Berliner Museums-Tumult

Klaus-Dieter Lehmann: „Wir sind nicht blind“

Räumt Defizite ein: Klaus-Dieter Lehmann

Räumt Defizite ein: Klaus-Dieter Lehmann

29. März 2007 Wird das Berliner „Museum für Gegenwart“ bald leer geräumt? Der unter Druck geratene Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nimmt im Gespräch mit der F.A.Z. Stellung zu der Abzugs-Drohung des Sammlers Erich Marx.

Herr Professor Lehmann, am Sonntag hat Heiner Bastian seinen Rückzug aus dem Hamburger Bahnhof erklärt, und nun droht Erich Marx mit dem Abzug seiner Sammlung. Wie erklären Sie den Tumult?

Ich habe am Dienstagnachmittag mit Erich Marx gesprochen, und da war von einem Abzug keine Rede. Er hat im Gegenteil sein Interesse an einer Fortsetzung signalisiert, und jetzt überlegen wir gemeinsam, wie die künftige Zusammenarbeit nach dem Rückzug von Heiner Bastian gestaltet werden kann. Im Übrigen könnte Marx auch gar nicht so leicht seine Kunst aus dem Hamburger Bahnhof herausholen. Wir haben gute Verträge. Die binden uns, die binden aber auch den Sammler und Leihgeber.

Sie könnten Marx zwingen, seine Sammlung im Hamburger Bahnhof zu belassen?

Ja, die wesentlichen Teile schon. Aber ich bin gar nicht an einer Konfrontation interessiert, sondern an Kooperation.

Heiner Bastian und Erich Marx offenbar nicht.

Ich glaube, Erich Marx tut gut daran, wenn er sich nicht in eine völlige Abhängigkeit von Heiner Bastian begibt, der immer nur seine eigenen Interessen verfolgt hat. Ich hoffe sehr, es gelingt Marx, seine Eigenständigkeit zu wahren. Person und Sammlung genießen bei uns eine außerordentliche Wertschätzung. Und zu Bastians Angriffen muss ich Folgendes sagen: Ich habe Ende 2004 das eigenmächtige Hineinregieren von Bastian im Hamburger Bahnhof beendet. Er war seither nur noch als Verbindungsperson des Sammlers Mitglied des Programmbeirats. Faktisch hat sein Ausscheiden keine Auswirkung auf die Arbeit im Hamburger Bahnhof. Hinzu kam seit der Eröffnung der Friedrich Christian Flick Collection, die Bastian immer ausgegrenzt hat, vielleicht die Empfindung einer Konkurrenzsituation im Hamburger Bahnhof.

Steckt nicht noch etwas anderes hinter dem jüngsten Streit, der bevorstehende Wechsel an der Spitze der Preußenstiftung nämlich, Ihr Abschied also und der von Peter-Klaus Schuster?

Natürlich spielt das eine Rolle. Manche verbinden damit wohl die Aussicht auf ein Umsteuern durch ihre Favoriten. Es kann ja gar keinen Zweifel geben, dass wir in den vergangenen Jahren unsere Kräfte auf die Sanierung der Museumsinsel und auf die klassische Moderne konzentriert haben. Jede Zeit hat ihre Aufgaben und Chancen.

Haben Sie darüber die zeitgenössische Kunst vernachlässigt?

Da gibt es Defizite. Unser Etat ist begrenzt, wir konnten deshalb aus eigenen Mitteln nicht die Ankäufe tätigen und die Ausstellungen machen, die wir uns alle gewünscht hätten. Aber wir sind auch nicht ganz so blind gewesen, wie uns neuerdings unterstellt wird. Immerhin haben sowohl Daniel Richter als auch Olafur Eliasson beide den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst erhalten, waren also mit Ausstellungen im Hamburger Bahnhof vertreten, schon ehe ihre Werke in aller Welt gezeigt wurden. Allerdings kann sich ein Museum auch nicht auf das schmale Segment des 21. Jahrhunderts beschränken, im Museum müssen die kunstgeschichtlichen Entwicklungen erkennbar werden. Die Konzentration nur auf die Gegenwart ist Sache der Galerien - oder einer Kunsthalle für Berlin. Das ist eine Idee, die ich sehr unterstütze. Sie sollte nur nicht auf dem Schlossplatz entstehen, sondern in der Nähe des Hamburger Bahnhofs. Denn hier ist das Museum, hier sind die Ateliers, hier sind die Galerien - und hier ist das Publikum.

Die Fragen stellte Heinrich Wefing.



Text: F.A.Z., 29.03.2007, Nr. 75 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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