Wallraff will Rushdie lesen

Einsatz in Ehrenfeld

Von Andreas Rossmann

“Bereits ein Erfolg“: Günter Wallraff hat mit der Ditib über sein Vorhaben gesprochen

"Bereits ein Erfolg": Günter Wallraff hat mit der Ditib über sein Vorhaben gesprochen

16. Juli 2007 Nach einem Treffen mit Vertretern der türkisch-islamischen Union, Ditib, das Ende letzter Woche in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld stattfand, geht Günter Wallraff davon aus, dass die von ihm vorgeschlagene Lesung der „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie in einer Kölner Moschee stattfinden wird (siehe auch: Wallraff will die „Satanischen Verse“ in der Moschee lesen). Das sei das Ergebnis „eines konstruktiven Gesprächs“, sagte der Schriftsteller gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Über das „Wann und Wie“ könne zwar erst im August, nach Rückkehr des Ditib-Vorstandes aus dem Urlaub, entschieden werden, aber es gebe Überlegungen, die Veranstaltung im Rahmen einer Reihe in jener Moschee durchzuführen, an deren Stelle der Neubau in Ehrenfeld geplant ist.

„Sie wären meiner Einladung ja nicht gefolgt, wenn sie meinen Vorschlag als Provokation empfinden würden“, kommentiert Wallraff die bisherige Haltung der Ditib und tritt Kritikern seines Vorschlags mit dem Hinweis entgegen, dass die Moschee kein Sakralgebäude, sondern eine Art Gemeindezentrum sei, in dem auch kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Es sei bereits ein Erfolg, sagt der Schriftsteller, dass die Ditib nunmehr eine Presseerklärung veröffentlicht hat, „die zur Fatwa und der Morddrohung an Rushdie entschieden Stellung nimmt und sich dagegen verwahrt“.

Ditib verurteilt Fatwa gegen Rushdie

Wallraffs Gesprächspartner, der Ditib-Dialogbeauftragte Bekir Alboga, wollte dieses Ergebnis der Unterredung weder bestätigen noch dementieren. Alboga verwies lediglich auf besagte Presseerklärung, die der F.A.Z. vorliegt und bisher auf der Homepage der Ditib nicht zu finden ist. Darin heißt es: „Die erneut von verschiedenen Seiten ausgesprochenen Morddrohungen gegen Salman Rushdie lehnt die Ditib entschieden ab.“ Eine Lesung wird indes nicht erwähnt.

Es sei seines Wissens das erste Mal, so Wallraff, dass eine Moscheengemeinschaft in Deutschland die Fatwa gegen Rushdie eindeutig verurteilt und das auch der Öffentlichkeit kundgetan habe. Für Rushdie, den Wallraff mehrfach in seinem Haus beherbergt hat, könnte das eine „Erleichterung“ bedeuten. Auch könne sich nun in der islamischen Welt herumsprechen, dass die größte Moscheengemeinschaft in Deutschland in die Diskussion um die „Satanischen Verse“ eintritt und zur Enttabuisierung des Buches beitrage. Dass ihm in der öffentlichen Diskussion Effekthascherei, Scheinheiligkeit und auch Hochmut vorgeworfen wird, trifft Wallraff nicht: „Bemerkenswert ist doch, dass mir seitens der hier lebenden Muslime niemand eine Provokation unterstellt. Sie kennen mich als jemanden, der sich für ihre Probleme und ihre Integration einsetzt, und durch mein Buch ,Ganz unten', das unter Muslimen zum Teil Kultstatus genießt, bin ich für sie alles andere als ein Feind. Meine Duisburger Stiftung ,Zusammen-Leben', die ich aus meinen Honoraren finanziere, ist als integratives Wohnmodell bekannt.“

Seinem Kollegen Martin Walser, der den Vorschlag als „kolonialistische Anmaßung“ kritisierte und behauptet hat, „es gibt genug Muslime, die das Buch kennen“, hält Wallraff „Ahnungslosigkeit“ entgegen: „Das kann nur jemand sagen, der abgehoben am Bodensee lebt, wo er es nicht mit muslimischen Nachbarn zu tun hat. Leider sind die ,Satanischen Verse' in der islamischen Welt nur wenigen Intellektuellen bekannt. Sie wurden bisher weder ins Türkische noch in eine arabische Sprache übersetzt, und auch in Deutschland finden sie keinen Moscheegänger, der das Buch auch nur in Auszügen gelesen hätte.“

Text: F.A.Z., 17.07.2007, Nr. 163 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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