Interview

Was braucht eine moderne Universität?

Aufholjagd: die Humboldt-Universität

Aufholjagd: die Humboldt-Universität

02. Februar 2006 Eine Säge, ein Pferd, eine Kette: Ein Gespräch mit Christoph Markschies, dem Präsidenten der Humboldt-Universität, über Forschung, Lehre und den Wettbewerb zwischen den Hochschulen.

F.A.Z.: Herr Professor Markschies, am Montag werden Sie feierlich in Ihr neues Amt als Präsident der Humboldt-Universität (HU) eingeführt. Treten Sie in einer besonders schwierigen Zeit an?

Ich bin ein unerschütterlicher Optimist und deshalb denke ich, es ist ein Moment, der außerordentliche Chancen bietet. Der angekündigte Wegfall des Hochschulrahmengesetzes könnte einen Gestaltungsspielraum öffnen, wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten. Auch der Exzellenzwettbewerb bietet, wenn es gut geht, der deutschen Universität ganz neue Möglichkeiten. Ich meine auch, eine Entideologisierung bei manchen Hochschulpolitikern festzustellen. Wenn bestimmte Begriffe nicht mehr sofort panische Reflexe auslösen, ist das sehr erfreulich.

Stichwort dritte Säule im Exzellenzwettbewerb: Die HU ist trotz hoher Erwartungen erst einmal gescheitert. Was ist passiert?

Vorsichtig formuliert hat die Universität einen wenig überzeugenden Antrag abgegeben. Erbeten war eine Definition der wissenschaftlichen Ziele, nennen wir das einmal metaphorisch eine Beschreibung des Hauses, das die HU sein will, und eine Liste der Werkzeuge, um es weiter auszubauen. Aber wir haben in unserem Antrag nicht nur das Haus unzureichend beschrieben, wir haben auch nur ein einziges Werkzeug, sagen wir: eine Säge, beantragt. Und haben versäumt zu sagen, wo wir die Säge ansetzen wollen.

Wie konnte ein derart schlechter Antrag abgegeben werden?

Das hat mit dem personellen Wechsel an der Universitätsspitze mitten im Bewerbungsverfahren zu tun. Die Universität hatte zudem keine ausreichend wissenschaftlich profilierten Ziele definiert. Oder anders gesagt: Während der Kürzungsdiskussionen ist lange nur auf dem Niveau diskutiert worden, wie viele C4-Professuren die Bibliothekwissenschaften brauchen. Dieses Aufzäumen der Universitätsentwicklung über Strukturgedanken ist ohnehin falsch. Wir müssen erst einmal wissen, was für ein Pferd wir haben wollen und wohin es laufen soll.

Was wird sich im nächsten Antrag ändern?

Es wird eine schonungslose Analyse der Stärken und Schwächen der Universität geben. Im Grunde hat sich die HU ja erst in den neunziger Jahren, bekleidet mit einem dünnen Turnerleibchen, auf die Aufholjagd machen können. Und da sollte man auch ehrlich sagen, wo sie bei dieser Aufholjagd steht, und was sie realistisch erreichen kann. Das klingt sehr nüchtern, aber ich finde, Nüchternheit ist eine gute Tradition in Berlin-Mitte.

Wie also soll die Humboldt-Universität im Jahr 2011 aussehen?

Erstens soll sie ein eigenständigeres wissenschaftliches Profil entwickelt haben. Ich habe den Eindruck, daß sich die HU seit 1994 dadurch auszeichnet, herausragende Köpfe mit großer Neugier auf andere Disziplinen gewonnen zu haben. Diese Kultur eines disziplinären Zugriffs auf die Welt mit großer Neugier auf andere sollte Programm werden. Das zweite große Thema ergibt sich mit Blick auf unser zweihundertjähriges Jubiläum 2010. Wir können es nur dann angemessen feiern, wenn die HU Ideen zur Beförderung der Modernität der deutschen Universität anzubieten hat. Es gibt in dem Schleiermacherschen Gutachten zur Universitätsreform von 1810 einen wunderbaren Satz: „Die Fakultäten sind völlig veraltet, aber wir haben nichts Besseres.“ Diese Nüchternheit durchzieht die Reformliteratur der Gründungsphase. Also keine überhasteten Reformen, kein abstrakter Modernitätsbegriff, sondern kluge Impulse setzen, das wäre mein Ziel. Zum Beispiel ein Institut für Geschichtswissenschaften, in dem die traditionelle Abgrenzung zu den Regionalwissenschaften aufgehoben wird.

Muß man sich dann auch von bestimmten Bereichen verabschieden? Wer auf die Gipfel will, muß ja auch durch Täler.

Ich war immer schon ein Anhänger dessen, was so schrecklich „Volluniversität“ heißt. Es gibt Bereiche, auf die eine Universität nicht verzichten kann. Eine Universität ohne Musikwissenschaft ist keine Universität, hat Hans-Georg Gadamer immer gesagt, und er hat Recht! Aber wir müssen natürlich Schwerpunkte setzen. Das haben wir, wenn ich etwas Selbstkritisches sagen darf, noch nicht klar genug formuliert. Das gilt für die Berliner Hochschullandschaft insgesamt: Es ist noch nicht deutlich, wo im Wettbewerb und in der Kooperation der Berliner Universitäten die jeweiligen Schwerpunkte liegen.

Schauen Sie, wenn Sie Schwerpunkte definieren, was die anderen besonders gut können, um sich dann etwas Eigenes zu suchen? Oder schließen Sie gleichsam die Augen und sagen, in diesem Fach sind wir besonders gut, ganz gleich, ob die Freie Universität da auch Exzellentes zu bieten hat?

Wir tun beides. Die HU steht in einer Umbruchphase, ihre Granden werden während meiner Zeit als Präsident emeritiert werden. Das zwingt dazu, auf sich selbst zu schauen, sich mit der neuen Forschergeneration hinzusetzen und vielleicht tatsächlich mit geschlossenen Augen nach eigenen Zielen zu fragen. Dann muß man in einem sehr schwierigen Prozeß in einer Stadt mit unterschiedlichen Milieus zur Verständigung mit den anderen Hochschulen kommen. Wir können ja zum Beispiel nicht übersehen, daß an der Freien Universität ein beeindruckender islamwissenschaftlicher Schwerpunkt entstanden ist.

Ich stelle mir vor, daß die HU ein Zentrum für Lebenswissenschaften werden soll, das nicht nur Medizin und Biologie umfaßt. Wir haben eine sehr spannende Medizinethnologie, das gibt es sonst in Deutschland praktisch überhaupt nicht. Die Philosophie kann zu diesem Thema beitragen, die Theologie und viele andere Disziplinen. Daß es in der Charite Tendenzen gibt, die Geisteswissenschaften in die Medizinerausbildung einzubeziehen, finde ich großartig. Es geht also nicht bloß darum, das zusammenzufügen, was für eine bestimmte biomedizinische Fassung gebraucht wird. Wir müssen weitergehen, es kann doch nicht so bleiben, daß wir über die wichtigsten Fragen unserer Zukunft auf dem Stand der Kontroverse zwischen Luther und Erasmus reden.

Wenn wir Sie richtig verstehen, wollen Sie die Humboldt-Universität über ihre Forscher profilieren. Welche Ansprüche stellen Sie an die Lehre?

Die berühmte Formel von der Einheit von Forschung und Lehre muß ihren Monstranzcharakter verlieren! Diese Einheit muß nicht immer in einer Person verwirklicht sein, sondern in der Institution als Ganzer. Man muß die Frage stellen, ob es nicht unter den Forschern unterschiedlich ausgeprägte Lehrtalente gibt. Ich persönlich lehre übrigens sehr gern und werde das auch als Präsident tun.

Werden sich Wissenschaftler stärker differenzieren in Lehrende und Forschende?

Auf jeden Fall. Deshalb wollen wir Positionen für Lehrende schaffen, und anderen ermöglichen, sich ganz auf ihre Forschung zu konzentrieren. Bisher ist das nicht möglich, man kann seine Lehrpflichten nicht auf andere übertragen. Dazu muß die Lehrverpflichtungsordnung verändert werden, und es wäre gut, wenn in einem Exzellenzwettbewerb auch Gelder speziell für die Einstellung von auf Lehre spezialisierten Personen fließen würden

Ein hochschulinterner Exzellenzwettbewerb also: Die besten Professoren bleiben Forscher, der Rest ab in die Lehre?

Nein, es gibt nach wie vor großartige Forscher, die wunderbar lehren. Man darf sich da nicht in irgendwelche Diastasen zwingen lassen. Aber grundsätzlich wollen wir eine Differenzierung ermöglichen. Zugleich müssen wir darüber nachdenken, wie die Forschung, die sich zusehends an außeruniversitäre Einrichtungen verlagert, zurückgeholt werden kann.

Wie vertragen sich Ihre Reformpläne mit dem erklärten Ziel der Politik, die Studentenquote weiter zu steigern?

Es wäre schlecht mit der Autonomie der Universität zu vereinbaren, wenn Forderungen der Politik von uns sofort gewissermaßen durchgestellt würden. Wenn ich also nicht davon überzeugt wäre, daß eine gewisse Steigerung der Studierendenquote angesichts der wirtschaftlichen und demographischen Lage Deutschlands sinnvoll ist, würde ich laut dagegen auftreten. Ich bekomme am nächsten Montag eine prächtige Amtskette überreicht, ein Symbol der Souveränität. Will sagen: wir machen nur das, was wir für sinnvoll halten.

Eines ist es, sich Ideen und Konzepte auszudenken, das andere, sie umzusetzen. Wieviel Einfluß hat ein Universitätspräsident denn? Wieviel soll er haben? Man hört von Rektoren, die Berufungslisten aus den Fakultäten zurückweisen.

Um es sehr schroff zu sagen, die deutsche Universität oszilliert immer zwischen den Extremen. Zuerst hatten wir das Prinzip der absoluten Kollektivierung, jetzt haben wir die Wiedereinführung des Durchgriffs von oben. In der Verfassung der Sächsischen Landeskirche steht: „Der Landesbischof leitet die Kirche allein mit der Macht des Wortes.“ So ist es hier nicht. Es gibt schon ein paar Mittel, mit denen man das Wort unterstützen kann. An einer Universität entscheidet aber die wissenschaftliche Kompetenz, also versuche ich, mich in Fragen der Berufung wissenschaftlich sachkundig zu machen. Dabei muß man aber auch dem Sachverstand der eigenen Universität trauen. Sich in alles einmischen, wäre ein Schritt in den Dilettantismus.

Sie sind der einzige Theologe, der eine deutsche Universität leitet. Haben Sie den Eindruck, sich gegenüber Naturwissenschaftlern besonders rechtfertigen zu müssen?

Als evangelischer Theologe ist man Spezialist für Rechtfertigungsfragen! Aber im Ernst, wir Geisteswissenschaftler haben in einem Punkt einen Nachholbedarf. Ich kenne viele naturwissenschaftliche Kollegen, mit denen man sich über die Gesellschaftsgeschichte von Hans-Ulrich Wehler unterhalten kann. Ich kenne aber ganz wenig Geisteswissenschaftler, die physikalische Literatur gelesen haben. Früher, und das lebt noch nach, wären Sie als „Apothekenwissenschaftler“ ein gesellschaftlicher Außenseiter gewesen, wenn Sie nicht Goethe gelesen hätten. Was wir heute brauchen, ist auch das Umgekehrte: daß sie als Historiker etwas über die physikalische Zeitdiskussion wissen müssen.

Und die Qualifikationen eines Theologen für ein Präsidentenamt?

Geduldig zuhören zu können, trösten können, mahnen können.

Die Fragen stellten Jürgen Kaube, Christian Schwägerl und Heinrich Wefing.



Text: F.A.Z., 03.02.2006, Nr. 29 / Seite 40
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche