Von Michael Gassmann
21. November 2006 Für jeden Kirchgänger ist es offensichtlich: Die Priester sind nicht mehr, was sie einmal waren: nicht mehr Hochwürden, nicht mehr echte Gemeindepfarrer. Seitdem in großem Umfang einstmals selbständige Gemeinden aus Priestermangel zu Verbänden verschmolzen werden, werden die Geistlichen selbst zu Gehetzten, zu Vielfahrern, zu Verwaltern eines großflächigen Territoriums. Von ihrem Pfarrer bekommen die Gemeinden immer seltener etwas zu sehen, Laiengremien gewinnen an Gewicht, Pastoralreferenten sind auf dem Vormarsch. Wie gehen Priester damit um?
Die Katholische Akademie in Bayern lud jüngst zu einer Fachtagung, um eine Beantwortung der Frage zu versuchen. Akademiedirektor Christian Schuller benannte eingangs die allbekannten strukturellen, personellen und finanziellen Verwerfungen, verwies auf die fremden Umgangsformen, mit denen sich immer mehr hiesige Gemeinden durch den Einsatz ausländischer Priester konfrontiert sehen, und umriß ein verändertes, nicht länger sakramentales Verständnis von Kirche.
Die vier Priester-Typen
Glaubt man der jüngeren deutschsprachigen Literatur, so Elisabeth Hurth aus Wiesbaden, dann sind Priester Verletzte, Vereinsamte und Zweifelnde - oder aber, in der Trivialliteratur, charmante Zulieferer ländlichen Kolorits. Ein mystisch-sakrales, fast prophetenhaftes Priesterbild, wie es noch 1952 Edzard Schaper in seinem Roman Die Macht der Ohnmächtigen zeichnete, malt sich heute keiner mehr aus.
Wie sehen sich die Geistlichen selbst? Paul M. Zulehner (Wien) legte Ergebnisse statistischer Erhebungen auf den Tisch. Demnach gibt es vier Typen des Priesterselbstbildes: erstens den zeitlosen Kleriker, weltabgewandt, christuszentriert, unkritisch; zweitens den zeitnahen Kirchenmann, einen professionellen Gremienmenschen; drittens den zeitoffenen Gottesmann, weltzugewandt und seiner Kirche in kritischer Loyalität verbunden; viertens den modernen Gemeindeleiter, einen weltverwandten Bruder unter Brüdern und Schwestern.
Zum Priesteramt berufen
Mit einer weiteren Erhebung erregte Zulehner besonderes Interesse: Unter den Theologiestudenten bezeichnen sich viele als zum Priesteramt berufen, aber nur ein kleiner Teil von ihnen läßt sich tatsächlich zum Priester weihen. Die von allen erwartete Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür lautet natürlich: Es ist der Zölibat! Und in der Tat geben 83 Prozent der Studenten ebendies als Grund für den Absprung an.
Bemerkenswert ist aber, daß andere Gründe ebenfalls hohe Prozentsätze erzielen: Ich kann mich doch nicht lebenslang binden, äußern fast zwei Drittel der Befragten, mehr als die Hälfte empfinden Unsicherheit über die Entwicklung der Kirche, kaum weniger sagen: Ich kann ebensogut als Laientheologe tätig sein. Bietet also der Zölibat eine naheliegende Entschuldigung für den Rückzug, hinter der sich auch andere Motive verbergen?
Kein klares Berufsfeld für Priester
Karl Heinz Neufeld (Innsbruck) sah ein anderes Problem: Der Theologie wie den Priestern sei ein klares Berufsbild abhanden gekommen. Konnte den Klerikern des neunzehnten Jahrhunderts im Pfarrer von Ars das Vorbild des Priesters, der immer für andere da ist, vor Augen stehen, im zwanzigsten die Figur Romano Guardinis als Verkörperung einer Verbindung von Seelsorge und Wissenschaft oder auch Henri Perrin als mustergültiger Arbeiterpriester, so brachte das zweite Vaticanum durch die Aufwertung der Bischöfe wie der Laien den Priester in eine unkomfortable Sandwich-Position: Vom Konzil kaum beachtet, verblaßte sein Bild.
Übrig blieb der Gemeindeleiter. Neufeld schlug vor, in der gegenwärtigen Krise das Bild des Vorläufers wie auch des Rufers in der Wüste zu reaktivieren, mußte sich aber aus dem Auditorium die spitze Frage gefallen lassen, ob man Priesteramtskandidaten überhaupt auf die Funktion des Propheten hin ausbilden könne und ob im Bild des Rufers nicht die Preisgabe der Gemeinden schon inbegriffen sei.
Abgrenzung zum Dienst der Laien
Karl Berkel (München) propagierte den Priester als Manager. Um sich für seine Position kirchenamtlichen Rückhalt zu verschaffen, übersetzte er aus der Konstitution über die Kirche, Lumen Gentium, Passagen unseriös frei: Indem er recognoscere zu führen verfälschte und ministratio zu Dienstleistung, versuchte er seiner Argumentation Scheinplausibilität zu verleihen. Die durchweg lateinkundige Zuhörerschaft reagierte befremdet. Für die Großgemeinden forderte der Organisationspsychologe und Personaltrainer apersonales Management - statt love and trust zu praktizieren müsse der geistliche Manager power and control ausüben. Berkel plädierte so für die Effizienz als Selbstzweck; auf die besonderen Ziele kirchlichen Managements ging er nicht ein.
Ottmar Fuchs (Tübingen) formulierte den Widerspruch: Nicht nach der Aufgabe, sondern nach der Gabe sei zu fragen, nicht nach dem Ziel, sondern nach der Herkunft. In den Priesterdekreten des zweiten Vaticanums sei das Dogma des priesterlichen Amtes stiefmütterlich behandelt worden; dessen Grundlagen müßten, auch in Abgrenzung zum Dienst der Laien, klarer herausgestellt werden.
Der bekennende Laientheologe Rainer Bucher (Graz) mochte sich mit einer solchen Form der Rückbesinnung nicht abfinden. Er forderte statt dessen einen neuen Priestertyp, der nicht länger auf die Repräsentanz einer Machtfunktion, sondern auf die ohnmächtige Repräsentanz des Evangeliums in der Welt vorbereitet werde. Sein Leben müsse entprivilegiert werden, die Priesterseminare müßten in stärkerem Maße Selbstverwaltung üben. Wird es bald Wohngemeinschaften von Wüstenrufern geben?
Text: F.A.Z., 21.11.2006, Nr. 271 / Seite 44
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