09. Januar 2009 Dass Firmen und Banken massenhaft in die Insolvenz stürzen, daran sind wir nun gewöhnt. Auch daran, dass sogleich an milliardenschweren Schutzschirmen für sie gebastelt wird. Gewöhnungsbedürftig in dieser schnell lernenden Zeit war trotzdem die gute Tat der Bildungsministerin Schavan, ein paar Tropfen vom Geldsegen für die lahmende Konjunktur auf Schulen umzuleiten. Die Dankbarkeit der Adressaten hielt sich in Grenzen, aus gutem Grund. Fünfzig Millionen Euro noch mal extra für Reparaturen an städtischen Schulen spendierte sogleich der Berliner Senat. Jeder weiß, wie klamm die Hauptstadt ist mit Geld, also wurde artig gejubelt.
Trotzdem haben einige Schulen jetzt die Alarmglocke geläutet und daran erinnert, dass sie abgesehen von kaputten Toiletten, fehlenden Fachräumen, bröckelnden Fassaden und anderen Schäden am Bau drinnen, dort, wo sie ihrem - um im ökonomistischen Neudeutsch zu bleiben - Kerngeschäft nachgehen, mit noch ganz anderen Nöten zu kämpfen haben und dass sie kurz davor sind, diesen Kampf zu verlieren.
Ein nüchterner Brief
Ein Eingeständnis, das mehr Mut erfordert als das selbstverschuldeter Zahlungsunfähigkeit. Denn über Bildungskatastrophen wird gern und oft und thesenfrei schwadroniert, Farbe bekennen ist eher tabuisiert. Und pikant an diesem Hilferuf verantwortungsbewusster Schulleiter ist vor allem, dass die in Rede stehenden Schulen in prekärem Innenzustand allesamt im Berliner Regierungsbezirk Mitte liegen, in dessen Zentrum bekanntlich die Kanzlerin und ihre Regierung wirkt. Also mitten im wirklichen Leben der Wissensgesellschaft. Wer sehen will, könnte es also längst begriffen haben.
In einem nüchternen, Alarmismus vermeidenden Brief an den Regierenden Bürgermeister Berlins teilen diese Schulen nun mit, auf ihrem Schulleitertreffen einstimmig festgestellt zu haben, dass der Bezirk Mitte vor seinem bildungspolitischen Aus steht. Nicht alle Schulen sind gleich betroffen, aber alle Direktoren haben unterschrieben. Sie geben an, dass dieses Bekenntnis eine Gewissensfrage für sie sei, weil sie den gesetzlichen Bildungsauftrag zurzeit nicht mehr erfüllen können. Auch sie bedanken sich für die Reparaturmillionen, erlauben sich aber, daran zu erinnern, dass sich die Summe bei einem Investitionsrückstand von mehr als neunhundert Millionen Euro etwas zaghaft ausnimmt. Sie fordern keine zusätzlichen Lehrer, ja nicht einmal vordergründig mehr Geld, aber wenigstens Schulsekretärinnen und Hausmeister. Die versprochenen Gelder für Sanierung kämen leider zu selten an, weil sich Schulämter und Baubehörden in bürokratischen Querelen erschöpften.
Bittere Realität
Vor allem aber bitten die Pädagogen um Aufmerksamkeit, um mehr Wertschätzung für ihre aufreibende Arbeit und eine ehrliche Diskussion über all das, was diese so oft vergeblich macht. Nicht erst jetzt, denn die Fakten, die die Situation an den meisten Schulen des Regierungsbezirkes beschreiben, sind bekannt und beunruhigend waren sie auch schon vor zehn Jahren. Doch ist das, was damals sehr wenige Mutige ab und an prognostizierten - um sofort zum Schweigen gebracht zu werden -, längst bittere Realität.
Denn zum alten, in- wie auswendig aufgemöbelten Verwaltungsbezirk Mitte mit Kanzleramt, Regierungsviertel, Friedrichstraße, Unter den Linden und Universität sind die schwierigsten sozialen Brennpunkte der Stadt, Wedding und Tiergarten, hinzugekommen. Mit dem statistischen Ergebnis, dass nun schon siebzig Prozent aller Grundschüler eine andere Muttersprache als die deutsche in die Schule mitbringen und das Deutschlernen wenig erfolgreich bleibt. Zum Vergleich: im ostbürgerlichen Pankow sind es nur acht Prozent. Oberschulen, an denen fast ausschließlich Migrantenkinder lernen, zwei Drittel davon aus sozial schwachen Familien, die außerdem in großer Zahl am Fortkommen ihrer Kinder wenig Interesse zeigen, sind die Regel. Die Schulleiter zählen nur die größten Probleme auf: Schuldistanz (Schwänzen), Analphabetentum, Schulabbrecher, zu viele Kinder mit Integrationsstatus (eine gute Sache nur, wenn sie zu verkraften ist). Hinzu kommt der Spitzenplatz in der Intensivtäterkartei, die meisten der jugendlichen Gewaltkriminellen kommen aus türkischen und arabischen Familien.
Unvermittelbare Absolventen
Armut, Gewalt, Vernachlässigung, Sprachnot, das ballt sich in den Schulen von Mitte zusammen und vertreibt jeden, für den die Bildung seiner Kinder ein hohes Gut ist. Die Zahl der Privatschulen ist sprunghaft angestiegen, auch ein Signal der Notwehr enttäuschter Eltern. Die Schulleiter berichten, dass sie kaum noch einen Absolventen von Haupt-, Gesamt- und Realschulen vermitteln können und dass viele die Schulen verlassen, ohne das Leistungsniveau für eine Berufsausbildung erreicht zu haben.
Was lehrt es uns? Schulreparaturen als Konjunkturbeschleuniger sind gut und schön. Aber Schulen sind nicht die Reparaturbetriebe für eine Bildungskatastrophe, deren Ursachen jenseits der Schultore liegen. Das Mantra vom Einwanderungsland Deutschland hilft da nicht weiter, denn hier manifestiert sich eine Unterschicht, deren Bildungsprobleme eine Sprengkraft entfalten könnten, die kein Rettungsschirm mehr hält.
Text: F.A.Z.
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