Bevölkerungsrückgang

Mehr Kinder! Sofort?

Von Christian Schwägerl

11. August 2005 Mit Wucht hat sich die Erkenntnis, wie wenige Kinder es in Deutschland gibt und wie stark die Gesellschaft altert, bereits ausgebreitet. Doch noch immer bieten sich erstaunliche Möglichkeiten, das Populationsphänomen jenseits der Alltagserfahrung anschaulich, faßbar zu machen. Das ist nun einmal mehr dem "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" gelungen, einer kleinen, kreativen Denkfabrik unter Leitung des Publizisten Reiner Klingholz.

Das Berlin-Institut legt dar, wie schnell und wie drastisch die Zahl potentieller Mütter zurückgehen wird, oder andersherum gesagt: Wie viele Kinder zur Welt kommen könnten, würden sich die älteren der potentiellen Mütter von heute und ihre Partner noch für Kinder entscheiden. Es geht um die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre, die deutschen "Baby-Boomer", deren weibliche Vertreter den Wechseljahren entgegengehen.

In etwa zehn Jahren werden die jüngsten von ihnen aus der Lebensphase der Fertilität heraustreten. Setzt man 1970 als letzten geburtenstarken Jahrgang an, sind deren jüngste weibliche Mitglieder heute bereits fünfunddreißig Jahre alt. Nach 1970 übte sich Deutschland bereits als Pionier der Kinderarmut. Der Gruppe der Frauen zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig Jahren gehören nun siebeneinhalb Millionen Frauen an. In der deutschen Alterspyramide bilden sie eine deutliche Ausbuchtung im Mittelbau. Die nächstjüngere Gruppe, Frauen, die heute zwischen fünfundzwanzig und vierunddreißig Jahre alt sind, zählt nur noch fünf Millionen potentielle Mütter.

Zielgruppe: die Fünfunddreißig- bis Fünfundvierzigjährigen

Bekämen nur zehn Prozent der potentiellen Mütter der Baby-Boomer-Generation Kinder, weil der Staat ihre finanzielle Sicherheit erhöhe oder ihre Berufschancen absichere, wären dies 750.000 Kinder. Für denselben Effekt müßte man einige Jahre später schon fünfzehn Prozent der Frauen über fünfunddreißig Jahren erreichen. Die geburtenstarken Jahrgänge hätten eine große Zahl von Kindern zugleich am nötigsten, heißt es in der Argumentation des Instituts: Wenn sie in Rente gingen, träten ihre Kinder ins Arbeitsleben und würden dann erstmals in die Sozialversicherung einzahlen. Allein das Geld, das je drei dieser Erwachsengewordenen für einen einzelnen Rentner erwirtschafteten, könne verteilt werden. Anders formuliert, erreicht uns folgende Mahnung des Instituts: "Kinder von heute sind die Konsumenten, Produzenten und Einzahler in die Sozialsysteme von morgen."

Das Maßnehmen an der Alterspyramide führt das Berlin-Institut zu der Folgerung, daß sich, wer die Neigung zum Kind durch staatliche Maßnahmen befördern will, am besten beeilen und die stärkeren Jahrgänge der Frauen, die heute zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig Jahre alt sind, als Zielgruppe ansprechen sollte. Da diese Gruppe um ein Drittel größer sei als die nächstjüngere, ließe sich dem Institut zufolge durch eine familienfreundlichere Politik ein deutlich größerer Babyboom auslösen als zu jedem späteren Zeitpunkt.

Die Parteien überschlagen sich mit Andeutungen

Es hat in den vergangenen Jahren leider vieler solcher kalter Zahlen und Graphiken bedurft, um das Empfinden für einen kritischen Punkt des Ausbleibens von Kindern und der kollektiven Alterung in der politischen wie in der ökonomischen Führungsschicht zu wecken und in die Bevölkerung zu tragen. Auf den Straßen und Plätzen, ja selbst in den Schulen ist das offenbar sehr lange niemandem aufgefallen. Die Wissenschaft wurde zum Ersatz für einen Reflex, der eigentlich im Mitmenschlichen daheim sein sollte, der aber weitgehend ausgeblieben ist, weil es offenkundig Wichtigeres gab als die Frage, wo eigentlich die Kinder sind.

Nun, da durch Analysen wie die von Klingholz nur noch die Begreifbarkeit verbessert werden kann, hat eine Phase der Betriebsamkeit begonnen, in der immer neue Rezepte auf den Markt kommen, was nun zu tun sei. Die politischen Parteien überschlagen sich mit Ideen und Andeutungen etwa zu Babyprämien wie in Schweden und in Estland sowie für andere "Anreize", deren Finanzierung freilich selbst bei der Union noch weniger gesichert ist als die von ihr geplante höhere Subventionierung von Traktorendiesel. Wie genau der Staat die Entscheidung für Kinder erleichtern kann, darf und soll, das eröffnet der nächsten Regierung ein ebenso weites wie schwieriges Experimentierfeld.

Mehr Kinder durch Förderprogramme?

Die Familienpolitiker, die sich vom Herbst an mit der Einlösung ihrer Versprechen zu befassen haben, stellen diese Befunde vor mehrere schwierige Fragen. Folgt man dem Rechenmodell, gälte es herauszufiltern, welche speziellen Bedürfnisse, auf deren Gestaltung der Staat überhaupt Einfluß hat, die Zielgruppe der Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen umtreibt. Es geht hier wohl kaum um fünfzig Euro weniger oder mehr, sondern vielmehr um Fragen des flexiblen Arbeitsrechts, das Vermeiden eines Karrierelochs oder die optimale medizinische Versorgung für Mutter und Kind bei einer Schwangerschaft in reiferem Alter.

Doch wie mechanistisch läßt sich eigentlich eine bestimmte Bevölkerungsgruppe familienpolitisch bearbeiten? Der Staat nimmt zwar fortwährend Einfluß auf das Verhalten seiner Bürger, im Straßenverkehr ebenso wie bei den alltagsprägenden Möglichkeiten einer guten Kinderbetreuung oder einer Elternzeit. Mittlerweile entsteht aber der Eindruck, nicht Eltern bekämen Kinder, sondern der Staat könne sich Kinder durch Förderprogramme basteln. Dessen enthält sich auch das Berlin-Institut nicht, das seine kleine Analyse und das Plädoyer für Babyprämien mit der Forderung "Mehr Kinder - sofort!" betitelt hat. Daß dem Grenzen gesetzt sind, soll niemanden von Förderprogrammen abhalten. Eine Verengung auf Finanzielles wäre aber gefährlich. Vielleicht kommt es auf ganz anderes an, auf eine weitere, nur teilstaatliche Sphäre.

Sonderfall Deutschland: der Kinderwunsch geht zurück

Was Deutschland nämlich von vielen anderen Staaten unterscheidet, ist nicht so sehr der Rückgang der Geburtenzahlen als der Rückgang des Kinderwunsches, von tendenziell zwei auf tendenziell nur ein Kind. Abstrakte Kinderwünsche bestehen eher unabhängig von der Frage, ob die Öffnungszeiten des Kindergartens zu knapp bemessen sind. Auf dieser Wunschebene entscheiden ganz andere Faktoren.

Zumindest möglich erscheint es zum Beispiel, daß neben der normativen Sozialisierung der neuen Elterngeneration in einer kinderärmeren Gesellschaft auch der gesamtgesellschaftliche Pessimismus in Deutschland, die kollektive Depression, das Jammern und endzeitliche Reden vom Niedergang, ja pikanterweise auch der Alarm in demographischen Fragen zu einem düsteren Klima beitragen, das vitale Wünsche drosselt. Wer das Gefühl vermittelt bekommt, mit Kindern nur Bedienstete der nächsten Rentnergeneration in die Welt zu setzen, mit denen er einsame Stunden auf verwaisten Spielplätzen zu verbringen haben wird, den mag das eher abschrecken als der Verzicht auf Restaurantbesuche, durch den die Windeln finanziert werden müssen. Gerade die Zielgruppe der in den sechziger Jahren Geborenen war in ihrer Jugend Weltuntergangsszenarien grün gepolter Lehrer ausgesetzt. Damals hieß es, man dürfe in diese Welt keine Kinder setzen. Heute heißt es, man solle Kinder bekommen, weil die demographisch-ökonomische Lage so düster sei. Ob das überzeugender ist?

Die Ökonomisierung entwertet die Kinder

Es fehlt an optimistischen Szenarien. Wie dem Erstaunen, daß Frauen in reiferem Alter heute sicherer noch Kinder bekommen können als früher. Oder der Vorstellung, daß den deutschen Baby-Boomern im Renteneintrittsalter von heute, also dann 2030, alle Segnungen der Gen- und Stammzelltechnologie zur Verfügung stehen werden, was ihnen ein eigenständiges, vitales Erwerbsleben bis ins hohe Alter ermöglichen könnte, was wiederum die Abhängigkeit von den hoffentlich vielen Jungen reduzieren würde.

Doch die Entwicklung verläuft anders: Manche Äußerungen klingen schon so, als wären Kinder neuerdings auch biopolitische Ressource zur Füllung von Vorsorgelücken. Ihre Ökonomisierung als Konsumenten und Beitragszahler der Zukunft entwertet Kinder just in dem Moment, da die ideelle Wertschätzung für Kinder steigen soll. Diese Einwände beseitigen nicht die Lehren, die es aus der Zeitreihe des Berlin-Instituts zu ziehen gilt, die Dringlichkeit des Umsteuerns verschärft sich sogar noch. Vielleicht bekommt man in Zukunft dann wieder Kinder der Kinder wegen.



Text: F.A.Z., 11.08.2005, Nr. 185 / Seite 31
Bildmaterial: F.A.Z.

 
 
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