Ahmadineschad in New York

Immer nur lächeln

Von Jordan Mejias, New York

Video in voller Größe

25. September 2007 Die Website der Studentenzeitung wankt unter Zugriffsversuchen, und der Fernsehsender der Universität, der sonst auch im Internet anzuklicken ist, bietet nur ein schwarzes Rechteck, wo eigentlich Irans Präsident zu hören und sehen sein sollte. Offenbar stößt die Virtualität wieder einmal an ihre Grenzen.

Wer etwas von dem New Yorker Polittheater miterleben will, das dieser Tage um Mahmud Ahmadineschad aufblüht, muss sich ganz altmodisch reell auf die Demo begeben. Denn hinein in den Saal, in dem der Gast spricht, kommen nur ein paar eingeschriebene Studenten und noch weniger geladene Gäste. Sogar der Campus der Columbia Universität ist für alle Besucher gesperrt, was der Szene davor um so lebhafter zugute kommt.

Bunt gemischtes Volk

Der Verdacht, die Blogger hätten allmählich die Demonstranten in der frischen Luft abgelöst, bestätigt sich hier nicht. Bei allerherrlichstem Sonnenschein, den auch nicht das allerkleinste Wölkchen trüben kann, weht ein Hauch aus den studentenbewegten Sixties über den oberen Broadway. Vor dem schmiedeeisernen Haupteingang der Universität hat sich ein bunt gemischtes Volk versammelt, das untereinander uneins ist. Kaum hat da einer ein handgeschriebenes Plakat mit der Botschaft „Ein Mann der Lügen hat an einem Ort der Wahrheit nichts zu suchen“ über seinen Kopf gehievt, muss er auch schon die Hänseleien seines Nebenmanns ertragen, der sich lautstark darüber amüsiert, dass jemand „Amerika“ und „Wahrheit“ tatsächlich in einem einzigen Satz unterbringen will. Dabei ist doch nur, wie gleich gekontert wird, die Universität als Sitz der Wahrheit gemeint.

Gleichwie, die Fernsehreporter springen aus den Übertragungswagen, die den Broadway säumen, und stürzen sich auf die nicht einmal besonders unterhaltsamen Disputanten. Die jüdische Studentenorganisation Hillel prangert Ahmadineschads Leugnung des Holocaust an, aber auch ISNA, die Iranian Students News Agency, schont nicht den Gast. Auf einem Flugblatt erinnert sie an zwei Teenager, die unter Ahmadineschad wegen ihrer Homosexualität mit dem Tode bestraft wurden. Ein kleines Heer iranischer Flaggenträger versichert: „Ahmadineschad ist kein Vertreter des iranischen Volks“.

Gealterte Studenten

Universitätspräsident Lee Bollinger handelt sich für die Einladung empörte Sprechchöre ein, aber dem „Bollinger must go!“ schallt gleich ein herzhaftes „Free speech!“ entgegen. Das kann weder Steven Michael Gruber erweichen, der aus lauter Wut über seine Alma mater sich für fünfzig Cent von seinem Masterdiplom trennen will, noch die Ehemalige überzeugen, die auf ihrem Plakat bekennt: „Ich schäme mich, eine Alumna zu sein.“ Beide sind erwiesenermaßen keine Studenten mehr, und überhaupt scheint eine Vielzahl der Demonstranten das Studentenalter schon eine Weile hinter sich zu haben. Der mit dem roten Spruchband, das uns die Nachricht bringt, Ahmadineschad sei schlimm, Bush aber schlimmer, ist auch nicht mehr der Jüngste, und wie er nutzt eine ganz Schar weiterer Demonstration den Anlass zur allgemeinen Frustabfuhr. „Hört auf, unsere Soldaten zu töten“ wechselt sich ab mit unverhohlenen Schmähungen der Washingtoner Regierung.

Vom eigenen Avantgardismus überzeugt, ergreift die New Yorker Filiale der Revolutionären Kommunistischen Partei kühn die Gelegenheit, sowohl den Dschihad als auch „McWorld/McCrusade“ den dick verstaubten Gesellschaftsmodellen zuzurechnen. Sitzen die demonstrierenden Studenten also doch bloggend an ihren Laptops und überlassen die Straßenarbeit den Altvorderen? Nein, sie sind zu Hunderten und bald Tausenden im grünen Zentrum des Campus zusammengekommen, und dort veranstalten sie einen Debattentag, bei dem sich Ahmadineschads Fürsprecher allerdings rar machen. Wie gesagt, die Sixties werfen ihre Schatten zurück.

Unermüdlich lächelnd

Es ist ein Ereignis, das die friedliche Demonstration gegen den Besucher und den kritischen Empfang für ihn unter einen akademischen Hut zu bringen sucht. Ahmadineschad, der geschickt auf seine Universitätslaufbahn verweist, glaubt sich keineswegs auf verlorenem Posten. Er begegnet seinen Gegnern, die den Saal und den Campus beherrschen, unermüdlich lächelnd. Es darf wohl von einer Charmeoffensive gesprochen werden. Seine Rede, auch nach draußen übertragen, irrt zielsicher im Vagen umher. Verschwommen seine Beobachtungen zu Wissenschaft und Religion, rätselhaft sein gesamtes Lavieren zwischen Warnung und Versöhnlichkeit. Viel erstaunlicher jedenfalls, was sich davor und danach ereignet.

Bollinger, unter mächtigem Druck wegen seiner Einladung, vermeidet jeden Anschein von Gastlichkeit. Er begrüßt Ahmadineschad als engstirnigen und grausamen Diktator, verteidigt aber sein Recht, auch einen solchen Zeitgenossen zum Gespräch zu bitten. Die Fragen nach der Rede waren nicht versöhnlicher, ja Ahmadineschad konnte ihnen in seinen Antworten nicht immer ausweichen. Der Holocaust? Noch nicht genügend erforscht. Homosexualität? Ein Phänomen, das in Iran unbekannt ist. Frauen? Die besten Wesen, die Gott erschuf. Werden zudem in Iran respektiert. Soll man dann lachen oder weinen, wenn der Gast humane Methoden und humane Wege bei der Lösung von Problemen fordert und es als selbstverständlich bezeichnet, dass eine Universität die freie Meinungsäußerung verteidigt?

Demonstration der Meinungsfreiheit

„Alle Stimmen sollten gehört werden!“ verkündet er wiederum mit einem doch nicht recht gewinnenden Lächeln. Am Broadway Ecke 116. Straße gibt es in dieser Hinsicht keine Probleme. Jeder kann loswerden, was ihm auf der Seele oder sonst wo brennt. Die Polizisten, alle in luftiger, sehr unkriegerischer Sommerkleidung, vertreten sich die Füße vor den Irrgärten aus Metallgittern, die sie für einen gewaltsameren Ansturm von Demonstranten aufgestellt hatten. Dennoch eine gelungene, eine schöne Demo. Vielleicht auch eine Demonstration der Meinungsfreiheit, wie sie dem Gast zu Hause eher nicht genehm ist. So gesehen, haben die Stadt und die Universität ihm eine Lektion erteilt.

Aber wie zum Tango gehören zur Lektion immer zwei. Ahmadineschad ist einer, der sie lieber erteilt als sich erteilen lässt. Er lädt den gesamten Lehrkörper der Columbia University ein, in einer iranischen Hochschule nach Wahl zu sprechen. Und hundert Prozent Respekt für jeden Besucher garantierte er obendrein. Wie aufregend wäre es erst, wenn er das nach seiner Rückkehr auch den Professoren und Studenten an den Universitäten von Teheran oder Täbris anböte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche