Von Martin Otto
16. Mai 2007 Müllerstraße/Ecke Limburger Straße liegt das Rathaus Wedding, ein 1930 eingeweihter Bau des Berliner Stadtbaurates Martin Wagner, ein ordentlicher Klinkerbau im Stil der Neuen Sachlichkeit, daneben ein Erweiterungsbau im Stil der siebziger Jahre, erbaut von Fritz Bornemann, der die Deutsche Oper baute. Das Rathaus Wedding ist kein Bezirksrathaus mehr; seit der Bezirksreform 2001 gehört man zum Bezirk Mitte, die Bezirksverordneten tagen weiter südlich, im Rathaus Tiergarten am Mathilde-Jacob-Platz, benannt nach einer Sekretärin der Rosa Luxemburg. Auch vor dem Rathaus Wedding befindet sich eine kleine Platzanlage, doch ist sie namenlos. Ginge es nach der lokalen CDU, die am einstigen Roten Wedding naturgemäß einen schweren Stand hat, hieße der Platz nach Ulrich Biel; zu seinem siebenundneunzigsten Geburtstag, am 17. Mai 2004, sollte er benannt werden.
Doch auch zu dem hundertsten Geburtstag am morgigen Himmelfahrtstag wird kein Platz und keine Straße an Ulrich Biel erinnern; immerhin hatte ihm das Land Berlin Ende der siebziger Jahre eine seiner höchsten Auszeichnungen verliehen, die Ernst-Reuter-Plakette. Für die lokalen Bezirksverordneten ist dies offenbar Ehrung genug; sie wollen bei künftigen Straßennamen nur Frauen berücksichtigen, bis ein Geschlechterproporz auf den Schildern erreicht ist.
Heimlicher Stadtregent
Als Ulrich Biel Mitte der neunziger Jahre dem Mäzen und späteren Ehrenbürger Heinz Berggruen vorgestellt wurde, fragte dieser, was Biel denn die letzten Jahrzehnte gemacht habe. Die trockene Antwort, fast lapidar: die Stadt regiert. Wie das? Im Westteil Berlins regierten bis 1990 zuallererst die alliierten Stadtkommandanten. Biel war 1945 mit der Armee der Vereinigten Staaten im Range eines Hauptmanns nach Deutschland zurückgekehrt. Er trat in den Dienst des State Departement über und entschloss sich 1952, die deutsche Staatsbürgerschaft wieder anzunehmen, in Berlin zu bleiben und mit fünfundvierzig Jahren das Assessorexamen abzulegen. Fortan lebte Biel als Rechtsanwalt und Notar in Berlin, eine graue Eminenz, Fäden im Hintergrund ziehend und um das Wohl der Stadt besorgt. Mit der Landgerichtsdirektorin Marion Gräfin Yorck von Wartenburg bewohnte Biel ein Haus in Dahlem.
Am 17. Mai 1907 wurde Biel im damals selbständigen Charlottenburg als Ulrich Bielschowsky geboren. Die Familie stammte wie bei vielen echten Berlinern aus Schlesien, er war Sohn eines Rechtsanwaltes und studierte seinerseits in Genf, Bonn und Berlin Jura. Die nationalsozialistischen Rassengesetze verhinderten die Justizlaufbahn; die Bonner Fakultät war 1934 noch so mutig, Biel eine zivilistische Promotion zu ermöglichen. Im selben Jahr emigrierte er nach New York. Anders als bei späteren Kriegen planten die Vereinigten Staaten schon sehr konkret für die Zeit nach dem Krieg und sammelten in Weißen Listen Daten über unbelastete Deutsche, denen beim Wiederaufbau eine führende Stellung zukommen sollte. Biel wurde als Berater des Generals Patton eingesetzt und kann für sich wohl das Verdienst beanspruchen, als ein Headhunter avant la lettre Konrad Adenauer für die deutsche Nachkriegspolitik entdeckt zu haben.
Adenauer bedauert sein schlechtes Englisch
Adenauer selbst hat seine Begegnung mit Biel am 16. und 17. April 1945 in seinen Erinnerungen kurz erwähnt; Biel erscheint dort namenlos als ein amerikanischer Offizier, ein jüdischer Emigrant, der meinen Namen kannte. In der Forschung zu Adenauer taucht Biel nicht auf; auch Hans-Peter Schwarz erwähnt ihn in seiner Biographie nicht. Eine Abschrift des Berichtes, den Biel für seinen Vorgesetzten erstellte, findet sich an einem unerwarteten Ort, nämlich in den Akten der für Ordensverleihungen zuständigen Berliner Senatskanzlei. Dort wurde eine Akte zu Biel Ende der siebziger Jahre angelegt, als er für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurde. Sie wird hier erstmals zitiert.
Insgesamt zweimal hatte Biel den früheren Kölner Oberbürgermeister in seinem Haus in Bad Honnef aufgesucht. Biel beschrieb Adenauer als Mann mit so wichtiger Vergangenheit und potentieller Zukunft. Der damals neunundsechzig Jahre alte ungekrönte König des Rheinlands sei im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und bedauere nur seine schlechten Englischkenntnisse; gleichwohl vermisste Biel an ihm die von einem political leader zu erwartende Härte (rigor). Adenauer beklagte in dem offenbar sehr offenherzigen Gespräch eine uneinheitliche Verwaltungspraxis der Besatzungsmacht und Unklarheiten bei den Zuständigkeiten.
Too big a man
Geradezu radikal waren seine Ansichten zur Entnazifizierung. Er unterstütze klar die in Köln praktizierte Linie des kicking out all party members and objects. Die Amerikaner hätten seiner Ansicht nach alle NSDAP-Mitglieder zu beseitigen (eliminate), was immer ihre Entschuldigungen sein mögen. Er nannte Zahlen: 9 Prozent der Bevölkerung, aber 95 Prozent der Richter und 91 Prozent der Rechtsanwälte seien Parteimitglieder gewesen. Adenauer wünschte Sanktionen auch gegen alle non-Nazis and non-ardent-sympathizers, die wirtschaftlich seit 1933 profitiert hätten; viele Funktionäre in Industrie und Wirtschaft waren smart enough, der Partei nie beigetreten zu sein.
Adenauer war andererseits aber auch Realist genug, um ein Ausdehnen der Sanktionen auf alle nominellen Mitglieder nationalsozialistischer Tochterorganisationen (etwa Kraftfahrzeugkorps, Winterhilfswerk und Volkswohlfahrt) für absolut unmöglich zu halten. Adenauers Ansichten zum staatlichen Neubeginn waren sehr bundesstaatlich, gegenüber Berlin sehr skeptisch, wo keinesfalls zentrale Stellen der Alliierten errichtet werden dürften. Ausdrücklich bezog er sich auf preußische Versuche einer Verwaltungsreform vor 1933. Demnach redete Adenauer also keineswegs einer Auflösung Preußens das Wort, auch der immer wieder zu lesende Vorwurf des rheinischen Separatismus findet in dieser Quelle keine Stützung. Adenauers eigener Plan eines deutschen Bundesstaates war für Biel und die amerikanischen Stellen von keinem aktuellen Interesse. Insgesamt war das Urteil von Biel aber positiv: Adenauer sei too big a man, um als a kind of advisor zu agieren. Die Amerikaner sollten ihn ins Bild der wie auch immer geplanten Zonen- oder nationalen Regierung einfügen.
Der Mann muss weg
Ratschläge erteilte der dann in Berlin stationierte Biel dann öfter, und sie wurden in der Regel befolgt. Biel bewog den Sozialdemokraten Gustav Dahrendorf und den Christdemokraten Ernst Lemmer zur Flucht aus der sowjetischen Zone; das naive Bild vom Alliierten Uncle Joe teilte er nie. Auch die Laufbahn Ernst Reuters wurde von Biel gefördert, gegen dessen innerparteilichen Widersacher, den kurzzeitigen Oberbürgermeister Otto Ostrowski. Mittels eines Zettels mit den Worten Der Mann muss weg soll Biel dem allzu russophilen Sozialdemokraten die Unterstützung entzogen haben.
In den sechziger Jahren schloss sich Biel der Partei Adenauers an, von 1971 bis 1979 vertrat er für sie den Wedding im Berliner Abgeordnetenhaus. Heute ist ein negatives Urteil über das politische Personal der westlichen Frontstadt allzu wohlfeil geworden; Biel, der sich bewusst einem christdemokratischen Diaspora-Kreisverband anschloss, würde es vollends nicht gerecht. Die niedere Welt der Kommunalpolitik war Biels Welt freilich nicht.
1996 starb er, bis zuletzt anwaltlich tätig; unter seinen letzten Mandanten waren sogenannte Mauerschützen. Dass noch immer keine Straße an ihn erinnert, muss noch keine endgültige Entscheidung sein. Auch bei Biels größter politischer Entdeckung Konrad Adenauer dauerte die angemessene Würdigung im Berliner Schilderwald mehrere Jahre, und das Bezirksamt Mitte möge einstweilen wenigstens an Biels langjährige Lebensgefährtin, die am 13. April dieses Jahres verstorbene Gräfin Yorck von Wartenburg, erinnern. Die Witwe des Widerstandskämpfers Peter Graf Yorck von Wartenburg, war die erste Vorsitzende einer deutschen Strafkammer.
Dass an den glücklosen Otto Ostrowski in Pankow eine Straße erinnert, zeigt, wie relativ eine derartige Ehrung ist; sich in die erste Reihe zu drängen war nie die Art eines Ulrich Biel.
Text: F.A.Z., 16.05.2007, Nr. 113 / Seite 13
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