Chinas Deutschlandbild

Der alte Preuße, das ist der Mann

Von Mark Siemons, Peking

“Modell für spät entwickelnde Länder gefunden“: China schätzt Bismarck

"Modell für spät entwickelnde Länder gefunden": China schätzt Bismarck

13. Dezember 2006 Nicht nur der Westen fragt sich, was der „Aufstieg Chinas“ bedeutet und was die neue Großmacht im Schilde führt: Allem Anschein nach fragt die Großmacht selbst sich das auch, insbesondere deren Regierung. Gerade ist im staatlichen Fernsehsender CCTV eine Dokumentarserie mit dem Titel „Aufstieg der großen Nationen“ gezeigt worden, deren ambivalente Signale eine Debatte ausgelöst haben: Wollte der Staat damit indirekt etwas über seine künftige Rolle in der Welt sagen, und wenn ja, was? Wurde da bloß ein technokratischer Wirtschaftszynismus verkündet, oder handelte es sich um ein verkapptes Bekenntnis zur Demokratie?

Manche vergleichen die Serie schon mit der einflußreichen Dokumentation „Flußelegie“, die Ende der achtziger Jahre dazu aufrief, die „gelbe“ (chinesische) Kultur gegen die „blaue“ (westliche) einzutauschen, und damit die Studentendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens vorbereitete. Was die neue Serie so interessant macht, ist allerdings keine etwaige Dissidenz, sondern im Gegenteil die Vermutung, aus ihr spreche die mehr oder weniger verschlüsselte Haltung der Regierung selbst. Im November 2003 hatte eine Studiensitzung des Politbüros stattgefunden, die ebendieses Thema hatte: Welche Faktoren führten zum „Aufstieg und Fall der großen Mächte“?

Ein neuer, ausgekühlter Blick

Die Sitzung, die von dem gleichnamigen Buch des Yale-Professors Paul Kennedy inspiriert war, leitete der Historiker Qian Shengdan von der Peking-Universität, und ebendieser Gelehrte war nun auch der Berater bei den Dreharbeiten für die mit sieben Reporterteams, zahlreichen Computersimulationen und mehr als hundert Interviewpartnern prunkende Dokumentation. Sie demonstriert, mit welchem Grad an historischer Bewußtheit in China der eigene „Aufstieg“ beobachtet wird (während offiziell immer nur von „Entwicklung“ die Rede ist). Die Perspektive der Serie unterscheidet sich von der hergebrachten marxistisch-nationalistischen Geschichtsphilosophie erheblich.

Die meisten der neun behandelten Länder Portugal, Spanien, Holland, Frankreich, Japan, England, Deutschland, Rußland und Amerika haben China irgendwann einmal übel mitgespielt. Doch dieser Umstand wird kaum erwähnt. Auch der Klassenkampf kommt nicht mehr vor. Statt dessen richtet sich der ausgekühlte Blick auf das Geflecht von ökonomischen, technischen, politischen und militärischen Faktoren, in dem auch Kennedy ein Erklärungsmuster für das wechselnde Schicksal der Mächte sucht. Die Perspektive ist nicht mehr die des Proletariats oder eines kolonialisierten Landes, nicht das Ressentiment einer geknechteten Klasse oder Kultur, sondern die einer Macht, die sine ira et studio den Bauplan der Geschichte entschlüsseln will, bevor sie in selbige wiedereintritt. „Vom Westen lernen“ bedeutet anders als bei den früheren, den Westen rückhaltlos bewundernden Reformern, auch aus dessen Fehlern klug zu werden.

Bismarck statt Marx

Im sechsten Teil, „Frühling und Herbst eines Imperialisten“, geht es um Deutschland. Mit großer Empathie macht sich die Serie das Problem der Deutschen am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu eigen: Wie konnte ihr Land, umgeben von mißgünstigen Nachbarn, „einig und stark“ werden? Wer wollte da nicht an Taiwan und die Volksrepublik denken? Karl Marx wird mit keinem Satz erwähnt, statt dessen ist Friedrich List der große Held, der Wirtschaftsprofessor, der sich für den Zollverein der deutschen Länder einsetzte. Der Reutlinger List-Forscher Eugen Wendler erläutert im Gespräch, daß für den Ökonomen das Ziel der nationalen Einheit nur „in Stufen zu erreichen war“.

Doch trotz wirtschaftlicher Zusammenarbeit und technischen Fortschritts (Eisenbahn!) schafft den Durchbruch erst der zweite Held der chinesischen Deutschland-Deutung: Bismarck. Er eignet sich für die unterschiedlichsten Nutzanwendungen. Hervorgehoben wird, daß er sein Reich auf die militärische Stärke Preußens gründete und daß seine Verfassung die Stellung des Parlaments relativiert habe. Positive Erwähnung finden aber auch seine Besonnenheit, Bildungs- und Universitäts- sowie die Sozialpolitik. Der Kommentator schließt: „Bismarck hat das Entwicklungsmodell für spät entwickelnde Länder gefunden, wie sie die vorausgegangenen Länder übertreffen können.“

Welche Lehren will China ziehen?

Was danach kam, wird nur noch sehr kursorisch behandelt. Nach Bismarck habe Deutschland das Augenmaß und die militärische Zurückhaltung verloren, die es nach den beiden von ihm verschuldeten Weltkriegen erst mit der vorbildlichen Vergangenheitsbewältigung der Westdeutschen wiedergefunden habe: „Wer auf die Knie fiel“, sagt der Kommentar zu den Bildern vom Warschauer Ehrenmal, „war Brandt, wer wieder aufstand, war Deutschland.“ Der Nationalsozialismus kommt nur in ein paar Filmsequenzen vor, die DDR überhaupt nicht.

Welche Lehren will China ziehen? Die herausgestellten Fakten haben gemeinsam, daß sich Fragen der chinesischen Gegenwart darin spiegeln können; im übrigen legen sie unterschiedliche, ja widersprüchliche Fährten. Durchgängig wird der Wert von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Bildung, Innovation, einem Sozialsystem und friedlicher Umwelt betont und oft auch durch die ausgewählten Zitate der befragten Experten beglaubigt. Heinrich August Winkler pocht in der Deutschland-Folge darauf, daß das große Thema im neunzehnten Jahrhundert „Einheit und Freiheit“ gewesen sei: „Was die deutsche Einheitsbewegung im neunzehnten Jahrhundert wollte, war die gleichzeitige Schaffung eines Nationalstaats und eines Verfassungsstaats.“ Auch Jürgen Kocka tritt auf. Doch ob es letztlich eher auf einen starken Staat ankommt oder auf demokratische Strukturen, wie es die Amerika- und Frankreich-Folgen nahelegen, bleibt offen.

Manche mutmaßen jetzt, das Politbüro habe die Serie selbst in Auftrag gegeben, und suchen nach Hinweisen auf die nächste anstehende Reform. Ren Xue'an, der Autor und Regisseur der Serie, versucht abzuwiegeln und bestreitet einen „politischen Hintergrund“; er habe erst übers Radio von der Politbüro-Sitzung erfahren und sei so auf die Idee zu der Dokumentation gekommen; im übrigen stimme er nicht mit der „einfachen Abstraktion“ überein, die Botschaft der Serie sei Demokratie. Aber auch wenn die Serie kein Regierungsprogramm ist, so vielleicht doch ein Indiz für den analytischen Blick, mit dem China sich und seine wachsende Macht jetzt wie von außen betrachtet, als wolle es der Geschichte ein Schnippchen schlagen.

Text: F.A.Z., 14.12.2006, Nr. 291 / Seite 35
Bildmaterial: CINETEXT

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche