Lust am Ekel

Die große Infektion

Von Christian Geyer

Deutsche Unterhaltung mit strengem Geruch: “Wetten, dass..?“

Deutsche Unterhaltung mit strengem Geruch: "Wetten, dass..?"

26. Januar 2009 Es gibt eigentlich nichts zu erzählen. Nur zu schnüffeln und zu würgen: Man riecht an Tierkot, man schluckt Känguruhoden und Krokodilsaugen. Dass aus diesem blanken Naturalismus, aus diesem Gekote und Gekotze überhaupt eine Erzählung wird, dass sich also ans „Igittigitt“ eine öffentliche Hermeneutik von Lob und Tadel knüpft – darin liegt der kulturelle Mehrwert von Dschungelshows bei RTL bis neuerdings auch „Wetten dass“ beim ZDF. Warum bleibt es nicht bei einem Rülpser, wenn Thomas Gottschalk ankündigt, mit seiner Kot-Wette Scheiße bauen zu wollen: „Wir laufen direkt gegen das Dschungelcamp – eure Scheiße können wir schon lange.“ Die Antwort ist: weil Kultur auf Infektion beruht und weil es keinen Erreger gibt, der in diesem Organismus einen Gewebeschaden verursachen könnte.

So ist selbst fundamentale Kritik an der Ekelmaschinerie ihr wirksamster Antrieb. Kulturkritiker schnüffeln und würgen im Dschungelcamp mit – wenn auch auf der Galerie. Ein paar Beispiele nur. Statt einfach „rülps“ zu machen, zieht ein inspirierter Kritiker der „Welt“ die direkte Linie von der öffentlichen Machtinszenierung des Sonnenkönigs zum heutigen Ekel-TV: „Der Sonnenkönig Ludwig XIV. perfektionierte das Spiel mit der Öffentlichkeit, man kann mit Fug und Recht sagen, dass sich das Privatfernsehen davon eine Sonnenscheibe abgeschnitten hat.“

Unbehagen an der Zivilisation

Ambitionierter noch geht Richard Herzinger ran, der den Quotenschlager Ekel-Show zivilisationsgeschichtlich einordnet und in ein Verhältnis zur Wirtschaftskrise setzt: „In der Lust am Ekel offenbart sich ein unterschwellig nagendes Unbehagen an der Zivilisation. Der Anblick des Abstoßenden und Absonderlichen vermittelt eine Ahnung von Scheitern, Tod und Verfall, die im zivilen Alltagsleben ausgeblendet werden muss. Je mehr die Angst vor Abstieg oder jähem Absturz ins Bodenlose in der Konkurrenzgesellschaft zunimmt, umso reizvoller scheint die Konfrontation mit Ungeziefer, Maden und stinkenden Zersetzungssäften zu werden – jener Gegenwelt, in der wir früher oder später alle einmal verschwinden werden, deren Triumph wir aber so lange wie möglich hinauszögern wollen. Im bequemen Fernsehsessel kann die Bewältigung dieser Konfrontation spielerisch auf prominente Identifikationsfiguren abgewälzt werden.“ Wo, wie im Dschungelcamp, das Schnüffeln und Würgen selbst sprachlos bleibt, ist es auf die Versprachlichung einer noch so spekulativen Kulturkritik angewiesen.

Sie sorgt dafür, dass aus der Ekel-Masche ein metastasierenden Geschwulst wird. Die kulturelle Durchsetzungsstrategie des Dschungelcamps ist somit aufgegangen: Von der CSU-Europaabgeordneten (contra) bis Ingrid van Bergen (pro) hat der Ekel seine Erzähler gefunden. Ob Kritiker oder Befürworter – jeder Kommentator schnürt mit am Ekelpaket. Aber auch, wer angesichts einer mehrfachen Millionenquote tapfer schweigt, stanzt das ignorierte Phänomen heraus.

Ekelforschung ist Wirkungsforschung

Weil es außer „Igittigitt“ eigentlich nichts zu erzählen gibt, ist die Rezeption der Nicht-Erzählung das eigentliche Thema. Ekelforschung im Dschungelcamp ist Wirkungsforschung. Erst wenn man ins Gekote und Gekotze andere Themen mischt, funktioniert die Infektion. Keiner hat das so geistesgegenwärtig erfasst wie Dieter Bohlen, der den Image-Transfer vom „Dschungelcamp“ zu „Deutschland sucht den Superstar“ anstrebt. Demnach sollen seine Casting-Kandidaten in Zukunft konsequent sogenannten extremen Situationen ausgesetzt werden. Es solle getestet werden, wie sie sich halten, wenn sie beispielsweise mit einer Schlange um den Hals singen oder sich präsentieren, während sie kopfüber in fünfzehn Meter Höhe an einem Seil hängen.

Auf andere Weise arbeitet Desirée Nick (Dschungelkönigin aus der zweiten Staffel) an der kulturellen Aufladung der Ekel-Idee. Die Schauspielerin weist auf den Zugewinn von Sprachkultur hin, der mit der Krönung Ingrid van Bergens als Dschungelkönigin der vierten Staffel verbunden sei: „Wann hat man denn im deutschen Fernsehen eine so wohltuende Sprachkultur geboten bekommen wie die der Frau van Bergen? Diese Frau müsste einen Grimme-Preis dafür kriegen, was sie an Sprecherziehung im alten Stil leistet. Wie sie von dem Totschlag an ihrem Lebensgefährten erzählt hat, erinnert an die Auftritte von Elisabeth Flickenschildt in den Edgar-Wallace-Filmen. Daran sollten sich Krimiautoren ein Vorbild nehmen. Und wenn sie ihren Monolog mit den Worten beendet, ,ich habe ihn wirklich geliebt‘, dann ist das ganz großes Theater.“

Man sieht: Dafür, dass es zum Dschungelcamp eigentlich nichts zu erzählen gibt, wird eine Menge erzählt. So schaurig-schön wird über den Ekel gesprochen, dass Deutschlands Feuchtgebiet gut bewässert bleibt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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