Von Andreas Platthaus
03. Februar 2006 Nadeem Elyas, scheidender Sprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland, hat recht, wenn er sagt, die zwölf Muslim-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten seien eine Provokation. So funktionieren Karikaturen: Sie provozieren. Denn sie berichten nicht, sie kommentieren. Und eine kommentierende Meinungsäußerung ist provokant, weil sie notgedrungen subjektiv ausfällt. Es ist eine der großen Leistungen der Pressefreiheit als genuin westliche Errungenschaft, daß genau diese Möglichkeit besteht.
Aber eine Karikatur entsteht nicht aus purer Lust an Provokation; sie hat den Anspruch, eine Wahrheit zugespitzt darzustellen. Eine Karikatur darf alles, nur nicht lügen. Das ist Grenze aller Pressefreiheit.
Haben die zwölf Karikaturen gelogen? Rund die Hälfte von ihnen thematisierte bereits beim Erscheinen, im September 2005, etwaige islamische Drohungen gegen die Aktion als solche. Was hätte wahrer sein können? Man könnte dies nun hämisch als selbsterfüllende Prophezeiungen bezeichnen. Aber in den betreffenden Zeichnungen - nicht zufällig die schwächeren der zwölf - wird eher ein Jammerton eingeschlagen: Liebe Muslime, seht dem kleinen Dänemark das Ganze doch nach!
Entschuldigung im Projekt angelegt
Die Entschuldigung, die jetzt so vehement der Zeitung, der dänischen Regierung, ja der ganzen Europäischen Union abverlangt wird, war im Projekt also bereits angelegt. Von einer Ausrede der Pressefreiheit, um Religionsgemeinschaften zu beleidigen, wie UN-Generalsekretär Kofi Annan behauptet, kann somit keine Rede sein. Eine Pressefreiheit, die die Religionsgemeinschaften ausnehmen will, wäre keine Pressefreiheit mehr.
Aber für Feinheiten darf man wohl bei Eiferern kein Verständnis erwarten, die einen bärtigen Turbanträger, an dessen Kopf eine Lunte glimmt, als Verunglimpfung Mohammeds und Verstoß gegen das Bilderverbot des Korans begreifen. Letzteres ist als Einwand irrelevant, denn in Dänemark ist der Koran nun einmal nicht Gesetz, und ersteres ist leicht zu entkräften, wenn man das Bild so wörtlich nimmt, wie es dessen Kritiker tun: Zu Mohammeds Zeiten war das Schießpulver in Arabien unbekannt. Der Prophet kann also nicht abgebildet sein.
Demokratische Demonstrationen?
Das ist natürlich ein beckmesserisches Argument. Aber wer sich auf Gottes Wort beruft, muß sich zumindest an den eigenen Worten messen lassen. Auch in anderer Hinsicht: Wenn Elyas die Demonstrationen erzürnter Muslime demokratisch nennt, sofern sie gewaltfrei bleiben, hat er wieder recht. Aber die Entwicklung der Dinge nach seinem Gespräch mit der Welt gibt ihm unrecht. In Gaza-Stadt wurde in der Vertretung der Europäischen Union geschossen, in Jakarta die dänische Botschaft gestürmt. Haben wir dazu etwas von Elyas gehört?
Statt dessen hört man von besorgten Vertretern eines modernen Islam, daß die Frivolität der dänischen Karikaturen und das Beharren der Europäer auf Pressefreiheit die Demokratisierung ihrer eigenen Länder gefährdeten, weil dadurch dort die radikalen Gruppen gestärkt würden. Alles schön gesagt, aber Demokratie ist kein Nullsummenspiel. Sie muß, sie darf auch nicht irgendwo auf der Welt eingeschränkt werden, um andernorts zu wachsen. Wenn die Welt demokratischer geworden sein sollte, dann nur deshalb, weil der Anreiz, den die westlichen Freiheiten bieten, so groß ist.
In der Unfreiheit herrschen die Stärksten
Es ist bezeichnend, daß die vielfach eingeklagten multikulturellen Werte bislang nur in demokratischen Staaten durchgesetzt worden sind. Wenn diese Demokratien nun ihre Freiheitsrechte beschränken sollen, ist mit diesen auch der erreichte Bestand an Multikulturalität gefährdet. Denn in der Unfreiheit setzt sich immer die stärkste Gruppe durch. Das sollte bedenken, wer jetzt wie Bernd Schmidbauer (CDU), ehemals Koordinator der deutschen Geheimdienste, vom Geschrei nach Pressefreiheit spricht und fordert, man müsse Toleranz gegenüber allen Religionsgemeinschaften üben. Toleranz darf nur erwarten, wer selbst tolerant ist. Und das betrifft auch den von Annan geforderten und heute allgemein wohlfeil im Mund geführten Respekt. Für alle Respektlosen und Intoleranten gelten aber in westlichen Demokratien immerhin noch Recht und Gesetz.
Der Islam hat den Anspruch, eine Rechtsreligion zu sein: Die Welt soll nach theologischen Gesichtspunkten regiert werden. Diesen Anspruch hat das Christentum - gegen die Aussage des Neuen Testaments - jahrhundertelang gleichfalls erhoben. Erst mit der politischen Säkularisierung ist dieser Einfluß gebrochen worden, kam es auch zu einer Selbstreform der Religion. Sonst hätten die Herren Annan und Schmidbauer und wie jetzt alle übervorsichtigen Relativierer heißen gar nicht die Stimme erheben dürfen, denn der Fall wäre von der Kanzel oder vom Minbar herab entschieden worden.
Natürlich stimmt: Nicht alles, was erlaubt ist, ist auch geboten. Aber die gewaltsame Reaktion in der islamischen Welt auf die Publikation von zwölf Karikaturen macht die Angelegenheit zur grundsätzlichen Auseinandersetzung. Angesichts einer solchen Reaktion geht es nicht mehr um ein Geschmacksurteil. Es steht mehr auf dem Prüfstand. An diesem anfangs so harmlos erscheinenden Fall der zwölf dänischen Karikaturen wird die Bereitschaft des Westens gemessen werden, seine eigenen Ideale zu verteidigen.
Text: F.A.Z., 04.02.2006, Nr. 30 / Seite 39
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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