll das ganze?
Denkbar wären doch viele verschiedene Szenarien, die über eine simple Aufteilung in Wallonien und Flandern hinausgehen. Weshalb nicht Luxemburg wieder vereinen? Weshalb nicht Brabant wieder vereinen? All dies wäre sinnvoller als das heutige "Belgien".

Dirk Schümer meint, daß mit Belgien ein Nationalstaat zerfalle. Um das genau handelt sich im Falle Belgiens gerade nicht. Belgien wurde von Großbritannien als kontinentales strategisches Glacis konstruiert und auch so benutzt; die nationalen Besonderheiten des zusammengewürfelten Territoriums, das sich nach dem Ersten Weltkrieg auch noch rein deutschsprachige Gebiete einverleibte, waren für Großbritannien nicht relevant. Konstrukte wie Belgien werden auf Dauer keinen Bestand haben und wir sollten ihnen keine Träne nachweinen. Im übrigen dürfte es mittlerweile kein Schaden sein, wenn ein Land keine Regierung hat, denn diese richten mehr Schaden an als daß sie Nutzen stiften.

Schade eigentlich, dass man das damals nicht schon erkannte, als man die europäische Regierung so ungeschickt in Straßburg, Luxemburg und Brüssel über drei Länder zersplitterte. Das mehrsprachige Belgien hätte sich angeboten als Europa-Zentrale, so wie der Capital District of Columbia als Hinterland für die Stadt Washington dient.

Wieso Nationalstaat? Nationalstaaten sind ja gerade auf ethnische Homogenität ausgerichtet; die Staaten, die jetzt zerfallen - wie die genannten Beispiele Serbien (Kosovo etc) zeigen - zeichnen sich gerade dadurch aus, daß sie bestimmte Bevölkerungsteile nicht integrieren konnten. Was entsteht, sind gerade Nationalstaaten. Insofern trifft das instinktlose Beispiel der neuen Bundesländer gerade nicht, weil es sich hierbei eben nicht um einen unterdrückten Bevölkerungsteil handelt. Natürlich sind Nationalstaaten an sich widersinnig, aber der Staat selbst muß von allen gewollt sein, eine integrative Kraft aufweisen und so verschiedene Bevölkerungsteile auf ein gemeinsames Ziel vereinen können. Stammesstolz steht dem entgegen, wenn er den anderen Bevölkerungsteil für nicht vollwertig hält. Interessant dürfte es sein, wie sich die Regionalentwicklung in Frankreich gestaltet.

Eins muss man dem belgischen Staat doch hoch anrechnen: Nämlich dass dort keine Sprengladungen unter Strommasten erforderlich sind, um in aller Nüchternheit über eine Trennung des Landes zu reden. In Südtirol wäre - und ist noch heute - eine solche Haltung unvorstellbar. In anderen Teilen Italiens auch, man denke nur an die heftigsten Widerstände der römischen Zentralregierung zum Anliegen der "autonomen" Region Friaul-Julisch Venetien, den eigenen Namen in allen vier Regionalsprachen zu schreiben und den Unterricht der friaulischen, mit dem Ladinischen und dem Räto-Romanischen auf Engste verwandten, Sprache in den Schulen zuzulassen.
Ganz im Hintergrund steht meine weiter Frage, ob es sinnvoll wäre, Flandern an die Niederlande und die Wallonie an Frankreich anzuschliessen. Ich meine, ja, genauso wie es vernünftig wäre, an ein vereinigtes Südtirol innerhalb der Republik Österreich zu denken, statt von einem selbstständigen Staat Tirol zu fabulieren.

Belgien war, dies ist zurecht in der Diskussion kritisiert worden, nie ein Nationalstaat. Ein Belgier sagte mir vor über 20 Jahren: Nur im Ausland sind wir Belgier, ansonsten Flamen, Wallonen und (für die Ostkantone) Deutsche.
Gleichwohl ist es nicht angebracht, den Nationalstaat in den Himmel zu heben. Die so gelobten Franzosen haben in dieser Hinsicht viel Dreck am Stecken, indem sie -aus der Natinalstaatssicht duchaus folgerichtig- in sehr vielen Gebieten die dort gesprochenen anderen Sprachen massiv unterdrückt und einen absoluten Zentralismus, der erst zuletzt etwas zurückgenommen wurde, eingeführt haben. Alles in allem also kein lobenswertes Beispiel.
Da sind die Deutschen und Ialiener, die sich mehr als Kulturnationen begreifen, besser dran. Das sollte auch so bleiben. Die deutschen Länder könnten unter einem europäischen Dach ohne BRD besser leben und ihre speziellen Bedürfnisse viel besser regeln. In den Gremien der EU würde im übrigen der Einfluß der Deutschen per Saldo unglaublich wachsen.
Der Unterschied zwischen einem Nord- zu einem Süddeutschen ist erheblich größer als zu einem Flamen. Die Nationalstaaten, die es im Grunde ja erst seit der französischen Revolutuion gibt, sind vollkommen überflüssig.

Harry LeRoy hat es bereits angesprochen: Es mag ja sein, daß mit Belgien ein Staat zerfällt. Ein Nationalstaat ist es gerade nicht, der da vielleicht zerfällt.
Fehler wie diesen, der noch vor 20 Jahren nicht in der FAZ aufgetreten wäre, macht Ihr Blatt bereits seit längerem zunehmend häufig. Des Leserkollegen LeRoys Wertung, die FAZ sei "altehrwürdig", kann ich mich deshalb nicht anschließen.

...man kann ja nur den alten Preußen dankbar sein - zumindest wenn man Nordseeurlauber ist- daß sie den Friesen die hochdeutsche Sprache in der Volksschule gesetzlich aufgezwungen haben. Wer weiß, sie, die Friesen, würden vielleicht auch ihren eigenen Staat gründen wollen. So wie die Kurden vielleicht. Auf drei Staaten verstreut. Hier aber die Niederlande, die Bundesrepublik und Dänemark.
Als nächstes entdecken die Niedersachsen ihre Sprache wieder und machen es den Friesen nach.

Sprache ist nun mal ein extrem trennendes oder verbindendes Element. Und wenn zusammengewachsen wird was nicht zusammengehört, dann doch lieber in Frieden geschieden als auf ewig gezwistet.
Im Sinne der Selbstbestimmung und der Entwicklung eines gesunden Selbstbewußtseins eines Volkes ist die Selbständigwerdung ein wünschenswerter Vorgang, für beide Seiten. Da könnte man sich am gemeinsamen Tisch des europäischen Hauses auch wieder auf ganz anderem Niveau begegnen.
Im übrigen ein Prozess der wohl für einige Länder, bzw. Völker wünschenswert wäre, die der Grenzziehung der Kolonialmächte zum Opfer gefallen sind.
Der Zerfall eines solchen Kunstproduktes wie Belgien ist zwar beachtlich, aber ist er schlimm? Wird Wallonien untergehen? Man weiß es sowenig, wie man vor ein paar Jahrhunderten voraussagen konnte, dass ein kaum passierbares Land aus Steinschlag und Eis, ohne nennenswerte Rohstoffe oder fruchtbare Böden, heute eines der reichsten Länder der Welt sein würde. Not machte die Schweiz erfinderisch und ein paar andere glückliche Umstände der Geschichte wurden eben gut genutzt (Erfindung der Erholung in den Bergen durch die Engländer zum Beispiel).

Es ist moeglich auch andere Monarchien bald zu toten. In Rumaenien sagt man dass die Monarchie Rumanenien rettet. Das ist aber nicht moeglich in Belgien. Was sagt EU ueber dieses Problem?

>Es wird sich auch bei uns erweisen, ob kommende Generationen von Wählern >weiter großzügig in die neuen Bundesländer à fonds perdu pumpen wollen oder >sich für sparsamere Regionalmodelle entscheiden.
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<br>Sparsame Regionalmodelle? Was sollen denn die Konsequenzen daraus sein?
<br>Eigene Fußballnationalmannschaft für Mitteldeutschland oder Sachsen-Anhalt-Thüringen?
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<br>Dieses Modell ist auf Deutschland wegen seiner jahrtausendalten Zugehörigkeit zu einer Sprach- und Kulturfamilie überhaupt nicht übertragbar!
<br>Außerdem liegt der Mentalitätsunterschied historisch doch eher zwischen Nord und Süd als zwischen West und Ost!
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...würde ich empfehlen. Wenn auch der Seitenhieb auf ein dauer-alimentiertes Ostdeutschland vermutlich nicht als ernstes zeitgeschichtliches Argument gemeint ist, so zeigt doch vielmehr die Wiedervereinigung nach über 40 Jahren Spaltung, wie stark "nationale" Kohäsionsbestrebungen nach jahrhundertelander Vor-Geschichte sein können.
Deutschland wie das Beispiel Belgien zeigen beeindruckend, wie stark sprachlich-kulturelle Gemeinschaften wirken: bindend nach innen, abgrenzend nach außen.
Die vielen neuen kleinen Staaten im ehemals kommunistischen Mittel-/Osteuropa sind insofern doch wohl Rückkehr zu einer Art naturwüchsiger Normalität (nämlich Ausdruck sprachlich-kultureller, teils auch religiöser Homogenität) nach den über viele Jahrhunderte von fremden Mächten aufgezwungenen Staatengebilden.
Vorsicht im übrigen bei den feuchtaugigen Visionen eines gesammelten Europa, in dem nicht mehr Nationen, sondern Regionen miteinander glücklich werden. Dazu wäre sicher vieles mehr zu sagen, aber jedenfalls hier: Dass Europa trotz allem immer noch zumindest halbwegs funktioniert, hat auch damit zu tun, dass ein paar große Nationen mit der überwiegenden Mehrheit aller EU-Bürger das Geschäft vorantreiben.

Selbst die altehrwürdige FAZ schließt sich nun dem eigenartigen Abgesang auf den guten alten Nationalstaat an und verkennt dabei, dass hier genau das Gegenteil der Fall ist: In Belgien zerfällt nicht der Nationalstaat, nein Belgien zerfällt wegen des Nationalismus der Flamen und Wallonen. So ist es auch in allen anderen Teilen Europas: Die Katalanen bezeichnen ihr Land als Nation und ebenso ist dies in Schottland; zwar mag es in Italien die Lega Nord geben und ähnliches auch in Deutschland denkbar sein, aber sprachlich und kulturell homogene Staaten, also echte Nationalstaaten, wie Deutschland, Frankreich, Dänemark, Schweden, etc. werden von solchen Tendenzen nie erfasst werden.
Ganz gleich wie lose ihr politisches Band auch geknüpft ist zwischen ihren politischen Gebilden: Man denke an Deutschland oder Italien, welche sich selbst immer als Einheit betrachteten, selbst bei völliger politischer Zersplitterung: Nicht umsonst hat Luther einst an den christlichen Adel deutscher Nation geschrieben oder Machiavelli die Vertreibung der Barbaren aus Italien gefordert.

Zitat aus dem Artikel von Dirk Schümer:
"Aus deutscher Perspektive zeigt der Verfall Belgiens, dass eine Nation mit eingebautem Wohlstandstransfer nur schwer überlebt. Es wird sich auch bei uns erweisen, ob kommende Generationen von Wählern weiter großzügig in die neuen Bundesländer à fonds perdu pumpen wollen oder sich für sparsamere Regionalmodelle entscheiden."
Mußte ja mal einer sagen. Möglichst im Kontext mit Katalonien, Südtirol etc.
Na dann, auferstanden aus Ruinen.

Ein sehr guter Artikel, meiner Meinung nach ist das Thema Belgien in den deutschen Medien zur Zeit unterrepräsentiert.
Eine Frage, eine sehr drängende wie ich finde, wird in diesem Artikel allerdings nicht behandelt. Was passiert im Falle einer Teilung Belgien mit dem deutschen Teil? Ein Streifen des östlichen Belgien ghörte bis 1920 zum Deutschen Reich und seine heutigen Bewohner sind, sprachlich und kulturell gesehen, noch stets Deutsche. Auch verwalten sie sich, wie die Flamen und Wallonen, selbst.
Auch wenn Flandern nach eine Teilung in der Lage wäre als Staat zu existieren, die Wallonie wäre es nicht und würde sich wohl wieder an Frankreich annähern. Eine komplette Unabhängigkeit Ostbelgiens wäre auch problematisch. Würde die deutsche Politik den Vorschlag wagen, ein annektiertes Stück des ehemaligen Deutschen Reiches zu einem Teil der Bundesrepublik zu machen? Man darf gespannt sein.
SPa

als besonders erhellend erweist sich die Betrachtung einer nächtlichen Beleuchtungskarte von Europa.
Man erkennt deutlich ein großes, stark beleuchtetes zusammenhängendes Feld etwa in dem Raum: Ruhrgebiet-Südniederlande-Flandern. Auf dieser Karte werden ganz andere Zusammenhänge sichtbar als auf einer politischen Karte.

Die Hintergründe zur aktuellen Krise Belgiens werden sachkundig dargestellt. Allerdings scheinen Schümer in seiner Schlussfolgerung die Pferde durchzugehen. Er diskreditiert nicht nur den Ausgleichsföderalismus. Neben Flamen kommen auch noch Katalonien, Schottland und Südtirol in den Verdacht baldiger Unabhängigkeitserklärung. Diese Analyse ist mehr als bescheiden. Selbst hat Schümer zuvor die Versäumnisse der Vergangenheit in Belgien aufgezählt: die der Nichtbeachtung, gar der Demütung der anderen Volksgruppe. Italien hat sich davon zum Glück abgewandt, besitzt inzwischen einen vorbildlichen Schutz seiner nationalen Minderheit in Südtirol. Katalonien besitzt ebenso umfassende Rechte, in einer Art Reflex zur Unterdrückung der Franco Ära macht es aber denselben Fehler wie Flandern und steuert auf die Spaltung zu. Cui bono? Niemandem, denn ein EU Beitritt ist nur mit Zustimmung aller Mitgliedsstaaten möglich. Spanien wäre zu Recht eitel genug, dies nicht zuzulassen. Im übrigen: in welchem Wirtschaftsraum verdient Katalonien sein Geld? Würde es außerhalb Spaniens dieselben Vorteile haben? Und eins macht das belgische Beispiel auch deutlich: die Reichen von heute können morgen die Armen sein. Solidarität ist eben keine Einbahnstraße!

Historisch gesehen waren und sind die Nationalstaaten wie wir sie heute kennen ein eher fragwürdiges Produkte des 19. Jahrhunderts. Basken, Schotten, Flamen, Waliser, Katalonen, um nur einige Beispiele zu nennen, die teils mörderischen Auseinandersetzungen ließen sich schon längst im Rahmen einer EU für alle Beteiligten positiv lösen. Deutschland, welches durch alle Jahrhunderte seine förderalistische Struktur nie aufgegeben hat, auch das Deutschland des Ersten, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, können hier als gelebte Universalstaaten aus der Geschichte heraus vorbildlich für ein förderalistisches Europa sein in dem alle Sprachen, Kulturen, Religionen und Ansichten ihren friedlichen Platz nebeneinander haben würden.