Deutschlands Komiker

Warum Atze nervt

Von Stefan Niggemeier

Zwei Witzfiguren: Atze Schröder mit einer Miniaturausgabe seiner selbst

Zwei Witzfiguren: Atze Schröder mit einer Miniaturausgabe seiner selbst

09. Januar 2006 Es gab einmal eine Zeit, da ließ sich die Witzigkeit eines Sketches an der Dicke der getragenen Brillengläser messen. Es war die Zeit, in der nicht Komiker, sondern Schauspieler die Witze im Fernsehen machten. Es war die Zeit von „SketchUp“.

Viele Millionen sahen Woche für Woche Beatrice Richter oder Iris Berben mit Diether Krebs in immer neuen lächerlichen Kostümen, mit falschen Nasen oder fiesen Zähnen und vor allem mit Brillen, die ihre Augen klitzeklein oder glubschiggroß erschienen ließen, was gleich am Anfang jeder Szene ein Lacher war und dann am Schluß noch einmal, wenn nach der Pointe einer der Protagonisten groß und dumm in die Kamera starrte. Nicht jeder Witz hing vollständig vom Irrwitz der Verkleidung ab, aber den meisten half es schon sehr.

Die Blütezeit der Sitcom

Irgendwann hatten die Deutschen dann genug lustige Brillen gesehen und entdeckten, wie elegant es sein kann, wenn der Witz aus Alltagssituationen entsteht und von Charakteren getragen wird, die nur ein bißchen überzeichnet sind und nicht grotesk karikiert. Anke Engelkes „Ladykracher“ stand für diese Art Humor. Es war auch die Blütezeit der deutschen Sitcom.

Diese Zeit ist vorbei. Die fiesen Zähne, schrecklichen Brillen und lustigen Frisuren sind wieder da. Aber anders als früher lassen sie sich nicht mehr einfach abnehmen. Unter ihnen stecken keine Schauspieler, die sich in verschiedene Rollen verwandeln können. Sie sind fest verwachsen mit Komikern, deren Repertoire jeweils exakt eine Rolle umfaßt. Und je häufiger man sie sieht, um so hartnäckiger wird die beunruhigende Frage, ob hier überhaupt ein Komiker eine Witzfigur darstellt oder ob er selbst diese Witzfigur ist.

Atzes wirkliches Leben

Atze Schröder zum Beispiel. Eigentlich ist Atze Schröder die Karikatur eines großkotzigen Porschefans mit Minipli, geschmackloser getönter Brille und zu engen Jeans. Als solcher tritt er in seiner Sitcom „Alles Atze“ und auf Bühnen auf. Der Name des Künstlers, der diesen „Atze Schröder“ darstellt, wird allerdings offiziell mit Atze Schröder angegeben. In der Biographie des Darstellers ist der bekannte „Atze“ mit Minipli und geschmackloser getönter Brille zu sehen, und es heißt, die Sitcom beruhe „hauptsächlich auf Atzes wirklichem Leben“. Egal, ob er Galas moderiert oder Talkshows besucht: Atze Schröder ist Atze Schröder ist Atze Schröder. Man würde ihn gern einmal ohne diese alberne Perücke sehen - aber wer sagt einem überhaupt, daß es sich um eine Perücke handelt und sein Träger sie peinlich findet?

Es ist, als wäre eine einzige Sketchfigur von Diether Krebs zum Leben erweckt worden, oder genauer: als sei ein armer Komiker in einer einzigen Rolle erstarrt und nun für immer in ihr gefangen. Daß sich diese Figur nun schon seit fast zehn Jahren im Fernsehen herumtreibt und einfach nicht wieder weggehen will, wäre schon beunruhigend genug. Viel schlimmer aber ist: Unser Fernsehen ist plötzlich voll von solchen eindimensionalen Kunstfiguren.

Der „Maddin“ und Martin Schneider

Martin Schneider ist auch so ein Fall. Martin Schneider ist ein Komiker, der sich „Maddin“ nennt und sich dank seines sehr großen Mundes und eines sehr langen Halses gar keine lustigen Brillen aufsetzen muß, um eine groteske Witzfigur abzugeben. Es reicht, den Mund besonders weit aufzumachen und den Hals besonders weit zu strecken. Dann guckt er doof und dehnt alle Wörter im breiten hessischen Dialekt und stellt sich dumm, und alle lachen. Wobei, „stellt sich dumm“ ist schon wieder so ein Satz, der möglicherweise gar nicht stimmt. Neulich war Martin Schneider bei „Wer wird Millionär“, und entweder hatte er sich vorher entschieden, dort als seine Kunstfigur „Maddin“ hinzugehen, oder es gibt in wesentlichen Punkten gar keine großen Unterschiede zwischen Martin Schneider und „Maddin“.

Es mangelt dem deutschen Fernsehen nicht an Comedy und nicht an Komikern, und doch hat man das Gefühl großer Langeweile und Monotonie. Das liegt daran, daß viele dieser sogenannten Comedians so einfältig sind - der Fernsehstar, der als „Verwandlungskünstler“ oder gar als „Entertainer“ gerühmt werden kann, ist so gut wie ausgestorben. Auch viele derjenigen, deren Erfolg im Gegensatz zu Atze Schröder und Maddin nicht auf der Illusion einer vollständigen Übereinstimmung von Rolle und Darsteller beruht, beschränken sich auf einen einzigen Typ, den sie immer wieder geben. Sie sind Comicfiguren geworden, Klischees, sie haben sich - im angemessenen Wirtschaftsdeutsch gesagt - als Marken etabliert: berechenbar und unmittelbar wiedererkennbar. Der immer zu kurz kommende Kleine, der doofe Dicke, der geile Vamp, die laute Schrille.

Ein Mann, ein Hemd

Kennen Sie Mario Barth? Nicht? Das ist der Mann mit dem lustig gemeinten gelben T-Shirt, auf dem im Langenscheidt-Wörterbuch-Stil „Deutsch - Frau / Frau - Deutsch“ steht. Sehen Sie: Jetzt erinnern Sie sich. Wie viele hundert Mal mag Mario Barth dieses T-Shirt im Fernsehen getragen haben? Leichter zu schätzen ist, wie oft er etwas anderes getragen hat. Die Zahl dürfte im unteren einstelligen Bereich liegen.

Natürlich gibt es Dutzende Stars in der Filmgeschichte, deren Erfolg ebenfalls im Aufführen der immer gleichen Rolle beruhte. Aber anders als früher verlassen die Witzfiguren von heute ihre fiktionalen Kontexte. Sie scherzen bei „Sieben Tage, sieben Köpfe“, improvisieren bei „Genial daneben“, raten bei „Wer wird Millionär“ und kommentieren ununterbrochen alte Film- oder Musikclips in einer der siebentausend Fließband-Chart-Shows. Und schaffen dabei das Kunststück, scheinbar als echte Menschen aufzutreten und doch nie aus ihrer Rolle zu fallen.

Man spart Schminke und Verkleidung

Am vollständigsten verschwimmen die Grenzen zwischen Rolle und Darsteller in der „Schillerstraße“. Wenn der Schauspieler Tetje Mierendorf als Nachbar von Cordula Stratmann einzieht, ist zwar dem Zuschauer klar, daß es sich nicht um eine echte Wohnung, also auch nicht um einen echten Nachbarn handelt. Aber niemand würde auf die Idee kommen, Tetje einen Rollennamen zu geben. Tetje heißt Tetje, wie sonst. Und er ist, wie alle anderen in der „Schillerstraße“, so, wie er immer ist, wenn er im Fernsehen ist. Das ist praktisch, auf diese Art sparen sich die Macher Schminke und Verkleidung und das Erfinden und Etablieren von Charakteren, und der Zuschauer weiß trotzdem in der gleichen Sekunde, in der „Maddin“ die Bühne betritt, mit was für einer Art Typ er es hier zu tun hat - und versteht alle Witze, die die anderen auf der Bühne über ihn machen.

Das funktioniert wunderbar - und ist auf Dauer unerträglich. Der Witz all der Maddins und Atze Schröders beruht darauf, daß man immer weiß, was kommt. Vielleicht darf man den Komikern diese Penetranz nicht vorwerfen. Vielleicht ist sie die einzige Möglichkeit, heute überhaupt aufzufallen und Erfolg zu haben. Tragisch ist nur, daß das Fernsehen auch aus denen eindimensionale Karikaturen zu machen scheint, auf deren Vielseitigkeit man einmal gehofft hatte. Es muß einmal einen Zeitpunkt gegeben haben, zu dem Barbara Schöneberger nicht nur als schrille, laute Parodie einer intelligenten, aber sehr anzüglichen schönen blonden Frau im Fernsehen zu sehen war. Man erinnert sich nur kaum noch daran.

Kleines Lexikon der Witzfiguren

Und jetzt kommt wieder der lustige Dicke: Die außerordentlich übersichtliche Welt des deutschen Fernsehhumors.

Hella von Sinnen

Typ: regressive Ulknudel. War in kleinen Dosen willkommener Bruch mit traditionellen Frauenbildern, sitzt heute aber in so vielen Panelshows, daß man sich nach einem Bruch mit Hella von Sinnen sehnt. Als sie in der RTL-Sendung „Kinder von Sinnen“ zeigte, daß sie auch zuhören kann, schaute leider keiner zu. Nicht verwechseln mit: Dirk Bach.

Volker „Zack“ Michalowski

Typ: noch kleiner als Bernhard Hoecker. Nicht verwechseln mit: Gollum.

Bernhard Hoecker

Typ: ewig unterschätzter Zwerg. Keine Sendung ohne Witze über seine Größe, allgemeine Unansehnlichkeit und seine absurd abwegigen Gedankengänge (“Sie sind raus, Hoecker“). Ebenfalls keine Sendung ohne mindestens einen Geistesblitz, mit dem Hoecker beweist, daß er allen anderen in Wahrheit weit überlegen ist. Nicht verwechseln mit: Herrn von Boedefeld.

Ralf Schmitz

Typ: quirliger Hänfling, der lustig stolpern, lustig hinfallen und lustig gucken kann. Keine Sendung ohne Witze über seine Körpergröße, die er allerdings (im Gegensatz zu Hoecker und Pohl) durch Niedlichkeit auffängt. Nicht verwechseln mit: Mathias Schlung.

Markus Maria Profitlich

Prototyp der neuen Generation lustiger Dicker. Stieß zur „Wochenshow“, als die noch erfolgreich war, und wurde gerade noch einem Publikum mit lustigen Stimmen und Grimassen bekannt. Nicht verwechseln mit: Ottfried Fischer.

Markus Majowski

Typ: sympathischer Nerd. Erster Anlaufpunkt, wenn ein lustiger Dicker gebraucht wird und Markus Maria Profitlich nicht kann. Bekannt geworden als Verkäufer, der wort- und gestenreich die Schnurlosigkeit eines Telefons demonstriert. Nicht verwechseln mit: Robert T. Online.

Ingo Oschmann

Typ: netter Kumpel, der selbst nicht glauben kann, daß er nun richtiges Fernsehen machen darf. Hat bei „Starsearch“ auf Sat.1 versehentlich einen offensichtlich unkündbaren TV-Vertrag gewonnen. Kennt ein paar kurzweilige Anekdoten, über die er immer wieder selbst lachen kann, was schon mal zu mehrminütigen Grunz-Kicher-Anfällen führt. Möchte gemocht werden und hat deshalb den ständigen „Ist doch lustig, oder?“-Blick. Nicht verwechseln mit: Fozzie Bär.

Hellmuth Karasek

Typ: zerstreuter Professor, nicht ganz so verwirrt wie Piet Klocke, dafür auch weniger unterhaltsam. Weiß viel, aber nicht so viel, wie man denkt. Verheddert sich in endlosen, uninteressanten Anekdoten. Markenzeichen: sehnsüchtiger Blick ins Publikum - hat da nicht eben einer gelacht? Nicht verwechseln mit: Professor Hastig, Dr. h. c. Cäsar.

Kalle Pohl

Typ: kleiner streberhafter Nichtskönner, Immerverlierer und Punchingball im Hawaiihemd. War selbst in der eindimensionalen Welt von „Sieben Tage, sieben Köpfe“ der eindimensionalste Charakter. Eine Sitcom namens „Kalle kocht“, die mit dem Image brach und ihn als relativ unauffälligen alleinerziehenden Vater ohne Hawaiihemd zeigte, wollte niemand sehen. Nicht verwechseln mit: Jürgen von der Lippe.

Rüdiger Hoffmann

Typ: hallo erst mal. Sauerländer, Schluffi, WG-Bewohner. Man dachte, Hoffmann sei langsam, bis Martin Schneider kam. Nicht verwechseln mit: Friedrich Küppersbusch, Laurenz Meyer.

Barbara Schöneberger

Typ: Vamp, Dekollete mit Grips. Große Brüste, große Augen, große blonde Haare. Startete als Genie mit kleinem Budget und tausend Ideen und geriet dann irgendwann unter die sogenannten Hausbaupromis. Seitdem: Nicht verwechseln mit: Miss Piggy.

Dirk Bach

Typ: Flummi. Grinsekatze. Rundbauchmodel. Betritt als lächelnde Kugel täglich wechselnde Studiobühnen und hatte als Killerkugel mit Tropenhelm auf der Hängebrücke des Promi-Dschungels seine goldenen Sekunden. Leidet an Gesprächspausenphobie: Ist sich sicher, daß ihm am Ende eines begonnenen Satzes schon noch eine Pointe einfallen wird. Oder, falls nicht, wenigstens ein lautes Kichern. Nicht verwechseln mit: Urmel aus dem Eis.

Ingo Appelt

Typ: bösartiger Brachialkünstler, der eine Zeitlang glaubte, sein Publikum fände es schon lustig, wenn man „ficken“ sagt, und damit sogar richtig lag. Seit dieses Vokabular Einzug in jede x-beliebige Durchschnittsserie gehalten hat, seiner Witz- und Existenzgrundlage beraubt. Nicht verwechseln mit: Gabriele Krone-Schmalz, Otto Schily.

Piet Klocke

Typ: sehr zerstreuter Professor. Bringt keinen seiner Sätze jemals zu Ende, was sehr lustig ist - die ersten zehn, zwanzig Male. Nicht verwechseln mit: Maddin.

Bernd Stelter

Typ: rheinländischer Schunkel-Dicker aus dem Karnevalsbiotop, ewiger Camper. In der Nahrungskette knapp über Kalle Pohl: scheitert zwar genauso häufig, gewinnt aber durch Ansätze zur Selbstironie. Problem: singt zur Gitarre und liebt Witze über Frauen und Minderheiten. Nicht verwechseln mit: Black Föös, Roland Kaiser.

Mario Barth

Typ: Über-sich-selbst-Lacher aus der Stefan-Raab-Schule. Okay, die Idee eines Wörterbuchs Deutsch - Frau / Frau - Deutsch war eine Nanosekunde lang witzig. Nicht verwechseln mit: dem Luftverkäufer Schlemihl aus der „Sesamstraße“, Florian Langenscheidt.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.01.2006, Nr. 1 / Seite 27
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