
als musiker und musikpädagoge, der sowohl in dtl. als auch in ungarn studiert hat, kann ich frau elschenbroichs aussagen voll und ganz bestätigen. zwar leisten unsere musikschulen vortreffliches, allerdings kann an den grund- und hauptschulen von einem sinnhaften und zielorientierten musikunterricht nicht mehr die rede sein. ein fach, das von den maßgebenden personen nicht ernstgenommen wird, wird irgendwann auch von den schülern nicht mehr ernstgenommen, und damit beginnt der alptraum des entmachteten lehrers. ich behaupte, dass nach dem schulabschluss die meisten menschen schneller ihre mathestunden vergessen werden und möchten, als ihre musikstunden. dennoch, mathe ist ja so wichtig, und die meisten verstehen auch 20 jahre nach dem abi noch nicht warum eigentlich. warum nicht mit diesem vorsatz das musik-curriculum erarbeiten? wie wäre es mit der vorgabe ein bestimmtes niveau an blattsing-vermögen in der 10 klasse erreicht haben zu müssen, um nicht versetzungsgefährdet zu sein? kodaly schickte seine besten leute durch ganz europa um aus allen ländern das beste mitzubringen, daraus zimmerten er und sein kollegen dann diese wirklich einmalige methode. es wäre an der zeit, dass wir gute leute ausschicken um ideen zu sammeln.

"der Renaissance, Palestrina, Orlando di Lasso, Monteverdi sollten seiner Meinung nach eingehen ins Repertoire der Schulkinderchöre."
Wer so etwas fordert, hat keine Ahnung was möglich ist. Das mit würde der Kinderchor ausschließlich ein Spielfeld für überdurchschnittlich Begabte, damit diese Werke mit Kindern gesungen werden können.
Was Frau Elschenbroich als Mißstand beschreibt, ist eigentlich das Ergebnis eines Bemühens Musik allen zugänglich zu machen. Wer sich Instrumentalschulen von vor 100 Jahren und heute ansieht, wird eine Entwicklung erkennen, dass man versucht auch dem Unbegabten möglich zu machen, Musik zu erlernen. Niedrig anfangen und langsam steigern.
Aber auch hier kann man auf Qualität bestehen.
Letztendlich vertritt Frau Ellenbroich einen sehr verengten Musikbegriff und diesen mit einem elitären Dünkel. Solchen Menschen halte ich gerne entgegen: Ist die Musik für den Menschen da, oder der Mensch für die Musik? oder "Wer "Alle meine Entchen" nicht ehrt, ist des Mozarts nicht wert.

Wir müssen leider konstatieren, dass in Europa nach weltweit einmaliger Entwicklung (Notenschrift ...!) bis hin zur Deutschen Romantik heute die Mehrzahl der Deutschen die Schule völlig unterfordert als musikalische Analphabeten verlässt und dass sich "musikalische" Umwelt, von ein paar verzerrten Akkorden abgesehen, auf lautstarke Einstimmigkeit und Endloswiederholungen reduziert. Spannung wird nur noch über außermusikalisches Show-Beiwerk über deplatzierte Dauerekstase zu erzeugen versucht. Spannungsbögen gibt es nicht mehr. So wird jegliche Musik nur noch als Droge konsumiert: Sie schafft Abhängigkeit, Rauschzustand und verlässt den Hörer durch Lautstärkeentzug am Ende. Andere Hörgewohnheiten können sich bei der Omnipräsenz dieser "Musik" kaum noch herausbilden. (Sogar Deutschlandradio "Kultur":Musik zu "Campus und Karriere"!!) Mode wird trotz Regression auch noch mit modern verwechselt. In Grundschulen vergeuden wir, wie es Frau A.S.Mutter sinngemäß formulierte, mit "lächerlichen Dingen" (Dosen ...) wertvolle Zeit der Entwicklung, statt die natürliche kindliche Leistungsbereitschaft zu nutzen. Unter der 68er Maxime, alles müsse von Anfang an Spaß machen, wurden die Ansprüche immer geringer und die Konzertbesucher immer älter.

sollte man lieber weniger reden:
"Das Buch von Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes“) hat da generationenlang Schaden angerichtet," sagen Sie.
1. ist dieses Buch ist erst 1979 erschienen, d. h. vor allenfalls gerade mal eben einer Generation.
2. Ist das Thema von Alice Miller die Entwicklung des Selbstempfindens des Kindes und deren Störung durch narzisstische Bedürfnisse der Eltern; die "Begabung" bezieht sich dabei mehr auf die Sensibilität des Kindes gegenüber diesen Einflüssen. Mit Förderung von musischen Begabungen oder künstlerischer Früherziehung hat das aber auch überhaupt gar nichts zu tun.
Ich denke nicht, daß die Theorien und Bücher von Alice Miller nun der Weisheit letzter Schluß sind. Aber man sollte sie zumindest kennen, wenn man Kompetenz in Sachen Pädagogik und kindlicher Entwicklung beanssprucht wie Frau Elschenbroich es tut.

Danke für den Beitrag. Möchte voll und ganz zustimmen!
Vermutlich steckt in den verquasten Anspruchslosigkeiten, die sich da in der "Musikerziehung" auszutoben scheinen, auch sehr viel Angst vor dem klassisch bürgerlichen ("elitären"!) Musikleben.
Dabei: Wer erlebt, wie junge Menschen in Jugendsymphonieorchestern begeistert bei der Sache sind, zu welchen beeindruckenden Leistungen sie fähig sind, und wie "ganz normal jugendlich" sie gleichwohl wirken und sich verhalten, sitzen sie gerade nicht auf dem Podium, der müsste dergleichen Vorurteile gegen das traditionelle bürgerliche Musikleben an sich schnell ablegen. (In dieser Hinsicht: Von Venezuela lernen, heißt Musikpädagogik richtig begreifen.)
Wenn es ein paar "Alleinstellungsmerkmale" der deutschen Kulturnation gibt, die es - und zwar ausdrücklich auch um ihrer selbst willen - zu bewahren, das heißt: lebendig zu halten lohnt, dann ist eines davon sicher die deutsche Musiktradition.
Die Einladung soll an alle Kinder gehen, natürlich. Aber Freude an Qualität und Leistung gehört unbedingt dazu (wie in allen anderen Fächern und überhaupt).
Beethoven verträgt sich nun einmal nicht mit genügsamer Selbstzufriedenheit.
Mehr Beiträge in dieser Herzensangelegenheit, bitte!

dieser artikel beschreibt exakt die not, die mit der musikalischen früherziehnung verbunden ist. ich selbst bin klavierlehrer und sehe mit entsetzen, was da passiert. lasst doch die kinder singen und dann frühzeitig ran an ein instrument. mozart oder beethoven hatten auch keine musikalische früherziehung, wohl aber eine ordentliche ausbildung an einem instrument. und wie der name schon sagt, geht es in der früherziehung um erziehung mit hilfe der musik und nicht um das erlernen eines instrumentes mit hilfe der pädagogik. im übrigen ist die musikalische früherziehung ein riesiges geschäft für die musikschulen, die im einzelunterricht zu wenig geld einnehmen. das ist alles sehr traurig, aber irgendwie gewollt unter dem vorwand der bildung.