Vor der Qualitätsdebatte

Unser Thommie

Von Tobias Rüther

Betretene Mienen: Gottschall lauscht Reich-Ranickis Litanei

Betretene Mienen: Gottschall lauscht Reich-Ranickis Litanei

17. Oktober 2008 Um es gleich zu sagen: Kein zweiter deutscher Moderator hätte es wohl geschafft, die Reich-Ranicki-Situation bei der Fernsehpreisverleihung am vorigen Wochenende so geistesgegenwärtig, gerecht und geschmeidig zu meistern wie Thomas Gottschalk. Er war witzig, und das weder auf Kosten des Publikums noch des Ehrenpreisträgers.

Er wusste blitzschnell, wann er eingreifen musste, und fiel Reich-Ranicki dabei nicht unhöflich ins Wort, wie manche behaupten, sondern rettete ihn vielmehr aus einem Huster. Er wirkte hochkonzentriert, genau bei der Sache und so aufmerksam, wie er seit Jahren nicht mehr am Mikro war - wo er oft genug schon den Faden verloren hat, weil er es einfach so gut beherrscht, das Moderieren und die große Bühne, dass er dabei nicht immer anwesend sein muss. Am Samstagabend aber war er ganz da, und wenn diese kaum zehn Minuten eine Fernsehsternstunde gewesen sein sollen, dann verdankt sich das Marcel Reich-Ranicki genauso wie Thomas Gottschalk.

Garderobenunfall, Berufsjugendlicher

Strahlende Gesichter: die beiden am Rande der Aufzeichnung ihrer Aussprache

Strahlende Gesichter: die beiden am Rande der Aufzeichnung ihrer Aussprache

Man hat ihn schon alles Mögliche genannt, seit er 1976 beim Bayrischen Rundfunk begann: „Thommie“ vor allem, aber auch Supernase, Dampfplauderer, Anfrauenherumfummler, Garderobenunfall, Berufsjugendlicher, das letzte öffentlich-rechtliche Schlachtross der letzten verbliebenen Familienunterhaltungssendung alter Schule, „Wetten, dass ..?“ Doch selten hatte das, was in dieser ewigen Karriere über den achtundfünfzigjährigen Entertainer geschrieben wurde, den Witz von Gottschalks eigener Erkenntnis, seine blond zurechtinstallierte Frisur komme „so in der Natur nicht vor“. Kann sein, dass ihm das jemand auf den Zettel geschrieben hat, aber auch der ebenso blonde Otto Waalkes hatte seine Hintermänner. Bei der Preisverleihung gab es jedenfalls keinen Zettel.

Gottschalk hat schon vor Jahren begonnen, sich selbst als Figur in den Medien zu karikieren. Aber seine Ironie ist weich, sie sortiert nicht aus wie die eiskalte Uneigentlichkeit von Harald Schmidt: Gottschalk scheint Fernsehen als Sozialkitt zu verstehen, immer noch und gegen jede noch so bescheuerte Sendung, die sein Haussender und alle anderen auch so zusammenproduzieren. Und vielleicht hing deshalb sein Herz daran, die Preisverleihung gut ausgehen zu lassen: weil es Leute im Saal und vor den Bildschirmen gibt, denen noch nie aufgefallen oder übel aufgestoßen ist, was Reich-Ranicki beklagt, es aber besser für alle ist, wenn beide Seiten einander verstehen.

Am heutigen Freitagabend wird Gottschalk also mit Marcel Reich-Ranicki über das Fernsehen diskutieren. Der duzt den Moderator seit dem Galaabend. Alle anderen duzten Thomas Gottschalk von Anfang an. Das ist Fernsehdemokratie.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, AP/ZDF, Carmen Sauerbrei

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