Die Zukunft des Kapitalismus (5)

Die nächste Blase schwillt schon an

Von Gunnar Heinsohn

22. Mai 2009 Wie war das möglich? Japans Zentralbanker stellten 2002 geschockt fest: Von acht Yen, die man den Geschäftsbanken geliehen hatte, kam nur ein einziger bei den Unternehmen an! Ihre geldpolitischen Maßnahmen verpufften offenbar wirkungslos: Läppische 0,5 Prozent Zins verlangten sie für ihre Kredite an die Geschäftsbanken, seit sieben Jahren bereits, aus der damaligen Perspektive ein kühnes Unterfangen - dennoch ohne Erfolg! Und selbst als sie später noch mal nachlegten, den Zins noch tiefer, auf 0,1 Prozent und damit real unter null drückten: keine nennenswerte Wirkung!

Stattdessen liehen sich die japanischen Firmen - wie paradox! - Geld bei Kredithaien, im großen Stil, die ihnen dafür mit 20 Prozent Zinsen rund zweihundertmal so viel abknöpften, wie die BoJ den Geschäftsbanken verrechnete. Ähnliches Bild wenige Jahre später in den Vereinigten Staaten: Als die Federal Reserve den Zins von 6,25 Prozent auf 0,75 Prozent senkt und dort volle drei Jahre hindurch belässt, sind auch hier am Ende die Ergebnisse ernüchternd: Von vier Dollar, die bis 2007 in das Bankensystem gepumpt werden, führt lediglich ein einziger zu einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Was war da los? Woran lag diese sonderbare Schwäche, in den Vereinigten Staaten wie auch zuvor schon in Japan?

Alles sei Tausch

In der Krise reicht es nicht, wenn die Zentralbank, hier die japanische, den Zins senkt.

In der Krise reicht es nicht, wenn die Zentralbank, hier die japanische, den Zins senkt.

Diese Frage blieb unbeantwortet: Trotz brillanter Nobelpreisträger und Tausender Fachprofessoren gab es niemanden, der die Zentralbanker über das Wesen von Zins und Geld ins Bild setzen hätte können. Stattdessen hielt man unbeirrt an einer Fiktion fest, an die sich die Nationalökonomie bereits seit ihren frühen Anfängen klammert und die überhaupt nichts erklärt: Die Fiktion einer auf „Tausch“ beruhenden Wirtschaft.

In dieser wird die Bedeutung von Unternehmen reduziert auf eine Art „Teilelager“, die aus ihren Beständen etwas Nützliches für die Bedürfnisbefriedigung zusammensetzen wollen, dafür jeweils passende und unpassende Teile bei sich vorfinden und diese daher so lange hin und her tauschen, bis alle Teile die optimale Verwendung gefunden hätten. Und weil diese Tauscherei ein kompliziertes Geschäft ist, hat sich eines der Teile im Markt allmählich zum Standardgut „Geld“ entwickelt, was das Tauschen kolossal erleichterte, weil unterschiedliche Werte unterschiedlicher Teile jetzt nur noch in diesem einen Teil ausgedrückt wurden.

Auf das Eigentum kommt es an

Der ganze Prozess wäre gleichsam das Wesen der Ökonomie, behauptet diese Fiktion, weshalb man sie am besten „Marktwirtschaft“ nennen sollte. Und es geht noch weiter: Auch Kredit wäre nichts weiter als Tauschen, nämlich über einen längeren Zeitraum hinweg, dergestalt, dass das verliehene Gut erst nach Verstreichen einer gewissen Frist, beispielsweise zwölf Monate, zum Verleiher zurückkehrt; nehmen wir also beispielhalber mal an, bei dem Tausch ginge es um eine Kuh, dann müsste der Verleiher zwölf Monate lang auf deren Milch verzichten, und für diesen Konsumverzicht müsste er entschädigt werden, und diese Entschädigung wäre der Ursprung für den modernen Kreditzins. Sagt die Tauschtheorie. Und das ist falsch. Und weil uns diese Einsicht fehlt, stehen wir Krisen wie der aktuell ablaufenden auch so perplex und hilflos gegenüber.

Tatsächlich ist nämlich alles ganz anders: Geld und Kredit haben mit dem physischen Besitz von Sachen nicht das Geringste zu tun, sie resultieren auch nicht aus realen Tauschvorgängen. Es ist das Eigentum an ihnen, auf das es ankommt, ein nichtphysisches Merkmal also, das man weder sehen noch anfassen kann, ein reines Rechtskonstrukt: aus ihm werden Geld und Kredit geschöpft. Der strengen Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz, in der bisherigen Ökonomie sträflich vernachlässigt, kommt beim Verständnis von Krisen die alles entscheidende Bedeutung zu. Wenn eine Bank einem Kunden Kredit gewährt und damit gleichzeitig neues Geld an ihn emittiert, als Schuldschein gegen ihr Eigentum (wie dies früher häufige Praxis war), dann verliert sie physisch überhaupt nichts, auch nicht zeitweilig. Aber: Ihr Eigenkapital kann sie bis zur vollen Höhe natürlich nur einmal belasten, das heißt: für die Kreditvergabe beziehungsweise die Geldemission als Sicherheit nutzen.

An die wertmäßige Erhaltung dieser Sicherheit ist sie fortan gebunden, sie kann also nicht mehr unbeschränkt darüber verfügen. Dieser Verlust an Freiheit ist es, über sein Eigentum uneingeschränkt verfügen zu können, der mit Zins ausgeglichen werden muss; ein lediglich immaterieller Verlust, durch den die Eigentumsgesellschaft aber ihren Perpetuum-mobile-Charakter gewinnt: Ständig wird etwas Immaterielles aufgegeben, um im Gegenzug eine konkrete Zinszusage zu empfangen. Das Leistungsversprechen, das hinter dieser Zinszusage steckt, verhilft dem Kapitalismus zu seiner historisch beispiellosen Dynamik.

Geld als vergütetes Eingriffsrecht

Geld im modernen Sinne entsteht somit als Eingriffsrecht in das Eigenkapital einer Notenbank, was sie sich mit Zins vergüten lässt. Der Zins ist deshalb nicht der Preis für Geld, über dessen Verbilligung die Zentralbanken den marktwirtschaftlichen Kreislauf wieder in Gang setzen könnten; er ist auch nicht der Preis für den Kredit selbst, denn sonst müssten ja Kredite immer an denjenigen Schuldner gehen, der den höchsten Zins bietet, was aber ja keineswegs der Fall ist. Im Gegenteil: Kredit geht vorzugsweise an den Schuldner, der die besten Sicherheiten stellen kann, und der zahlt dann sogar einen niedrigeren Zins als allgemein üblich.

Die Bank vermutet bei ihm ein besonders geringes Ausfallrisiko, und falls dieses doch schlagend wird, kann sie sich aus einem erstklassigen Pfand bedienen. Diese Sicherheit erhöht die Bereitschaft der Bank, ihr Eigenkapital in der Kreditvergabe und damit uno actu der Geldemission zu riskieren, was sich in einer geringeren Zinsforderung niederschlägt.

Kein Geld ohne Pfand

Im Umkehrschluss gilt: Wer kein verpfändbares Eigentum als Sicherheit stellen kann, der kann auch 100 Prozent und mehr an Zins bieten: er wird trotzdem keinen Kredit bekommen. Und würde ihm - etwa direkt von der Zentralbank - ein Nullzins angeboten, käme er mangels Pfand trotzdem nicht an das Geld: Da Banknoten eine Forderung gegen das Eigenkapital der Zentralbank verkörpern, wäre es kaufmännisch unverantwortlich, diese ohne Hereinnahme entsprechender Pfänder zu emittieren. Aus genau diesem Grund schlichen damals die japanischen Weltfirmen auch zu den Kredithaien: Die verzichteten nämlich auf Pfänder, forderten dafür aber auch 20 Prozent Zins.

Solange die japanischen Superexporteure ihre Waren in die ganze Welt verkaufen und damit riesige Cashflows generieren konnten, war das ein gutes Geschäft, denn selbst Wucherzinsen konnten da relativ komfortabel bedient werden. Aktuell liegen die Dinge aber anders: weil überall auf der Welt Konsumflaute herrscht und infolgedessen die Cashflows der japanischen Exporteure einbrechen, sind derartige Kreditkonditionen nicht mehr zu verdienen. Und das liegt just an den radikalen Zinssenkungen, mit denen die liebenswerten Zentralbanker doch eigentlich nur Hilfe bringen wollten.

Eine Art Zaunwirtschaft

Stellen wir also fest: Unternehmen sind keine Teilelager, sondern Vermögensmassen, die ihre Eigentumsseite gegen Preisverfall und Vollstreckung verteidigen müssen. Das tun sie durch Innovationen, für deren Umsetzung sie Geld in Anlagen und Löhne investieren müssen. Geld, für dessen Erlangung sie Kredite bei Geschäftsbanken aufnehmen, indem sie ihr Eigentum verpfänden und sich darüber hinaus zur Leistung von Zins verpflichten müssen. Ihre Schuldsumme inklusive Zinsen liegt daher immer höher als die im Kredit selbst erhaltene Geldsumme. Wenn sie dieses Mehr am Markt realisieren können, werden ihre Pfänder wieder ausgelöst und damit frei für eine neuerliche Verschuldung und die Fortsetzung des Wirtschaftens. Gelingt es ihnen aber nicht, wird vollstreckt, und sie hören auf, als Unternehmen zu existieren.

Die treffendere Bezeichnung für unser Wirtschaftssystem wäre daher auch „Eigentumswirtschaft“; in anderen Systemen, wie Stammesgemeinschaften und Adelsherrschaften, wird zwar auch produziert und konsumiert, aber in obigem Sinne nicht „gewirtschaftet“. Bildlich kann man sich den Besitz als Acker vorstellen und das Eigentum als den Zaun drum herum: Allen Wirtschaftssystemen gemeinsam ist, dass in die Erde eingesät und abgeerntet, sprich: produziert wird. Gewirtschaftet aber wird allein mit dem Zaun, dessen Belastung und Verpfändung für Verschuldungszwecke einen späteren Verkauf der Ernte auf dem Markt erst ermöglicht beziehungsweise in den im Falle des Scheiterns vollstreckt wird; damit werden jene immateriellen Eigentumsoperationen hervorgebracht, die permanente Innovationen bei der Dienstbarmachung der Ackerkrume erzwingen.

Verschuldung als Verteidigung

Unternehmen verschulden sich mithin also zur Verteidigung ihres Eigentums und nicht wegen eines geringen Zinses, wie dies in Ökonomenkreisen noch immer geglaubt wird. Und schon gar nicht verschulden sie sich ein weiteres Mal, nur weil irgendwo die Zinsen gesenkt wurden. Wenn das Unternehmen einen Wert von beispielsweise einer Milliarde hat und 100 Millionen für die Aufrechterhaltung dieses Werts investieren muss, dann hält ein jährlicher Zins von - sagen wir - 5 statt 3 Millionen die Verschuldung nicht auf. Die 2 Millionen mehr an Zins sind zwar ärgerlich, bleiben aber im Verhältnis zur verteidigten Milliarde von untergeordneter Bedeutung.

Bereits jede gewöhnliche „Standardkrise“ gefährdet Firmen. Wer nicht investiert, reduziert den Wert seines Eigentums und beeinträchtigt dadurch seine Kreditfähigkeit; zehn Fabriken zur Herstellung von mechanischen Schreibmaschinen fallen nach Erfindung des Schreibcomputers im Preis auf null, wenn sie nicht umgehend nachziehen. Und das müssen sie alle, obwohl sie natürlich ganz klar sehen, dass es dadurch zu Überkapazitäten kommen wird: Sie haben also nur die Wahl, durch Nichtstun sofort von der Bildfläche zu verschwinden oder durch rechtzeitige Investitionen vielleicht zu den verbliebenen acht von ursprünglich zehn Firmen zu gehören, die ihre neuen Waren am Markt auch verkaufen können, dadurch wirtschaftlich überleben und durch Tilgung ihrer Bankschulden ihr verpfändetes Eigentum wieder auslösen können. Der brancheninterne Mini-Crash lässt zwei von den ursprünglich zehn Firmen bankrottgehen, weil alle zehn im Kampf ums Überleben ihre Preise senken und damit die Schuldentilgung für alle erschweren.

Krisenfaktoren

In großen Crashs aber, nach Innovationssprüngen auf dem Gebiet des Transports, der Kommunikation oder der Materialien, die alle Branchen umsetzen müssen - wie im Jahr 2000 nach dem Internet-Boom -, führt der Abbau der unvermeidlichen Überkapazitäten zu einem allgemeinen Einbruch von Unternehmenswerten wie auch Eigenkapitalpositionen; bestehende Kreditverpflichtungen werden dadurch über Nacht plötzlich unterbesichert. Eine Kreditsicherheit zum ursprünglichen Preis von einer Million für einen Kredit über eine Million mag so also auf 500.000 oder gar nur 250.000 geschrumpft sein. Derartige Kredite werden in den Büchern der Banken nicht nur faul („toxisch“), sondern gleichzeitig haben die betroffenen Unternehmen für frische Kredite auch keine Pfandmasse mehr. Und ihren Gläubigern bleibt nichts anderes übrig, als die Unterbesicherung aus dem Eigenkapital abzuschreiben und damit den Wert ihres eigenen Eigentums zu verkürzen.

An diesem Prozess vermag keine Bank und erst recht keine Zentralbank auch nur irgendetwas zu ändern, denn beide können den untergehenden Firmen nicht das geben, was sie einzig und alleine retten würde: Sie können ihnen keine zusätzlichen Kreditsicherheiten übertragen und darüber hinaus natürlich auch keine konkurrenzfähige Erfindung verraten, mittels deren sie sich im Wettbewerb gegen ihre Konkurrenten durchzusetzen vermögen. Nur diese beiden Faktoren sind entscheidend! Der Zins hingegen ist für die Unternehmen kaum relevant.

Banken als unverhältnismäßige Größen

Bei den Geschäftsbanken hingegen verhält sich die Sache anders: Was machen die mit den 80 bis 90 Prozent der Zentralbankkredite, die bei den Firmen mangels verfügbarer Kreditsicherheiten trotz Nullzins nicht ankommen? Sie kaufen sämtliche Anlageklassen mit Renditen über null auf - von Rohstoffen über Immobilien bis hin zu Kunstwerken, Staatsanleihen, Firmenaktien oder -anleihen, Hypotheken von pfandlosen Schuldnern oder gleich ganze Konkurrenzbanken. Sie tun das nicht aus Gier, sondern weil sie selbst vom Wertverlust oder vom Verkauf bedroht wären, würden sie auf Fünf-Prozent-Geld beharren, während andere mit den Nullzinsangeboten der Zentralbank profitable Investments tätigen. „Man muss tanzen, solange die Musik spielt“, verteidigte sich Citigroup-Chef Charles Prince deshalb auch durchaus zu Recht.

Das Nullzinsgeld der Zentralbanken wird also nicht in die erhöhte Effektivität oder die Produktionsausweitung von Firmen investiert, sondern lediglich in steigende Preise aller Anlageklassen. Als nunmehr im Preis gestiegene Positionen werden sie als Kreditsicherheiten für die nächste Nullzinsmilliarde bei der Zentralbank verpfändet: Im Ergebnis halten daher 2007 die amerikanischen Banken, die weder produzieren und auch nur fünf Prozent der Erwerbstätigen bei sich beschäftigen, vierzig Prozent aller Schulden in den Vereinigten Staaten - während es 1980 noch „normale“ zehn Prozent waren - und vereinigen gar die Hälfte aller Gewinne auf sich; die erwachsen ihnen vorrangig aus Wertsteigerungen.

Die Kreditsicherheit muss gestärkt werden

Wenn beim Rennen um die Renditen das höchste Preisniveau erreicht ist, auf dem kein Ertrag oberhalb des Nullzinses mehr erzielbar ist, platzt die Blase. Ein Öl-Future, für den man sich 1,5 Millionen so ungemein günstig geliehen hatte, fällt schlagartig auf 0,5 Millionen: Um die ausstehende Million aufzubringen, wird panisch quer durch alle Anlagen verkauft, wobei im Preis auch das stürzen muss, was eigentlich unverändert solide geführt wird und als „Realwirtschaft“ gedanklich abgeschirmt verstanden wird, obwohl es selbstverständlich auch nur über Schulden gedeihen kann. Die Zinsnullung, die ebendiesen guten Unternehmen der Realwirtschaft Geld zuführen sollte, hat sie wegen der im Crash erlittenen Wertverluste bei den Kreditsicherheiten noch wesentlich stärker in ihrer Fähigkeit beeinträchtigt, Geld zu leihen. Die liebenswert-naiven Firmenhelfer in den Zentralbanken werden zu wahren Monstern der Unternehmenszerstörung.

Hätte man nach dem Fiasko früherer Nullzinspolitik wenigstens das System zu durchschauen versucht, wäre das Übel womöglich geringer. Stattdessen wird aber am ökonomischen Leib gerade eine Notoperation durchgeführt, bevor wir zutreffende Kenntnis von dessen Anatomie besitzen. Unser Verständnis derselbigen wie auch eine darauf aufbauende geld- und fiskalpolitische Agenda müssen beim Mangel an unternehmerischen Kreditsicherheiten ansetzen.

Gunnar Heinsohn lehrt Sozialwissenschaft an der Universität Bremen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Kal

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