Kopftuch in der Politik

Frau Güls neue Kleider

Von Karen Krüger

23. August 2007 Frau Gül hat angekündigt, ihre Garderobe zu modernisieren. Doch auf ihr Kopftuch verzichten will die wahrscheinlich nächste First Lady der Türkei nicht. Frisch und gewagter soll ihr neuer Stil sein, falls sie kommende Woche an der Seite ihres Mannes Abdullah in den Präsidentenpalast in Ankara zieht. Aber dennoch soll er ihrem Anspruch als Muslima genügen. Der Entwurf, den der türkische Modedesigner Atil Kutoglu jetzt in ihrem Auftrag angefertigt hat, zeigt eine elegante Erscheinung in Hosenrock und Turban, wie die späte Romy Schneider ihn gern trug.

Kutoglus Kollektionen sind regelmäßig bei den Modeschauen in New York zu sehen. Frauen wie Ursula Plassnik und die Nichte von George Bush zählen zu seinen Kundinnen. Ob er sich der politischen Dimension von Frau Güls Auftrag bewusst sei, fragen wir den in Wien lebenden Modedesigner. Immerhin gilt Frau Gül mit ihrem Kopftuch vielen Türken als personifizierter Angriff auf die Prinzipien der laizistischen Demokratie. Kutoglu weicht aus, er sei kein politischer Mensch, als Künstler sehe er das Kopftuch nur als ein modisches Accessoire. Natürlich, auch er verehre Kemal Atatürk zutiefst, doch der Auftrag von Frau Gül sei auch eine große Ehre.

Galionsfigur einer Emanzipationsbewegung

Wenn Frau Gül sich aus religiösen Gründen für das Kopftuch entschieden habe, dann müsse man das akzeptieren. Kutoglu sagt, in seiner Familie habe niemals eine Frau den Schleier getragen, seine Großmutter habe mit ihrer Garderobe sogar als Vorbild gegolten – mit ihrem unbedeckten Haar und westlicher Kleidung entsprach sie genau dem Frauenbild, das Staatsgründer Atatürk sich von den Frauen seiner Republik wünschte und das viele Türken noch heute als die einzig politisch korrekte Garderobe ansehen.

Doch auch Frau Gül wird mit ihrem Kleidungsstil vielen Frauen ein Vorbild sein, so viel steht fest. Schon jetzt feiern Kopftuch tragende Frauen sie als Galionsfigur einer weiblichen muslimischen Emanzipationsbewegung, die die säkularen, kemalistischen Definitionen von Moderne in Frage stellt und sich im selbstbewussten Tragen des Schleiers manifestiert. In Stöckelschuhen, mit Lippenstift und dem so genannten „Türban“, einem Tuch, das den Nacken, das Haar und auch das Dekolleté bedeckt, präsentiert sich die zweiundvierzig Jahre alte Frau Gül der Öffentlichkeit. „Mein Kopftuch verhüllt meinen Kopf, nicht mein Gehirn“, sagte sie, als sie im Mai die niederländische Königin Beatrix empfing – säkulare Türken behandeln verschleierte Frauen gern als provinziell und ungebildet.

Keine Immatrikulation wegen Kopftuch

Kein Wunder, schließlich hatten die Kemalisten das Kopftuch jahrzehntelang erfolgreich als Zeichen von ländlicher Rückständigkeit und weiblicher Unterwerfung stigmatisiert. Erst das Erstarken der islamistischen Bewegungen in den achtziger Jahren holte es in die Öffentlichkeit zurück. Im Verlauf des Kopftuchstreits an den türkischen Universitäten wurde der Schleier zum Symbol des Kampfes zwischen Islamisten und der kemalistischen Staatselite stilisiert. Zwar resultierte aus der Auseinandersetzung das Verbot, an Hochschulen den Schleier zu tragen. Doch die Kopftuch tragenden Frauen gingen mit gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Konflikt hervor: Anstatt sich zu assimilieren, erklärten sie die kemalistischen Attribute der Rückständigkeit zu Symbolen der Würde und loteten durch ihr öffentliches Auftreten die Grenzen der säkular definierten türkischen Öffentlichkeit neu aus.

Kaum eine andere Frau verkörpert den Identitätswandel vieler muslimischer türkischer Frauen besser als Hayrünisa Gül. Aufgewachsen in der konservativen-frommen Stadt Kayseri in Anatolien, lernte sie ihren Mann auf einer Hochzeit kennen. Die Heirat des damals fünfzehn Jahre alten Mädchens mit dem doppelt so alten Mann bedeutete das vorläufige Ende ihrer Schulausbildung. Als Frau Gül hatte sie sich dem Haushalt zu widmen und brachte ihrem Mann drei Kinder zur Welt. Doch anders als viele andere jungverheiratete türkische Frauen holte sie ihren Schulabschluss mit achtundzwanzig Jahre nach. An der Ankara-Universität wollte sie Arabistik studieren. Doch wegen ihres Kopftuches wurde ihr die Immatrikulation verwehrt. Frau Gül klagte deshalb vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Im Jahr 2005 zog sie ihre Klage jedoch wieder zurück, um nicht die politische Karriere ihres Mannes zu gefährden. Kübra Gül, eine ihrer Töchter, hat gerade das Ingenieurstudium abgeschlossen. Die junge Frau studierte in Istanbul, mit Perücke.

Vier Varianten für Frau Gül

Immer mehr türkische Textilunternehmen stellen sich mit Kopftuch-Kollektionen auf die Bedürfnisse verschleierter Frauen ein. Der Erfolg islamischer Modeschauen zeigt: Die neu formierte, fromme bürgerliche Mittelschicht sucht nach ästhetischen Werten. Für Frau Gül habe er vier Varianten erarbeitet, wie man das Kopftuch binden könne, sagt Atil Kutoglu. Sie habe einige Modelle seiner Kollektion bestellt: hochgeschlossene Jacken, Röcke und Hosen, deren weiter Schnitt die weibliche Silhouette andeutet, aber nicht zeigt.

Viele Ehefrauen von AKP-Abgeordneten tragen Kopftuch. Um zu verhindern, dass sie bei offiziellen Empfängen erscheinen, ließ man bisher auf den Einladungskarten für diese Abgeordneten den Hinweis ,In Begleitung‘ ganz einfach weg. Mit einer Kopftuch tragenden Präsidentengattin würde sich das wohl ändern.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Atil Kutoglu, dpa, REUTERS

 
 
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