Kultur beim ZDF

Thommie und der Wanderpokal

Von Michael Hanfeld

Viel Ehr, viel Kritik: Marcel Reich-Ranicki trifft Thomas Gottschalk

Viel Ehr, viel Kritik: Marcel Reich-Ranicki trifft Thomas Gottschalk

18. Oktober 2008 Früher war alles besser. Das Fernsehen war besser, die Fernsehkritik war besser. Und noch besser war es, als das Fernsehen noch gar nicht da war. Denn da gab es Bertolt Brecht und seine „Dreigroschenoper“. Oder noch früher, da schrieb Friedrich Schiller „Die Braut von Messina“. Und erst Shakespeare! Was konnte der uns unterhalten und belehren. Waren das noch Zeiten.

Das waren die Zeiten und literarischen Größen, an die Marcel Reich-Ranicki denkt, wenn er über das Fernsehen spricht. Oder sagen wir besser: Wenn er über das spricht, was ihm beim Deutschen Fernsehpreis kurz vor Augen kam. „Abscheulich“ sei das gewesen und „abscheulich“ bleibe es, so der Literaturkritiker. Clowns, Nichtskönner, Ahnungslose. Dieser Helge Schneider zum Beispiel. Helge Schneider? Der war beim Deutschen Fernsehpreis gar nicht da. Atze Schröder, der Mann mit dem kunstkrausen Mottenfiffi auf dem Schädel, war es, der Reich-Ranickis Unmut erregte. Oder ihn, wie Thomas Gottschalk sagte, wohl „überfordert“ hatte.

Shakespeare bis zum Abwinken

Nein, mit Überforderung habe das gar nichts zu tun, sagte Reich-Ranicki. Es habe damit zu tun, dass diejenigen, die es im Fernsehen mit der Unterhaltung zu tun haben, es sich zu leicht machten. Sie müssten sich mehr Mühe geben. Und die Intendanten, die müssten Angst haben, dass man sie absetzt, wenn sie kein gutes Programm machen. Aber was ist ein gutes Programm? Was ist Qualität? Worin besteht sie? Woran kann man sie messen und erkennen? Wonach sieht sie aus? Wonach riecht sie? Wonach schmeckt sie? Leider sind Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk bis zu dieser Frage, an der sich doch einiges entscheidet, nicht vorgedrungen, die halbe Stunde ihrer Unterhaltung ging auch so rum.

Sie ging vorbei und hinterlässt das Publikum bestenfalls ratlos. Denn es gibt ja alles, was Reich-Ranicki fordert: Shakespeare-Verfilmungen im Kino bis zum Abwinken, Goethe, Brecht, Ibsen im Fernsehen - das ZDF hat dafür eigens den „Theaterkanal“ ins Leben gerufen, der sich mit nichts anderem beschäftigt, als große Dramen ins Fernsehen zu bringen. Und es gibt die zeitgenössischen Wiedergänger der Klassiker, es gibt Dokumentationen, Magazine, Fernsehfilme, Serien und es gibt große Unterhaltung wie Thomas Gottschalks ZDF-Show „Wetten, dass . . ?“ Es ist für jeden etwas dabei, und wer dabei keine Qualität finden will, der muss sein Empfangsgerät schon aus dem Fenster werfen. Man muss nur hinschauen, man muss nicht einmal lange suchen und man muss nicht alibimäßig auf die Kultursender 3sat und Arte verweisen.

Der Dreck, der Schund, der Mist

Und den Dreck, den Schund, den Mist, den es zweifellos gibt, den muss man nicht sehen. Den wegzuräumen, dafür gibt es ja zum Beispiel Fernsehkritiker, die über Sendungen schreiben müssen, vor denen man nur warnen kann. Die „Bruderschaft der entzündeten Augen“ hat man sie früher einmal genannt. Früher habe man sich ja auch noch ernsthaft mit dem Metier befasst, sagt Marcel Reich-Ranicki.

Das Schlechte übrigens hat Thomas Gottschalk als getreuer Herold seines Senders, ausschließlich bei den privaten, oder, wie er sagt, „kommerziellen“ Sendern ausgemacht. Mit denen über Qualität sprechen zu wollen, das sei so, als wolle man einem Metzger ein vegetarisches Menü schmackhaft machen. Und wer will das schon? Die Öffentlich-rechtlichen, ARD und ZDF, hingegen, die mühten sich um das Gute, Schöne, Wahre, müssten dabei aber natürlich an die Quote denken. Und deren Diktat habe auch er sich zu unterwerfen. Also dekoriere er sich mit vielen schönen Menschen und allerhand Unterhaltsamkeiten, damit die Leute hinsehen. Und, was passiert mit unserem armen Unterhalter? Die Klofrauen lieben ihn, wie er sagte, und die Großkritiker aus dem Feuilleton reißen ihn in Stücke. Kein Wunder also, dass er sich vornehmlich oder nur noch im Sanitärbereich aufhalte.

Zu diesem Stichwort fiel Marcel Reich-Ranicki ein, dass der große Fernsehmacher und Regisseur Peter Schulze-Rohr genau an diesem stillen Örtchen all die Preise aufbewahrt habe, die ihm in seinem Leben verliehen wurden - um seine Verachtung dem Preisgehabe gegenüber auszudrücken. Er selbst, Reich-Ranicki, habe seine Preise inzwischen alle im Museum abgeliefert.

Worum es geht

Dass es für diese Sendung einen Preis geben könnte, das muss Reich-Ranicki wohl kaum fürchten. Denn sie war weder lehrreich noch unterhaltsam. Sie ging - wie die ganze laute Debatte dieser Woche - am Thema vorbei. Es gibt tausend Dinge, die man zu Recht am Fernsehen kritisieren kann. Und es geschieht auch, seit Jahr und Tag und tagtäglich. Dabei geht es um das Einzelne und das große Ganze, immer und immer wieder. Um Auswüchse, wie man sie bei einem Anrufsender wie 9live oder den seltsamen Astrosendern sehen kann. Um Trends, denen alle so lange hinterherlaufen, bis auf allen Kanälen nurmehr Variationen des ewig Gleichen laufen (Kochen, Tiere). Um vermeintliche Stars und Zelebritäten, die mit ihrer schieren Präsenz das Fernsehen plattmachen (das Kerner-Ferres-Bohlen-Syndrom). Um öffentlich-rechtliche Sender, die - anders als Thomas Gottschalk es behauptet - vor Jahren den Anspruch aufgegeben haben, sich grundsätzlich von den Privaten zu unterscheiden und in vielem in der Tat nicht mehr zu unterscheiden sind.

Und um Geld und Macht und um Strukturen geht es, um 7,3 Milliarden Euro Gebühren, von denen schätzungsweise nur dreißig Prozent ins Programm fließen; um dritte Programme, die der Ministerpräsidenten liebstes Kind sind, weil sie dort häufig auftauchen können; um unmögliche Sendezeiten für die Programme, für die der öffentlich-rechtliche Rundfunk eigentlich stehen sollte. Um die Ausbeutung des Menschen zu Unterhaltungszwecken geht es schließlich, angefangen bei der Debatte über „Big Brother“ über den Dschungel bei RTL bis zu den „Popstars“ bei Pro Sieben.

Diese Debatte führt ins Nirgendwo

Darum ging es, geht es und wird es weiter gehen, allerdings nicht mehr in Opas Fernsehen, sondern in einer emanzipierten Medienwelt mündiger Konsumenten, die das Internet überwölbt. In wenigen Jahren wird man zum Beispiel gar nicht mehr verstehen, was ein „Sendeplatz“ ist, denn den wird jeder Zuschauer und Zuhörer selbst bestimmen. Was das Geschäft derjenigen, die das Erbe der Aufklärung und die Werte einer bildungsbürgerlichen Gesellschaft auch mit den Mitteln der Unterhaltung ins digitale Zeitalter retten und Debatten anstoßen wollen, die alle bewegen, noch schwerer macht.

Man kann Marcel Reich-Ranicki in seiner Suada gegen den Blödsinn, denn man nicht senden „darf“, unterstützen. Doch sollte man dann schon in medias res gehen und nicht, wie es so viele jetzt tun, dem ob seines Mutes gefeierten Kritiker in seinem unbestimmten Urteil hinterherlaufen: Denn diese Debatte führt ins Nirgendwo, wir erleben die Travestie einer kritischen Diskussion über das Fernsehen. Und es ist nicht einmal besonders unterhaltsam. Diesen Zug der Lemminge, dem sich erstaunlich viele Kollegen anzuschließen sofort bereit sind, sehen wir jede Woche. Mal rennen sie hierhin, mal dahin, insgesamt immer schön im Kreis.

Das Fernsehen weiß damit sehr gut umzugehen, wie man an dieser Sendung sehen konnte - es verleibt sich die Kritik ein und stellt den Kritiker selbst in die Manege. Oder es denunziert ihn, wie es Thomas Gottschalk in seiner Klage über „das Feuilleton“ unternimmt. Wobei man auch da differenzieren muss. Denn es gibt Bereiche, in denen ein kreativer Dialog zwischen den Machern, den Kritikern und dem Publikum funktioniert, das gilt für den Fernsehspiel- und den Dokumentarfilm gleichermaßen. Doch auf der anderen Seite gedeiht der Fernsehdschungel, der, je heftiger man ihn kritisiert, umso üppiger wuchert; diese Hydra ist immun gegen jede Kritik. Solange die Quote stimmt, gilt, was der einstige RTL-Chef Helmut Thoma einmal gesagt hat: dem Angler muss der Wurm nicht schmecken, er will Fische fangen. Dass Sender, die damit Geld verdienen müssen, diesem Prinzip folgen, kann man schwer verhindern, sogar dass sie dafür Preise bekommen. Nur müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk dabei nicht mitmachen.

Die Fernsehpreis-Trophäe übrigens, der gläserne Obelisk, den Marcel Reich-Ranicki nicht mitnehmen wollte, stand während der Sendung im Studio auf einem kleinen Tischchen. Er werde ihm, sagte Thomas Gottschalk zu Marcel Reich-Ranicki, sollte er seine Meinung je ändern, den Preis persönlich abliefern. Zuvor hatten wir das gläserne Ding allerdings auf dem Pult von Claus Kleber im „heute journal“ herumstehen sehen. Es scheint ein Wanderpokal zu sein.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

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