06. Dezember 2007 Mehr künstlerischen Ernst, weniger Pädagogik wünschten wir uns jüngst für die musikalische Früherziehung (siehe: Mehr Musik, weniger Pädagogik: ein Plädoyer für musikalische Früherziehung). Nun befragen wir dazu die bekannte Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich.
Sie haben sich in Ihren Büchern immer wieder für die kindliche Bildung eingesetzt. Was beobachten Sie auf dem Gebiet der Musikerziehung?
Das Bild, das man sich in der Musikpädagogik vom Kind macht, hinkt, verglichen mit anderen Bildungsbereichen, noch weit hinterher. In der frühen Bildung hat sich in den letzten Jahren in Deutschland viel getan. Man traut den Kindern mehr zu und hat gelernt, dass man genauso viel Angst davor haben muss, sie zu unterschätzen, wie davor, sie zu überfordern. Aber in der Musikpädagogik sehe ich noch diese Tendenz zur Verharmlosung von Ansprüchen: als müsste man die Kindheit verteidigen als ein Reservat, einen Freizeitpark, verschont vom Ernst des Lebens. Was in die Richtung von Ansprüchen geht, wird mit Entfremdung oder Drill gleichgesetzt. Dadurch wird den Kindern viel vorenthalten.
Woher rührt diese Einstellung?
Im Fall begabter Kinder spielt da sicher auch Rivalität mit hinein, projiziert auf die Eltern. Ihnen wird unterstellt, dass sie nur aus persönlichem Größenwahn ihre Kinder zu musikalischen Leistungen antreiben wollten. Das Buch von Alice Miller (Das Drama des begabten Kindes) hat da generationenlang Schaden angerichtet. Die Eltern stehen mittlerweile unter einem solchen Selbstverdacht, dass sie sich dauernd fragen müssen, ob sie ein klavierspielendes Kind nicht noch ausgleichend in die Sportschule schicken müssen, damit es sich nicht vereinseitigt. Die Umwelt wacht darüber, dass man ein musikalisch anspruchsvolles Kind eher bremst.
Wie äußert sich diese Ausrichtung an Minimalansprüchen im musikpädagogischen Alltag?
Für die Reduzierung von Musik auf Wellness-Klänge braucht man keine Musikerziehung. Das ist sowieso schon vorhanden. Von allen Seiten strömen Klingeltöne auf die Kinder ein. Auch dieses verlegene Hochspielen von Klängen oder bloßer Geräuscherzeugung zu Musik, das man in Kindergärten und Schulen beobachten kann, banalisiert die Musik und die Kinder. Da klappern Siebenjährige auf Schlaginstrumenten, und hinterher heißt es von der Lehrerin mit gespieltem Staunen in der Stimme: Jetzt habe ich aber was Schönes gehört! Super habt ihr das gemacht. Es kann auch nicht nur darum gehen, dass den Kindern erklärt wird, wie Instrumente heißen und wie sie gebaut sind, ohne dass sie selber lernen dürfen, wie man ein Instrument spielt. Es ist ja nur äußerlich, wenn ein Kind sagen kann: Das ist ein Bratschenbogen. Da kann sich ein totes Wissen vor die Erfahrung von Musik schieben. Das bleibt Besserwisserei, solange das Kind keine wirkliche Erfahrung damit verbindet.
Wie kommt es Ihrer Ansicht nach zu diesem Defizit?
Man traut den Kindern zu Unrecht nicht zu, dass sie etwas suchen, das größer ist als sie selbst. Wenn man Kinder genau beobachtet, sieht man, wie sie sich anstrengen wollen, wie das Nichtwissen, Nichtkönnen ihnen fast weh tut und wie sie ihre Sinneseindrücke immer steigern wollen. Vielleicht weichen wir Erwachsene ins Pädagogische aus, wenn wir in Bereiche hineinkommen, wo unser Generationenvorsprung nicht mehr so signifikant ist. Im Bereich der ästhetischen Erfahrung kommt man mit dem Erklären an Grenzen. Aber Kinder erwarten gar nicht, dass Erwachsene immer schon alles wissen. Wichtiger ist das geteilte Musikerlebnis. Erwachsene sollten mit Kindern die Musik hören, die ihnen selbst nahegeht. Davon werden die Kinder berührt.
Sie glauben also, dass die Qualität eines Musikstückes schon von Anfang an wichtig ist?
Unbedingt. Es gibt wunderbare Aussagen dazu von Zoltán Kodály, dem ungarischen Komponisten und Musikpädagogen. Er sagte zum Beispiel: Wenn die Nahrung, die wir den Kindern geben, so schlecht wäre wie die Musik, die wir ihnen zumuten, dann wären sie schon lange nicht mehr am Leben. Chorwerke der Renaissance, Palestrina, Orlando di Lasso, Monteverdi sollten seiner Meinung nach eingehen ins Repertoire der Schulkinderchöre. Niemand ist zu groß, um für die Kleinen zu schreiben, lautete seine Devise. Und er forderte, dass die jüngsten Kinder von den qualifiziertesten Lehrern unterrichtet werden sollten. Ein schlechter Operndirektor wird bald davongejagt, aber ein schlechter Dorfschullehrer kann dreißig Jahre lang in Tausenden von Kindern die Liebe zur Musik abtöten.
Sehen Sie auch positive Entwicklungen?
Die Kindergärten in Deutschland sind für die Kinder interessanter geworden, vielseitiger in ihren Angeboten. Wenn es da Forscherecken gibt oder eine Wasserwerkstatt, eine Schreibecke, eine Küche, in der Kinder selber kochen, können sie entdecken, dass sie auf diese Angebote unterschiedlich anspringen. Ich denke, dass das ganze Begabungsproblem allmählich etwas an Polarisierung verliert. Die Tatsache, dass die Menschen unterschiedlich sind, scheint jetzt mehr toleriert zu werden.
Spielt die Musik in diesen fortschrittlicheren Kindergärten eine Rolle?
Da ist das noch nicht so richtig angekommen. Ich habe das Gefühl, dass sich da die Erwachsenen ducken und kleiner machen, als sie sind - und die Kinder mitspielen müssen. Kinder sind ja gutmütig. Die hopsen dann nach irgendwelchen Fahrradklingeln herum. Aber im Grunde werden sie unter ihrem Wert angesprochen, und auch die Erwachsenen sind albern. Dieses Gerassel, diese Vorliebe für Geräuschmacher - haben Erwachsene Angst vor der Musik als Kunst? Was herauskommt, ist peinlich. Unter dem Vorwand, bei Kindern und Eltern keinen Ehrgeiz aufbauen zu wollen und ihnen Enttäuschungen zu ersparen, verstellt man Kindern übrigens auch die Möglichkeit, Techniken des Übens zu entwickeln. Dabei lieben Kinder es, etwas zu üben, sie tun es ja auch spontan von sich aus.
Wie wäre die Situation zu verbessern?
Ausgehen sollte man immer wieder davon, dass jeder Mensch von Geburt an musikalisch ist. Die Kommunikation zwischen Mutter und Säugling ist eine primär musikalische mit vielen sanglichen Elementen. In Japan spricht man interessanterweise mit den Kindern bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren mit der musikalisierten Kopfstimme. Wir legen dagegen mehr Wert darauf, schon bald vernünftig und partnerschaftlich mit dem Kind zu sprechen, wir senken die Stimme ab, und das Singen tritt in den Hintergrund.
Was schlagen Sie vor?
Mein Rat lautet zum einen: singen, singen, singen! Das sollte schon vor dem Kindergartenalter, in den jetzt auszubauenden Krippen, eine wichtige Rolle spielen. Das Singen soll durchaus verbunden sein mit einem gewissen Anspruch an Gestaltung. Phrasierung, Dynamik - solche musikalischen Grunderfahrungen mit dem eigenen Musikinstrument, der Stimme, verankern im Kind die Gewissheit: Ich bin musikalisch. Und wenn Kinder mit ihrer Stimme üben oder mit einem anderen Instrument, üben sie sich immer auch im ästhetischen Urteilen: Was ist besser, was ist schön? Ich habe mir schon einmal gedacht, ob man nicht in den Kindergärten ein Zimmer einrichten sollte, in dem die Kinder ein Musikinstrument üben können. Ideal wäre es, wenn eine Lehrkraft aus der Musikschule regelmäßig dazukäme. Und wichtig ist auch, dass sich das musikalische Repertoire wieder erweitert. Das ist ja auch so kindisch geworden, immer nur Peter und der Wolf.
Wenn überhaupt!
Man müsste investieren, um ein gutes, internationales Repertoire fürs Singen in Krippe und Kindergarten aufzubauen. Musik ist nicht nur lustig, und Musik soll nicht nur als Entertainment erlebt werden. Als Kind liebt man doch das Tragische! Moll ist doch viel interessanter als immer nur dieses penetrant diatonische Dur. Und Dissonanzen sind spannend, im Leben und in der Musik.
Das Gespräch führte Julia Spinola.
Text: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite 37
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